Ukraine-Krieg – Putin-Versteher melden sich zu Wort
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Ukraine-KriegPutin-Versteher melden sich zu Wort

Eine Politikerin der Grün-alternativen Partei engagiert sich zusammen mit Gleichgesinnten für eine russlandfreundlichere Berichterstattung in der Schweiz.

von
Claudia Blumer
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Gegen die zunehmende «Russlandfeindlichkeit»: Demonstration vom Wochenende in Frankfurt am Main.

Gegen die zunehmende «Russlandfeindlichkeit»: Demonstration vom Wochenende in Frankfurt am Main.

Getty Images
Am Samstag zog ein prorussischer Autokorso durch Lörrach. Parallel fanden Gegendemonstrationen statt. In mehreren deutschen Städten gab es am Wochenende die prorussischen Autokorsos.

Am Samstag zog ein prorussischer Autokorso durch Lörrach. Parallel fanden Gegendemonstrationen statt. In mehreren deutschen Städten gab es am Wochenende die prorussischen Autokorsos.

20 Minuten
Simone Machado, Stadträtin in Bern, hat das Netzwerk linksbuendig.ch lanciert, ursprünglich zum Widerstand gegen Covid-Massnahmen. Doch jetzt trete die Russland-feindliche Berichterstattung in den Fokus, sagt sie.

Simone Machado, Stadträtin in Bern, hat das Netzwerk linksbuendig.ch lanciert, ursprünglich zum Widerstand gegen Covid-Massnahmen. Doch jetzt trete die Russland-feindliche Berichterstattung in den Fokus, sagt sie.

Tamedia

Darum gehts

Durch mehrere deutsche Städte rollten am Wochenende Autokolonnen mit russischen Flaggen, so in Frankfurt, Hannover, Lübeck und Lörrach, nahe der Schweizer Grenze. Die Leute demonstrierten gegen die zunehmende «Russlandfeindlichkeit».

Auch in der Schweiz gibt es einen Anteil in der Bevölkerung, die im Krieg um die Ukraine mit Russland sympathisieren. Laut Umfrage von 20 Minuten und Tamedia sympathisieren zwei Prozent der Bevölkerung mit Wladimir Putin, 21 Prozent verstehen seine Motive. Bisher sind diese 23 Prozent jedoch kaum in Erscheinung getreten.

Engagement für «mehr Vielfalt»

Das solle sich ändern, sagt die Berner Stadträtin Simone Machado (Grün-alternative Partei). Sie hat mit Gleichgesinnten das Netzwerk Linksbuendig.ch lanciert, das sich ursprünglich gegen Corona-Massnahmen richtete und nun vermehrt die Russland-Berichterstattung in den Fokus nehme, wie Machado im Gespräch mit 20 Minuten sagt. Die Ukraine werde verherrlicht und Russland verteufelt - beides zu Unrecht, wie sie findet. «Nur eine Meinung zum Ukraine-Krieg ist erlaubt, alles andere wird kaltgestellt. Das hat totalitäre Züge.»

Machado hat Verständnis für Putins Sicht, seine Forderungen sollten ihrer Ansicht nach erfüllt werden: die Ukraine als neutraler Staat, teil-autonome Republiken im Osten, Abzug der Nato-Truppen von der russischen Grenze, Anerkennung der Krim als russisches Gebiet und Verzicht auf Nato-Beitritt der Ukraine. «Das ist kein zu hoher Preis für die Beendigung dieses schrecklichen Krieges.»

Simone Machado hat sich auch als Kritikerin der Covid-Massnahmen engagiert, sie wurde deswegen nach Meinungsverschiedenheiten aus ihrer Fraktion in der Legislative der Stadt Bern ausgeschlossen. Mehrere Personen, darunter auch Prominente, die sich in der Vergangenheit gegen die Covid-Massnahmen gewehrt haben, positionieren sich heute im Ukraine-Konflikt auf der Seite von Russland (siehe Box).

«Das macht mich misstrauisch»

Auch Historikerin Tove Soiland engagiert sich bei Linksbuendig.ch. «Wir haben festgestellt, dass die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt genauso einseitig ist wie jene über die Corona-Massnahmen», sagt sie. Deshalb werde sich Linksbuendig.ch jetzt auch damit beschäftigen.

«Viele Fragen in diesem Konflikt werden von Schweizer Medien gar nicht beantwortet. Was ist Putins Sicht? Warum ist die Nato-Osterweiterung so wichtig?» Man müsse in alternativen Medien suchen, um darauf Antworten zu finden, sagt Tove Soiland. «Wenn alle Medien dasselbe berichten, macht mich das misstrauisch.»

Ähnlich denkt eine Journalistin, die sich ebenfalls bei dem Netzwerk engagiert und anonym bleiben will. Wenn sie an einer Redaktionssitzung eine kritische Frage zu Selenski stelle, werde sie behandelt wie eine Aussätzige. «Es ist mir wichtig, zu sagen, dass ich den Krieg verurteile. Aber die Einseitigkeit, mit der darüber berichtet wird, und die fehlende Bereitschaft, auch die Fehler des Westens anzuschauen, stören mich.»

Grüne-Präsident Glättli: «Das macht mir Sorgen»

Grüne-Präsident Balthasar Glättli distanziert sich davon und betont, dass Simone Machado kein Mitglied der Grünen Schweiz sei. «Ob es nun Putin-Versteher von rechts oder von angeblich linker Seite sind - ich habe kein Verständnis dafür», sagt er. Selten seien die Verhältnisse in einem Konflikt so klar wie im Ukraine-Krieg: «ein direkter Angriff, völkerrechtswidrig. So etwas kann niemand gutheissen.»

In seiner Twitter-Bubble sehe er aber, dass «unheimlich viele» von der Covid-Verschwörungstheorie direkt zur Putin-Verehrung hinübergewechselt hätten, sagt Glättli. «Das macht mir Sorgen.» Er hatte gehofft, man könne nach Corona nun endlich wieder in eine Phase kommen, «in der man zueinanderfindet in diesem Land».

Dass es nur 23 Prozent Putin-Sympathisanten oder -Versteher gibt, laut Umfrage von 20 Minuten, das beruhige ihn fast schon, sagt Glättli.

«Dämonisierung hilft wenig»

GLP-Nationalrat Martin Bäumle ist selber direkt betroffen, da er die Ukraine gut kennt, seine Frau aus der Ukraine stammt und ein Teil der Familie dort wohnt. Bäumle plädiert für diplomatische Zurückhaltung. Er ist froh, dass die Schweiz die russischen Diplomaten nicht ausgewiesen hat, so blieben direkte Gespräche mit Russland möglich.

Die Medien würden tatsächlich viele Fehler der Vergangenheit ausblenden, das wirke manchmal einseitig, sagt Bäumle. Doch was zentral sei: «Wir müssen eine Lösung für einen baldigen Frieden finden, was ohne Dialog mit Putin nicht möglich ist. Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist da wenig hilfreich.» 

Er verurteile den Angriff auf die Ukraine sehr klar, sagt Bäumle. «Was immer vorher geschehen ist oder rundherum geschieht, rechtfertigt den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine in keinster Weise.»

Massnahmen-Kritiker zum Ukraine-Krieg

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