Unter die Lupe genommen: Putin wie Hitler? Was an dem Vergleich dran ist
Aktualisiert

Unter die Lupe genommenPutin wie Hitler? Was an dem Vergleich dran ist

Vergleiche lebender Machthaber mit Adolf Hitler sind gefährlich. Im Falle Wladimir Putins gibt es aber immerhin Berührungspunkte – bis zu einem gewissen Grad.

von
Martin Suter
Im Zusammenhang mit der Krim-Krise wird der Vergleich zwischen Putin und Hitler immer wieder angestellt. Auf einem Transparent vor der ukrainischen Botschaft am Sonntag in Berlin heisst die Kombination der beiden Machthaber «Putler».

Im Zusammenhang mit der Krim-Krise wird der Vergleich zwischen Putin und Hitler immer wieder angestellt. Auf einem Transparent vor der ukrainischen Botschaft am Sonntag in Berlin heisst die Kombination der beiden Machthaber «Putler».

Auch Hillary Clinton gehorchte Godwin's Law. Das nach dem US-Autor Mike Godwin benannte Gesetz besagt, dass in jeder Diskussion über jedes Thema irgendwann einmal ein Vergleich mit Hitler oder den Nazis fällt. Amerikas frühere First Lady und Aussenministerin stellte den Vergleich vergangene Woche an, als sie die Beweggründe des russischen Präsidenten Wladimir Putin für sein Vorgehen in der Ukraine mit jenen des deutschen Nazi-Diktators im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs verglich.

Hitler-Vergleiche sind heikel. In der Regel werden sie von politischen Gegnern als unzutreffend oder übertrieben abgeschmettert. Dann bleibt an jenen, die den Vergleich anstellten, der Vorwurf hängen, sie dächten undifferenziert.

Im Falle Putin–Hitler hielt sich der Protest an die Adresse von Clinton aber in engen Grenzen. Die meisten Kommentatoren anerkannten, dass der Vergleich einiges für sich hat. Auf der Grundlage einer Analyse von Charles Lane in der «Washington Post» lassen sich einige Details herausarbeiten.

Putin ist wie Hitler, weil …

… beide als junge Männer ihrer Nation dienten. Hitler nahm als Soldat in den Schützengräben der Westfront am Ersten Weltkrieg teil. Putin war Offizier im sowjetischen KGB-Geheimdienst und verbrachte einige Jahre im Frontstaat DDR. Diese Erfahrung trug zum ausgeprägten Patriotismus der beiden Politiker bei.

… ihre Welten zusammenbrachen. Der Erste Weltkrieg zerstörte die alte europäische Ordnung. Hitler konnte die Kapitulation des Deutschen Reiches kaum verkraften. Für Putin war der Zusammenbruch der Sowjetuion eine traumatische Erfahrung. Später nannte er den Kollaps der UdSSR die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts».

… sie die Fehler anderen anlasten. Hitler verbreitete mit der sogenannten Dolchstosslegende die falsche Theorie, Deutschland habe den Krieg nicht militärisch verloren, sondern sei von linksgerichteten Politikern verraten worden. In ähnlicher Weise sieht Putin beim Zerstörungswerk ab 1989 russlandfeindliche Kräfte am Werk. Beide Politiker erfüllt eine Verachtung für den demokratischen Westen, den sie als dekadent betrachten.

… sie die frühere Glorie wiederherstellen wollen. Hitler wollte um jeden Preis die Schmach des Versailler Friedens überwinden und die Vorherrschaft Deutschlands in Europa wiederherstellen. Dazu gehörte die territoriale Ausweitung. Putin verfolgt das Ziel, die verlorene Einflusszone Russlands in dessen unmittelbarer Nachbarschaft wieder aufzubauen und das als aggressiv empfundene Nato-Bündnis auf Distanz zu halten.

… sie vorgeben, sie müssten Landsleuten helfen. Dies war der von Clinton herangezogene Vergleichspunkt. Hitler begründete den Einmarsch ins Rheinland 1936 und in die Tschechoslowakei 1938 damit, bedrängten Deutschen zur Hilfe eilen zu müssen. Eine gleichermassen unzutreffende Rechtfertigung ist von Putin zu hören. Dabei gibt es keine Hinweise darauf, dass Russen auf der ukrainischen Halbinsel Krim unterdrückt werden.

Doch Putin ist nicht wie Hitler, weil …

… ihre Ziele unterschiedlich weit gehen. Hitler wollte die slawischen Völker unterjochen und in den Weiten Russlands «Lebensraum» für die deutschen Arier erobern. Von Putin ist nicht bekannt, dass er noch anderes begehren würde als mehr Einfluss in der unmittelbaren Nachbarschaft.

… sie nicht die gleiche Auffassung von den Menschen haben. Putin fühlt sich zwar als Russe durch und durch, und in seinem konservativen Weltbild haben zum Beispiel Homosexuelle keinen Platz. Aber nie hat er die von Hitler glorifizierte Ideologie des Herrenmenschentums vertreten. Auch eine Neigung zu militantem Antisemitismus wird ihm nicht nachgesagt.

… sie sich nicht gleich viel zuschulden kommen liessen. Dass er wenig moralische Skrupel kennt, hat Putin wiederholt bewiesen. Er liess Journalisten und politische Gegner aus dem Weg räumen und nahm bei Antiterroraktionen keine Rücksicht auf Geiseln. Aber niemand erreicht die Unmoral Hitlers, der unter anderem sechs Millionen Juden ermorden liess.

Wie weit wird Putin in der laufenden Krise gehen? Hitler wurde von niemandem gestoppt, bis er 1939 mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg losbrach. Die grosse Frage ist heute, ob Putin womöglich mehr als nur die Krim-Halbinsel erobern wird, falls der Westen nicht rechtzeitig und kräftig genug Gegensteuer gibt.

Hillary Clinton erklärt, was sie mit dem Vergleich meint:

(Quelle: YouTube/CNN)

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