Annexion ukrainischer Gebiete: «Putin will einen Teilerfolg vorweisen»

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Annexion ukrainischer Gebiete«Putin will einen Teilerfolg vorweisen»

Donezk, Luhansk, Saporischja und Cherson – Nach durchgeführten Scheinreferenden beansprucht Russland vier ukrainische Regionen für sich. Die Osteuropa-Historikerin Cécile Druey schätzt ein.

von
Thomas Obrecht
Michelle Ineichen
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Putin hat die vier ukrainischen Regionen Donetzk, Luhansk, Saporischja und Cherson für Russland annektiert.

Putin hat die vier ukrainischen Regionen Donetzk, Luhansk, Saporischja und Cherson für Russland annektiert.

Reuters
Gemäss der Osteuropa-Historikerin Cécile Druey geht es hierbei um den strategischen Landzugang zur Halbinsel Krim.

Gemäss der Osteuropa-Historikerin Cécile Druey geht es hierbei um den strategischen Landzugang zur Halbinsel Krim.

AFP
Die unterschiedlichen Gebiete innerhalb der Annektion seien jedoch kulturell und historisch sehr verschieden.

Die unterschiedlichen Gebiete innerhalb der Annektion seien jedoch kulturell und historisch sehr verschieden.

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Am Freitag war es so weit – Putin feierte in einer Zeremonie die vermeintliche «Wiedervereinigung» ukrainischer Gebiete mit der Russischen Föderation. Konkret wurden die vier ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Saporischja und Cherson annektiert. Die Osteuropa-Historikerin Cécile Druey schätzt ein.

Warum hat Russland genau diese Gebiete jetzt annektiert? Was bedeutet das?

Es geht hier um einen strategischen Landzugang zur Krim. Ohne diesen ist es sehr schwierig, die Halbinsel zu verteidigen oder die Versorgung beizubehalten. Die unterschiedlichen Gebiete innerhalb der Annexion sind jedoch kulturell und historisch sehr verschieden. Während die Provinzen Donezk und Luhansk in den letzten acht Jahren unter anderem durch ein angepasstes Schulsystem sowie die Einführung des Rubels zunehmend russifiziert wurden, handelt es sich bei Cherson und Saporischja um ukrainisches Kerngebiet.

Über einen veränderten Status von Donezk und Luhansk, beispielsweise in Form einer Autonomie, welche die Gebiete näher zu Russland bringt, hätte vor 2022 eventuell diplomatisch verhandelt werden können. Das ist bei den beiden südukrainischen Regionen Cherson und Saporischja nicht der Fall. Vor allem die Annexion dieser beiden Regionen stösst bei der Ukraine auf Widerstand und gibt der Armee Ansporn, weiterzukämpfen. 

War das ein Verzweiflungsschritt?

Absolut, die Annexion ist als Verzweiflungsschritt seitens Russlands zu sehen und bedeutet eine weitere Eskalation. Mit diesen Gebietsaneignungen will er seinem Volk einen Teilerfolg vorweisen. Zudem sollen dadurch spätere Eingriffe der russischen Armee legitimiert werden. Durch ihre Übernahme kämpft Russland nicht mehr auf fremdem Territorium, sondern verteidigt das eigene. Das gleiche Vorgehen wurde schon beim Kampf um die Krim angewendet, wenn auch der Kontext da etwas anders ist.

Weiter soll diese Annexion wohl eine Signalwirkung auf die Ukraine haben. Russland zeigt, dass es bereit ist, mit allen Mitteln zu kämpfen, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Eine weitere Eskalation, mit noch schwererem, eventuell auch nuklearem Geschütz sowie einer breiteren Flächenwirkung, ist nicht auszuschliessen. 

Was sind die Langzeitfolgen der Annexion?

Das Gebiet ist und bleibt umkämpft. Die Annexion wird diese Kämpfe weiter befeuern, vor allem jene in den stark ukrainisch-geprägten Regionen Cherson und Saporischja. Russland hat mit der Annexion gezeigt, dass sie zu fast allem bereit sind, und die Ukraine wird weiterhin alles tun, um diese Regionen zurückzuerobern. Langfristig werden die neuen annektierten Gebiete allerdings kaum als Teil von Russland angesehen werden, da weder die internationale Gemeinschaft noch die Ukraine selbst dies akzeptieren würden.

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