Aktualisiert 18.08.2012 10:44

Russische MachtspielePutin und die Popen - eine unheilige Allianz

Der Pussy-Riot-Prozess wirft ein Schlaglicht auf die Allianz zwischen Kreml und Kirche in Russland. Es ist ein Zweckbündnis: Beide sichern sich gegenseitig Macht und Pfründe.

von
Peter Blunschi
Patriarch Kyrill I. (rechts) zelebriert am 22. April vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein Massengebet gegen «aggressiven Liberalismus und die Entweihung der Kirchen» - eine Reaktion unter anderem auf den Pussy-Riot-Skandal.

Patriarch Kyrill I. (rechts) zelebriert am 22. April vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein Massengebet gegen «aggressiven Liberalismus und die Entweihung der Kirchen» - eine Reaktion unter anderem auf den Pussy-Riot-Skandal.

Prunkvoll und mächtig steht die Christ-Erlöser-Kathedrale am Ufer der Moskwa, unweit des Kremls. Bei Sonnenschein wird man durch das von den goldenen Kuppeln reflektierte Licht regelrecht geblendet. Die Kathedrale ist das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche und ein Symbol für ihre Wiederauferstehung nach dem Ende der Sowjetunion: Im 19. Jahrhundert von den Zaren erbaut, 1931 auf Befehl von Diktator Josef Stalin gesprengt und in den 1990er Jahren durch einen Erlass von Präsident Boris Jelzin wieder aufgebaut.

Ausgerechnet in diesem orthodoxen «Petersdom» protestierten die drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot im Februar gegen die enge Verzahnung zwischen Kirche und Staat im heutigen Russland. Eine solche Provokation konnten weder Klerus noch Kreml einfach hinnehmen. Denn für Präsident Wladimir Putin ist die orthodoxe Kirche ein Pfeiler seiner Macht. Und die Geistlichkeit profitiert von der Nähe zum Staat, die in Russland Tradition hat. Selbst zu Sowjetzeiten suchte die Kirche das Arrangement mit den Machthabern.

Putins Wahl ein «Wunder Gottes»

Viele Russen waren irritiert bis verärgert, als Patriarch Kyrill I. die erneute Wahl Putins zum Präsidenten als «Wunder Gottes» bezeichnete. Das Verhältnis der mächtigen Männer, die beide aus St. Petersburg stammen, gilt als eng und ist doch primär ein Zweckbündnis. Der Staatschef stützt sich auf den konservativen, gläubigen Teil der Bevölkerung, erst recht seit die städtische Mittelschicht den Protest gegen das System Putin entdeckt hat. Also gibt der frühere KGB-Agent sich gerne als frommer Kirchgänger, obwohl er in einem Interview ein ziemlich ambivalentes Verhältnis zu Gott erkennen liess.

Eine ambivalente Figur ist auch der seit 2009 amtierende Patriarch Kyrill. Der 65-Jährige gilt im Vergleich zu seinem Vorgänger als liberal, besonders gegenüber Andersgläubigen. Er hat Papst Benedikt XVI. bereits dreimal getroffen, und sein Besuch im katholischen Polen am Freitag kann angesichts der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen den beiden Ländern als historisch bezeichnet werden. Gleichzeitig betont er die Bedeutung der Moral und warnt vor «westlichen» Werten wie Säkularisierung und Liberalismus.

Die retuschierte Armbanduhr

Dabei muss sich Kyrill I. in Sachen Moral selbst unangenehme Fragen gefallen lassen. Das betrifft vor allem seinen Hang zum Luxus, der regelmässig für Spott und beissende Kritik sorgt. Er besitzt eine teure Wohnung an bester Lage in Moskau. Im April veröffentlichten seine Mitarbeiter ein Foto, auf dem die teure Breguet-Armbanduhr des Patriarchen wegretuschiert worden war. Peinlich für den Oberhirten: Auf der glatt polierten Tischplatte war das Spiegelbild der Uhr deutlich zu erkennen.

Mehr als nur peinlich sind Vorwürfe russischer Journalisten, wonach Kyrill in den 90er Jahren Gelder aus der Einfuhr zollfreier Zigaretten für sich abgezweigt hatte. Damals leitete er als Metropolit das Aussenamt der russisch-orthodoxen Kirche, das vom Staat aus «humanitären Gründen» die Bewilligung zum Zigarettenimport erhalten hatte. Angeblich soll der fromme Kirchenmann dabei ein Vermögen in Milliardenhöhe angehäuft haben. Seither trägt Kyrill den Spitznamen «Tabak-Metropolit».

Ein orthodoxer Iran?

Schlagzeilen dieser Art schaden der Kirche weit mehr als der «blasphemische» Pussy-Riot-Auftritt. Beobachter interpretieren das harte Vorgehen gegen die Band als Reaktion zweier Institutionen, die sich bedrängt fühlen. Optimisten glauben, dass die liberalen Kräfte sich langfristig durchsetzen werden. Rund 70 Prozent der Russen bezeichnen sich als orthodox, aber weniger als zehn Prozent sind regelmässige Kirchgänger.

Deutlich skeptischer ist der Bürgerrechtler Lew Ponomarjow: Der Prozess zeige, dass Kirche und Macht «mit den konservativsten und ungebildeten Bevölkerungsschichten» immer enger zusammenrücken, sagte er laut der Agentur RIA Novosti. Diese Entwicklung könne dazu führen, dass «Russland sich in einen orthodoxen Iran verwandelt».

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.