Chodorkowski: «Putin will ihnen eine Lektion erteilen»

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Chodorkowski«Putin will ihnen eine Lektion erteilen»

Russlands bekanntester Gefangener, Michail Chodorkowski, wirft Wladimir Putin vor, den Pussy-Riot-Prozess zu missbrauchen. Das Gericht bestätige ein Urteil, das anderswo geschrieben wurde.

von
ske

Es ist ein Prozess, der international für Aufsehen sorgt. Gegen die Kreml-kritische russische Band Pussy Riot wurde am Freitag das Urteil verkündet. Die drei Musikerinnen hatten im Februar die Christ-Erlöser Kathedrale der russisch-orthodoxen Kirche gestürmt und in einer schrillen Aktion die Jungfrau Maria um Erlösung von Präsident Wladimir Putin angerufen. Seit März sitzen sie in Untersuchungshaft. Jetzt wurden sie für schuldig befunden. Sie werden wegen «Rowdytums aus religiösem Hass» verurteilt.

Nachdem sich in den letzten Wochen international bekannte Musiker wie die Red Hot Chili Peppers oder Madonna für die Freilassung von Pussy Riot eingesetzt haben, äusserte sich jetzt auch der prominenteste Gefangene Russlands, Michail Chodorkowski. In einem über Monate geführten Briefinterview mit der «Süddeutschen Zeitung» wirft er Russlands Präsident Wladimir Putin politische Verfolgung vor: «Das Ziel ist es, Kritikern des Regimes eine Lektion zu erteilen», sagt der 49-Jährige. Dass das Kommando von oben kommt, sei unbestreitbar. Er selbst hält im Fall Pussy Riot nur einen Freispruch für gerecht.

Putin verliert sein Ansehen

Chodorkowski war einst der reichste Mann Russlands, bis er in die Mühlen der russischen Justiz geriet. Wegen Betrugs, Veruntreuung, Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Öldiebstahl war er in zwei umstrittenen Prozessen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Das Gericht hält er auch im Fall Pussy Riot nicht für unabhängig: Es werde «nur ein Urteil bestätigen, das anderswo aufgeschrieben wurde – in der Staatsanwaltschaft oder irgendeiner anderen staatlichen Instanz».

Putin wirft er Realitätsverlust vor. Sinkendes Ansehen versuche man mit Repression auszugleichen. Doch das gefährde das Ansehen des Staates nur weiter. Chodorkowski ist überzeugt, dass die Einschüchterung der Bevölkerung nicht das bewirke, was Putin wolle. Staat und Gesellschaft würden noch weiter auseinandertreiben. Der Staatsapparat bringe so «den Mechanismus des arabischen Frühlings in Bewegung, indem er die Menschen vor die Wahl stellt, sich mit dem Bestehenden abzufinden oder zu rebellieren».

Er gehe davon aus, dass Putin immer noch annehme, dass ihn die meisten Menschen in Russland unterstützen. «Aber das ist nicht mehr so.» Nur weil viele bislang keine Alternative zu Putin sehen, sei das noch keine Unterstützung. Chodorkowski ist überzeugt, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren eine Opposition entstehen werde, wenn die Mittelklasse einen grösseren Teil der Bevölkerung in allen Grossstädten ausmache.

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