Vor dem Pussy-Riot-Urteil: «Putin vergibt uns nicht - wir waren zu laut»

Aktualisiert

Vor dem Pussy-Riot-Urteil«Putin vergibt uns nicht - wir waren zu laut»

Um 13 Uhr Schweizer Zeit wird das Urteil gegen Pussy Riot gefällt. Den Angeklagten drohen drei Jahre Gefängnis. Mit Milde rechnet niemand – auch die angeklagte Nadeschda nicht.

von
Luzia Tschirky

Vor knapp zwei Wochen zeigte sich der russische Präsident Wladimir Putin milde. «Sie sollten nicht zu hart bestraft werden.» Doch die Mitglieder der russischen Protestband Pussy Riot sind überzeugt, dass seine Worte nur ein Spiel vor den Medien waren. Das sagt Peter Verzilow, der Ehemann der 22-jährigen Nadeschda Tolokonnikowa, auf Anfrage von 20 Minuten Online. Nach fast einem halben Jahr im Gefängnis konnte er seine Frau vor ein paar Tagen erstmals besuchen. «Nadeschda rechnet nicht damit, dass Putin ihnen vergeben hat. Dafür war ihr Auftritt viel zu laut und die internationale Aufmerksamkeit zu stark.»

In den letzten Wochen haben sich Musiker aus der ganzen Welt auf die Seite von Pussy Riot gestellt. Paul McCartney hat sich in einem Brief direkt an die Band gewendet. Madonna hat es sogar gewagt, sich an ihrem Konzert in Moskau Pussy Riot auf den Rücken zu schreiben. Trotz Untersuchungshaft haben Pussy Riot die Unterstützung bemerkt. «Verglichen mit der juristischen Maschine sind wir ein Niemand und haben verloren. Auf der anderen Seite haben wir gewonnen. Die ganze Welt weiss nun, dass der Gerichtsfall gegen uns künstlich geschaffen worden ist», sagte die 29-jährige Ekaterina Samutsevich vor Gericht.

Empörung bei der orthodoxen Kirche

Für heute Freitag wird die Urteilsverkündung erwartet. Deswegen sind in über 60 Städten Aktionen unter dem Motto «Free Pussy Riot» geplant. Doch selbst wenn zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung Tausende auf den Strassen sein werden: New York, Paris, Genf oder London ist nicht Moskau. Die orthodoxe Kirche sitzt in Russland fest im Sattel - und das Oberhaupt Kirill hat es sich persönlich zur Aufgabe gemacht die Frauen hinter Gitter zu bringen. Er war es, der sich bei Putin und der politischen Elite über die Aktion von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale beschwert und die Verhaftung durchgesetzt hat.

Viele Gläubige der russisch-orthodoxen Kirche fühlen sich in der Tat beleidigt durch den Auftritt von Pussy Riot. Anna Shamparowa ist eine gemässigte, stille Frau. Auf Pussy Riot angesprochen, ändert sich das schlagartig. «Hooligans sind das – mehrere Jahre Gefängnis haben sie verdient. Es ist eine Schande was sie getan haben», sagt sie. Ihre Tochter Julia ist nicht weniger gläubig als ihre Mutter, sieht die Sache aber nicht so strikt: «Wenn wir richtige Christen sind, dann vergeben wir ihnen.»

Die Art des Protestes von Pussy Riot war selbst für viele Oppositionelle zu extrem. Dessen sei sich die Band bewusst, sagt Peter Verzilow. «Die Menschen sind geteilter Meinung, aber die Mehrheit der Russen hat zumindest gemerkt, wie absurd dieser Gerichtsfall ist.» Während der Verhandlung fielen Sätze wie an einer Hexenjagd im Mittelalter. Der Anwalt von Pussy Riot, Nikolai Polozov, meinte: «Ich habe das Gefühl, auf dem Hof des Untersuchungsgefängnisses wird demnächst ein Scheiterhaufen errichtet.» Die Mächtigen hinter den Richtern zucken derweil die Schultern. «Sie sollen froh sein, dass sie ihr Konzert nicht in einer Moschee aufgeführt haben. Dann hätten die Sicherheitsleute vermutlich nicht genügend Zeit gehabt, sie vor der Öffentlichkeit zu schützen», kommentierte Putin die Frage nach der Verhältnismässigkeit.

Richterin gilt als Hardlinerin

Ein Freispruch, wie ihn die Verteidigung fordert, ist unrealistisch. «Würde sich ein Richter für einen Freispruch entscheiden, würde er umgehend durch einen anderen ersetzt», zitierte die Zeitung «The New Times» einen russischen Juristen anonym. Die Richterin, die über das Schicksal von Pussy Riot entscheidet, gilt als Hardlinerin. In den 180 Fällen, die sie bisher verhandelt hat, befand sie die Angeklagten mit einer Ausnahme immer für schuldig.

Von der möglichen Höchststrafe von sieben Jahren Haft gegen Pussy Riot spricht zwar niemand mehr. Aber die drei angeklagten Mitglieder der Gruppe werden vermutlich die nächsten drei Jahre nicht in Freiheit verbringen. Eine lange Zeit für Peter Verzilow und die 4-jährige Gera, seine gemeinsame Tochter mit Nadeschda Tolkonnikowa.

Und so tönt Pussy Riot

(Quelle: YouTube/PussRiot)

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