Sympathien für den Kreml: «Der Krieg ist zu verurteilen, aber irgendwie verstehe ich Putin auch»

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Sympathien für den Kreml«Der Krieg ist zu verurteilen, aber irgendwie verstehe ich Putin auch»

Laut einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia sympathisiert jeder dritte 18- bis 34-Jährige mit Putin. Fünf Menschen erzählen von ihren Überzeugungen. Russland-Experte Ulrich Schmid schätzt ein. 

von
Thomas Obrecht
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Russlands Präsident Wladimir Putin hat einen Angriffskrieg auf die Ukraine befohlen. 

Russlands Präsident Wladimir Putin hat einen Angriffskrieg auf die Ukraine befohlen. 

via REUTERS
Eine Umfrage zeigt: Jeder und jede dritte 18- bis 34-jährige Schweizerin hegt gewisse Sympathien für Putin und sein Vorgehen. 

Eine Umfrage zeigt: Jeder und jede dritte 18- bis 34-jährige Schweizerin hegt gewisse Sympathien für Putin und sein Vorgehen. 

AFP
Jüngst musste Russland im Krieg Verluste hinnehmen. Der russische Lenkwaffenkreuzer «Moskwa» war Mitte April gesunken.

Jüngst musste Russland im Krieg Verluste hinnehmen. Der russische Lenkwaffenkreuzer «Moskwa» war Mitte April gesunken.

Twitter/Screenshot

Darum gehts

  • Laut einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia kann sich jeder dritte Schweizer zwischen 18 und 34 Jahren mit Putin und seiner Strategie sympathisieren. 

  • Auch in den anderen Altersgruppen finden sich Sympathisanten. 

  • 20 Minuten lässt fünf von ihnen zu Wort kommen. Russland-Experte Ulrich Schmid nimmt die Aussagen unter die Lupe. 

Gemäss einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia hegt jeder dritte Schweizer zwischen 18 und 34 Jahren Sympathien für Putin und seine Strategie im Angriffskrieg gegen die Ukraine.  Auf einen Aufruf von 20 Minuten sind zahlreiche Meldungen von Leserinnen und Lesern eingegangen, die Putins Handeln nachvollziehen können. Der Tenor: Putin sei in diese Lage gedrängt worden, der Westen habe eine Mitschuld am Krieg und die Medien berichteten zu einseitig. 

20 Minuten lässt fünf Putin-Versteher zu Wort kommen und räumt ihnen Platz für ihre Überzeugungen ein. Ulrich Schmid, Russlandexperte und Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, beurteilt die Aussagen auf ihre Richtigkeit.  

Vladan (29)

«Der Krieg ist zu verurteilen, aber irgendwie verstehe ich Putin auch. Russland wurde zuvor vom Westen massiv provoziert. Die USA hat immer wieder nahe der russischen Grenze militärische Übungen durchgeführt. Zudem wurde das Versprechen, die Allianz nicht nach Osten zu erweitern, nicht gehalten.»

Ulrich Schmid: «Dass Russland vom Westen provoziert worden sei, wird nun als Narrativ vom Kreml immer weiter in den Vordergrund gerückt», sagt Schmid. Dagegen spreche, dass nicht die Nato aktiv versucht habe, osteuropäische Länder bei sich aufzunehmen, sondern diese Staaten von sich aus einen Nato-Beitritt gefordert hätten. Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn, die in der Vergangenheit von sowjetischen Truppen «befreit» wurden, wollten nach 1991 so schnell wie möglich unter den Schutzschirm der Nato.
Im Fall der Ukraine wurden laut Schmid sowohl der Nato- als auch der EU-Beitritt auf demokratischem Weg in die Verfassung aufgenommen. Der Wunsch zum Nato-Beitritt komme aus der Gesellschaft selber.

Vladan: «Ich denke, Putin wäre für Verhandlungen mit dem Westen durchaus bereit gewesen. Dass man ihn ignoriert hat, drängte ihn in eine Ecke.»

Schmid: Es stellt sich hier die grundsätzliche Frage, ob und wie andere Nationen auf einen unabhängigen souveränen Staat wie die Ukraine Einfluss nehmen dürfen. Mit welchem Recht soll Moskau einen ukrainischen Nato-Beitritt ablehnen können? Soll es im 21. Jahrhundert noch politische Einflusszonen geben?

