Tschetschenen im Ukraine-Krieg – «Putins Bluthund» meldet erstmals Kriegstote in den eigenen Reihen

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Tschetschenen im Ukraine-Krieg«Putins Bluthund» meldet erstmals Kriegstote in den eigenen Reihen

Gemäss russischer Angaben unterstützen zwischen 10'000 und 70'000 Kämpfer aus Tschetschenien die Streitkräfte Moskaus. Nun spricht der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow erstmals von Gefallenen in den eigenen Reihen.

von
Reto Bollmann
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Ramsan Kadyrow ist der Machthaber Tschetscheniens.

Ramsan Kadyrow ist der Machthaber Tschetscheniens.

imago images/Russian Look
Er gilt als besonders treuer Gefolgsmann Putins. Das Bild zeigt Wladimir Putin und Kadyrow (rechts) bei der Eröffnung eines Regierungsgebäudes im Jahr 2005.

Er gilt als besonders treuer Gefolgsmann Putins. Das Bild zeigt Wladimir Putin und Kadyrow (rechts) bei der Eröffnung eines Regierungsgebäudes im Jahr 2005.

rts
Russische Staatsfernsehbilder zeichnen das Bild besonders brutaler und unnachgiebiger tschetschenischer Kämpfer.

Russische Staatsfernsehbilder zeichnen das Bild besonders brutaler und unnachgiebiger tschetschenischer Kämpfer.

REUTERS

Darum gehts

  • Ein grosses Kontingent von tschetschenischen Milizen kämpft zurzeit an der Seit der russischen Soldaten.

  • Gemäss Experten wird das Bild der «brutalen Tschetschenen» vor allem auch für die psychologische Kriegsführung eingesetzt.

  • Nun hat auch Tschetschenen-Anführer Kadyrow erste Verluste gemeldet.

Der Ukraine-Krieg ist auch ein Krieg um Information und Desinformation. Propaganda und Fake News spielen auf beiden Seiten eine wichtige Rolle. Bei Gefechten in der Umgebung von Hostomel haben ukrainische Truppen am Sonntag gemeldet, eine aus Russland kommende tschetschenische Sondereinheit zerschlagen und dabei deren Kommandeur, General Magomed Tuschajew, getötet zu haben. Zudem will man auf ukrainischer Seite eine grosse Menge an Waffen erbeutet haben.

Die Informationen, die sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen liessen, seien Unfug – meinte man später von tschetschenischer Seite. Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow gab auf seinem eigenen Telegram-Kanal an, der General sei noch am Leben, wie der «Tagesspiegel» schreibt. Ein Video, das Tuschajew mit einem anderen Kommandeur zeigen soll, kommentierte Kadyrow mit: «Sie sind lebendiger als die Lebenden.»

«Im Krieg wird getötet und das war nun mal ihre Berufswahl»

Jüngst hat jedoch auch Machthaber Kadyrow erstmals offiziell eigene Opfer eingeräumt. Der «Spiegel» verweist dazu auf Kadyrows Social-Media-Accounts auf Telegram sowie auf VK-Kontakte. «Übrigens, zum Thema Opfer», schreibt Kadyrow anschliessend an eine längere Nachricht mit Beleidigungen gegen die ukrainische Regierung. Es seien zwei tschetschenische Soldaten getötet und sechs weitere verletzt worden. «Ja, im Krieg wird getötet, und das war nun mal ihre Berufswahl.» Nun hätten sie ihr Leben für «die Sicherheit Russlands und der Ukraine» gegeben.

Klar ist, dass die angeblich zwischen 10’000 und 70’000 Mann umfassende tschetschenische Streitmacht von Moskau gezielt auch zur psychologischen Kriegsführung eingesetzt wird. Ramsan Kadyrow, seit 2007 Präsident und seit 2010 «Oberhaupt» der kriegsgeplagten russischen Teilrepublik Tschetschenien, regiert das Land mit strenger Hand und gilt als besonders treuer Gefolgsmann Vladimir Putins.

Brutale und unnachgiebige Tschetschenen

Russische Propagandabilder zeichnen ein besonders brutales und unnachgiebiges Bild der tschetschenischen Streitkräfte: Hunderte von tschetschenischen Kämpfern, die in einem Wald niederknien, um vor der Schlacht zu beten. Dutzende von tschetschenischen Spezialkräften, die Spielkarten mit den Namen und Fotos ihrer wichtigsten menschlichen Ziele mit sich tragen. Und Machthaber Ramsan Kadyrow, der ein trotziges Versprechen abgibt, die ukrainische Hauptstadt Kiew einzunehmen. Ein Video des russischen Staatsfernsehsenders Russia Today zeigte vor einigen Tagen angeblich 12’000 tschetschenische Kämpfer, die sich in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny versammelt haben, um in den Krieg zu ziehen.

Solche Bilder sollen offensichtlich Angst in der ukrainischen Bevölkerung und unter den ukrainischen Streitkräften verbreiten. «Bei diesem Schachzug geht es darum, die Menschen glauben zu lassen, dass das, was in Tschetschenien passiert ist, auch in der Ukraine passieren wird  – dass sie randalieren, plündern, vergewaltigen und töten werden», sagt Jean-François Ratelle, der an der Universität von Ottawa lehrt und Experte für Russland und den Kaukasus ist, gegenüber dem US-Magazin «Foreign Policy».

«Sehe keinen Beweis, dass sie Kiew erobern könnten»

Bilder angeblicher Killerkommandos sind seit Tagen in Umlauf. «Ich sehe keinen Beweis dafür, dass sie bereit sind, Kiew zu erobern oder in Kiew eingesetzt zu werden», betont Ratelle. Die psychologische Kriegsführung füge sich nahtlos in die umfassenderen russischen Bemühungen ein, die Invasion in der Ukraine zu beenden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Das scheint jedoch nicht besonders gut zu funktionieren. Das Tempo der Kämpfe in der Ukraine deutet darauf hin, dass Russland mit deutlich weniger Widerstand gerechnet hat, als es tatsächlich angetroffen hat – eine Einschätzung, die von westlichen Geheimdiensten geteilt wird.

Wenn sich der Krieg jedoch hinzieht und es in Kiew vermehrt zu Strassenkämpfen kommt, könnten sich die Dinge ändern. «Die Tschetschenen sind dafür bekannt, dass sie bei der Aufstandsbekämpfung äusserst brutal vorgehen und sich nicht an internationales Recht halten», so Ratelle. «Sogar noch mehr als russische Söldnertruppen.» 

5000 russische Soldaten getötet oder in Gefangenschaft

Ein hochrangiger westlicher Geheimdienstmitarbeiter schätzt die Zahl getöteter oder gefangengenommener russischer Soldaten bisher auf 5000. Der Beamte, der von mehreren Geheimdiensten informiert wurde, sagte am Dienstag, dass die ukrainischen Streitkräfte eine erhebliche Anzahl russischer Flugzeuge und Panzer sowie einige Luftabwehrsysteme ausgeschaltet hätten.

Die russischen Streitkräfte hätten nördlich von Kiew und in der Umgebung der Stadt Charkiw im Osten sowie der Stadt Tschernihiw in der Nordukraine verstärkt Artillerie eingesetzt und in den vergangenen 48 Stunden schwerere Waffen verwendet, sagte er weiter.

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