Putin-Rede: «Putin will, dass westliche Regierungen Angst vor einem Atomkrieg haben»

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Putin-Rede«Putin will, dass westliche Regierungen Angst vor einem Atomkrieg haben»

Am Mittwochmorgen verkündete Wladimir Putin die Mobilisierung von 300’000 Soldaten und drohte mit Atomwaffen. Laut einem Osteuropa-Experten ist dies der Griff zum letzten Strohhalm.

von
Marino Walser
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Wladimir Putin hielt am Mittwochmorgen seine mit Spannung erwartete Rede. Dabei stiess er Drohungen gegen den Westen aus und befahl die Teilmobilmachung seiner Streitkräfte.

Wladimir Putin hielt am Mittwochmorgen seine mit Spannung erwartete Rede. Dabei stiess er Drohungen gegen den Westen aus und befahl die Teilmobilmachung seiner Streitkräfte.

AFP
«Putin hat nach wie vor den Rückhalt des Kremls und der russischen Bevölkerung. Würde aber eine Generalmobilmachung einberufen, würde der Rückhalt schwinden», sagt Dubowy im Bezug auf die Teilmobilmachung.

«Putin hat nach wie vor den Rückhalt des Kremls und der russischen Bevölkerung. Würde aber eine Generalmobilmachung einberufen, würde der Rückhalt schwinden», sagt Dubowy im Bezug auf die Teilmobilmachung.

via REUTERS
Alexander Dubowy ist Osteuropa-Experte und Politikanalyst. Dubowy sagt: «Dass Putin nun zur staatlich befohlenen Teilmobilmachung greift, zeigt, dass ihm die Optionen ausgehen.»

Alexander Dubowy ist Osteuropa-Experte und Politikanalyst. Dubowy sagt: «Dass Putin nun zur staatlich befohlenen Teilmobilmachung greift, zeigt, dass ihm die Optionen ausgehen.»

www.alexander-dubowy.com

Darum gehts

  • Wladimir Putin hat am Mittwochmorgen die Teilmobilmachung seiner Streitkräfte befohlen.

  • Laut einem Osteuropa-Experten ist dies der Griff zum letzten Strohhalm.

  • Die Teilmobilmachung zeige, dass Putin nicht mehr weiter gehen kann, ohne dass seine Machtposition ins Wanken geraten würde. 

Herr Dubowy - in der Rede von Wladimir Putin heute Morgen war mitzuverfolgen, dass er nun eine Teilmobilmachung beschlossen und ausgerufen hat. Wie ist dies einzuordnen?
Alexander Dubowy: Dass Putin nun zur staatlich befohlenen Teilmobilmachung greift, zeigt, dass ihm die Optionen ausgehen. Es ist der letzte Strohhalm, nach dem Putin noch greifen kann.

Mit anderen Worten: Wladimir Putin steht mit dem Rücken zur Wand?
Ja, richtig. Denn in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die freiwillige Mobilmachung nicht funktioniert hat. Des Weiteren kann er nicht zu einer Generalmobilmachung zurückgreifen, da diese die Einführung des Kriegszustandes bedeuten würde. Mobilmachung und Kriegszustand hängen zwar nur mittelbar zusammen. Im Falle einer Generalmobilmachung ist die Verhängung des Kriegszustandes zur einfacheren und kontrollierbaren Abwicklung jedoch sinnvoll und wahrscheinlich.

Was hätte dies zur Folge?
Putin hat nach wie vor den Rückhalt des Kremls und der russischen Bevölkerung. Würde aber eine Generalmobilmachung kommen, würde der Rückhalt schwinden. Im Moment ist in den Köpfen der Bevölkerung der Krieg extrem weit weg und noch immer als militärische Spezialoperation verankert. Kommt eine Generalmobilmachung, ist sie vom Kreml und vor allem von der Bevölkerung nicht mehr zu ignorieren.

Dann könnte Putins Machtposition also ins Wanken geraten?
Wenn er sich zur Generalmobilmachung bekennt und den Kriegszustand ausruft, dann wankt diese Machtposition, ja. Wie gesagt, noch ist der Rückhalt gross. Doch dieser schwindet, wenn der Lebensstandard der Bevölkerung schnell absinkt oder zu stark in die Lebensführung eingegriffen wird. Dies wäre im Falle der Generalmobilmachung der Fall.

Jetzt sendet Putin 300’000 Reservisten. Ist das ein Game-Changer?
Es ist vor allem ein Zeichen an die prorussischen Gruppen in den besetzten ukrainischen Regionen. Diesen soll ein Sicherheitsgefühl vermittelt werden. Gleichzeitig soll die Moral aufrechterhalten werden. Für Putin war die Gefahr zu gross, dass die prorussischen Unterstützer in den besetzten Gebieten abspringen. Dies hat man beispielsweise in Charkiw nach dem fluchtartigen Abzug russischer Streitkräfte gesehen. Dort verkündete Kiew, dass jeder, der mit Russland kooperiert, strafrechtlich verfolgt werde.

Doch was können die Reservisten im Krieg wirklich bewirken?
Nach allem, was wir bislang gesehen haben, schafft es Russland nicht einmal, die jetzigen Truppen in den Konfliktgebieten ausreichend zu versorgen. Wie dies nun mit grösseren Truppenverbänden geschehen soll, ist mir schleierhaft. Russland wird zu beweisen haben, dass es imstande ist, grössere Reservistengruppen auszurüsten und auszubilden. Die Menschen können nicht einfach als Kanonenfutter an die Front gebracht werden. Damit sie es nicht sind, braucht es Zeit, sie auszubilden. Und diese hat Russland im Moment nicht. Putin kann einzig versuchen, den Frontverlauf zu stabilisieren. Dann kann Moskau im Hintergrund Kräfte sammeln, um im Frühjahr einen Gegenschlag zu starten.

Erhöht die Entsendung der Reservisten den Druck auf die Nato und die EU?
Putin versucht, in irgendeiner Form gesichtswahrend aus diesem Krieg zu kommen. Nachdem der Druck gegen Kiew nicht funktionierte, erhöht er nun den Druck gegenüber dem Westen. Westliche Regierungen sollen Angst vor einer unkontrollierbaren Eskalation und einem atomaren Krieg bekommen. Damit werden die Nato und die EU auf die Probe gestellt.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es so weit kommt?
Nach wie vor ist diese Wahrscheinlichkeit gering. Denn die politische Elite um Putin würde solche Eskalationen nicht mittragen. Das weiss auch Putin. Die Drohungen dienen dazu, dass der Westen sich verhandlungsbereit zeigt. Darauf setzt Putin.

Was ist eigentlich mit der Unterstützung von nicht-westlichen Ländern gegenüber Russland?
Putin war beim Gipfeltreffen der Shanghai Cooperation Organisation. Von dort berichteten mehrere Medien, dass am Rande des Treffens der türkische Präsident Erdogan gemeinsam mit dem Staatschef Kasachstans auf Putin zugegangen sei und ihm nahe gelegt habe, den Krieg schnellstmöglich zu beenden. Auch Indien hat schon mit Putin gesprochen und verlauten lassen, dass Kriege in der heutigen Zeit unangebracht seien. Putin droht also die Unterstützung des globalen Nicht-Westens zu verlieren. Auch China wird zunehmend skeptischer.

Glaubst du, Putin wird einen verheerenden Gegenstoss gegen die Ukraine ausüben?

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