Christophe (54)

«Sowohl Russland als auch die Ukraine betreiben Propaganda. Die westlichen Medien übernehmen aber nur die ukrainische, während die Russen als die Bösen dargestellt werden. Das stimmt einfach nicht. Für einen Konflikt braucht es immer zwei. Für eine ausgeglichene Berichterstattung müsste im gleichen Masse die russische Sichtweise abgebildet werden.»

Schmid: «Es ist nicht korrekt, dass Medien einfach den ukrainischen Standpunkt übernehmen. Es gibt genügend unabhängige Quellen, die von Kriegsverbrechen berichten und anschliessend in den Medien zitiert werden.» Wenn Russland die Ukraine überfalle, liege die Wahrheit laut Schmid aber nicht in der Mitte. «Der Kunstgriff der false balance wird von Russland sehr aktiv in die Diskussion eingebracht.» In der russischen Propaganda fände man vorwiegend die Rhetorik, dass die Ukraine immer Teil von Russland gewesen sei und man der ukrainischen Bevölkerung nur erklären müsse, dass die Ukrainer und die Russen gemeinsam ein Volk seien.  «Solche Aussagen sind wissenschaftlich schlicht nicht haltbar.»

Margrit (75)

«Selenski ist kein guter Politiker. Für die ukrainische Gesellschaft ist er zwar aktuell sehr wichtig, aber Selenski orientiert sich zu stark am Westen. Die Ukraine hat für Russland einen besonderen Stellenwert, dem trägt Selenski zu wenig Rechnung. Der ukrainische Präsident ist ein korrupter Politiker, der wissen müsste, dass es fürs eigene Land langfristig besser wäre, wenn sich das Land gegen einen Nato-Beitritt entscheiden würde.»

Schmid: «Das Selenski zu wenig Ahnung von den russisch-ukrainischen Verhältnissen hat, ist faktisch falsch.» Selenski sei in der Zentralukraine als russischsprachiger Ukrainer aufgewachsen und wisse, was es bedeute, als russischsprechende Person in der Ukraine zu leben. Zudem sei Selenski zu Beginn seiner Präsidentschaft vorgeworfen worden, zu stark pro-russisch zu sein. «Gerade durch den Austausch von Gefangenen ist Selenski von Gegnern häufig vorgeworfen worden, zu viele Kompromisse mit Russland einzugehen», sagt Schmid.
Seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar habe sich Selenski zwar eindeutig von Russland ab- und dem Westen zugewandt, doch das widerspiegelt die Einstellung der ukrainischen Bevölkerung.

Miroslav (31)

«Auch wenn ich mich deutlich vom aktuellen Krieg distanziere, scheinen Putin die Hände gebunden. Wenn die Ukraine bis an die Zähne bewaffnet wird, der Krieg so verlängert wird und Sanktionen Russland in den Ruin treiben sollen, wird Putin den Krieg weiterführen, sich stärker an Asien orientieren und sich nur weiter vom Westen entfremden. Ich kann nachvollziehen, dass er da an seiner Vorgehensweise festhält.»

Schmid: Putin hat den Krieg begonnen. Es gibt zur Zeit keinen erkennbaren Willen in der Ukraine, sich zu ergeben. Im Gegenteil: Die Eigenstaatlichkeit ist den Ukrainern viel wert – wenn die Ukraine sich jetzt ergäbe oder wenn der Westen die Ukraine im Stich liesse, dann würde die russische Aggression belohnt werden.

Fabian (44)

«Schon seit jeher werden die Russen als Bösewichte dargestellt. In vielen westlichen Filmen und Videospielen sind es meist die Russen, welche als hinterhältige Feinde dargestellt werden. Russland nun als die ‘Bösen’ darzustellen, nährt dieses Narrativ nur weiter.»

Schmid: Das Narrativ aus Filmen und Videospielen in die aktuelle Kriegslage mit einzubringen, hält der Experte für völlig falsch. «Es gibt sicher auch andere Filmbösewichte, welche keine Kriege anfangen.»

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