Aktualisiert 28.07.2014 15:57

Einblicke in sein Leben

Putin schläft bis 11 Uhr und hasst Moskau

Auf Fotos zeigt der russische Präsident nur selten Gefühlsregungen. Er inszeniert sich stets als unnahbar. Jetzt beschreibt ein Bericht anschauliche Details aus dem Leben des 61-Jährigen.

von
kko

Pokerface könnte sein Übername sein. Wladimir Putin beherrscht es perfekt. Auf Fotos ist er höchstens mit einem angedeuteten Lächeln oder Stirnrunzeln zu sehen. Lieber inszeniert er sich als Naturburschen hoch zu Ross oder bei der Jagd. Stärke demonstriert er auch politisch, etwa wenn er in der Ukraine-Krise Sanktionsdrohungen aus dem Westen trotzt.

Wer ist dieser Mann? Dieser Frage ging Ben Judah nach, Journalist beim US-Magazin «Newsweek». Seine Recherchen dauerten drei Jahre. Judah sprach in dieser Zeit mit Dutzenden Ministern, Lokalpolitikern, Übersetzern und Beratern (siehe Infobox unten).

Immer Hüttenkäse

Demnach ist Putin ein Nachtmensch. Er bevorzugt die «kalten Stunden» zum Arbeiten und schläft bis 11 Uhr. Frühstück - Omelette, Fruchtsaft, manchmal Porridge, immer Hüttenkäse - gibt es kurz nach Mittag. Putin besteht auf Lebensmittel aus der Produktion des russischen Patriarchen Kyrill.

Danach schwimmt Putin bis zu zwei Stunden. Wobei ihm laut Beratern seine politischen Einfälle kommen. Weiter stählt er seinen Körper mit Hanteln und nimmt Wechselbäder. Er trägt ausschliesslich massgeschneiderte Anzüge.

Perfektes Deutsch aus Agentenzeit

Nach dem Fitness beginnt das Tagesgeschäft. Der 61-Jährige liest russische und internationale Zeitungen. Deutsche liest er im Original - der Ex-KGB-Agent in Dresden spricht die Sprache fliessend. Englisch beherrscht er dank Privatunterricht. Putin lässt seine Mitarbeiter gerne stundenlang warten - und beobachtet sie dabei über Kameras.

Computer und Handy sucht man in Putins Büro vergeblich - zu unsicher. Er setzt auf Standlinien und Telefone aus der Sowjetzeit und abgelegte Berichte in roten Ordnern. Im Internet surft er selten. Die vielen Fenster, so Mitarbeiter, verwirrten ihn.

Er mag weder Moskau noch den Kreml

Der weitere Arbeitstag ist im 15-Minuten-Takt gegliedert: Empfänge, Preisvergaben, Besichtigungen. Diese finden meist in seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo statt. Putin mag Moskau nicht: zu viel Verkehr, schlechte Luft, zu viele Menschen.

Einsames Leben

In seiner Freizeit spielt der Präsident Eishockey. Putin liebt den Sport und organisiert alle paar Wochen ein Spiel mit seinem «inneren Kreis» - alten Freunde, die ihn «Boss» oder «Zar» nennen. Sonst soll er ein einsames Leben führen. Er spreche wenig. Seine zwei Töchter leben im Ausland, von seiner Frau Ljudmilla liess er sich im April scheiden. Die Eltern sind tot. Gerüchte über die Beziehung zu einer Sportlerin bleiben unbestätigt. Glücklich scheint Putin nur mit seinen Hunden zu sein.

Laut Buchautor Judah hat Putin viele Einschmeichler, die seinen Tonfall, sein Misstrauen gegenüber neuen Technologien, seine spöttische Bemerkungen imitieren. Politiker flüstern, wenn sich der Kremlchef im Raum aufhält. Doch der scheint nichts um sich herum mitzubekommen.

Putin schwor, nie wie Gorbatschow zu sein

«Ist man Putin nahe genug, erhält man den Eindruck, dass er noch so gerne abtreten würde», so ein Übersetzer. «Doch er weiss: In dem Moment, in dem sein eiserner Griff nachlässt, wird alles zusammenstürzen und er würde ins Gefängnis kommen und Moskau wird wie Kiew brennen.»

Ein Berater Putins erzählt: Für Putin sind Nikolas II und Michail Gorbatschow die grössten Kriminellen in der russischen Geschichte. Denn «sie warfen ihre Macht weg und liessen zu, dass diese von Hysterikern und Verrückten ergriffen wurde». Putin schwor, dies niemals zu tun.

Putin liebt

Wachteleier

Geschichtsbücher

Eishockey: für Putin ein «eleganter, männlicher und spassiger» Sport.

Ein schwarzer Labrador soll sein Lieblingshund sein.

Jagen und Jagdpartys: mit dem Helikopter fliegt Putin über die Weiten der Tundra und hält nach Bären und Tigern Ausschau.

Wechselbäder

Putin trägt ausschliesslich massgeschneiderte Anzüge.

Putin ist besessen von

Information: Jeden Morgen liest er erst die russischen Boulevardblätter wie Komsomolskaja Prawda, dann die wenig zensierten, kritischen Zeitungen wie den Kommersant und schliesslich die ausländischen Zeitungen.

Arbeit: Kein anderer russischer Führer habe seit Stalin so viel gearbeitet wie er, sagt Putin selbst.

Reisen in Russland: Putin hat am Flughafen Vnukowo einen eigenen Terminal. Ein Flugzeug transportiert seinen Autokonvoi, ein weiteres seine Delegation, ein drittes fliegt der Air Force One vorweg. Diese Flotte verlässt Moskau rund fünf Mal im Monat.

Sicherheit: Auf Staatsbesuchen im Ausland macht Putin aus dem Hotel, in dem er logiert, einen zweiten Kreml: Bis zu 2000 Zimmer werden dann auf den Namen des Präsidenten gebucht, Zimmer versiegelt, ein Speziallift eigens für Putin ausgestattet. Zwei Tonnen russisches Essen werden herangekarrt.

Zum Buch von Ben Judah

Ben Judah hat während drei Jahren sein Buch «Brüchiges Reich Wie Russland sich in Wladimir Putin verliebte und entliebte» geschrieben. Darauf basierend hat er für «Newsweek» den Artikel «Die privaten Vorlieben eines heutigen Diktators» verfasst, aus dem hier zitiert wird.

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