11.06.2015 15:11

Umfrage in zehn Staaten

Putins Drohkulisse schwächt Nato-Wehrwillen

Falls Russland angreift, will nur in den USA und Kanada mehr als die Hälfte der Befragten einem Nato-Mitgliedstaat militärisch helfen.

von
sut
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Die Nato hat Probleme: Nach einer Umfrage wollen die Menschen in vielen Staaten Europas einem angegriffenen Nato-Mitgliedstaat nicht mehr militärisch zu Hilfe eilen. Bild: Nato-Konferenz in Berlin 2011.

Die Nato hat Probleme: Nach einer Umfrage wollen die Menschen in vielen Staaten Europas einem angegriffenen Nato-Mitgliedstaat nicht mehr militärisch zu Hilfe eilen. Bild: Nato-Konferenz in Berlin 2011.

epa/Rainer Jensen
Besonders gelitten hat die Popularität der Nato in Deutschland, wo bloss noch 38 Prozent einem angegriffenen Mitgliedstaat militärisch helfen wollen. Bild: Nato-Aussenministertagung im April 2011.

Besonders gelitten hat die Popularität der Nato in Deutschland, wo bloss noch 38 Prozent einem angegriffenen Mitgliedstaat militärisch helfen wollen. Bild: Nato-Aussenministertagung im April 2011.

Berthold Stadler
Die baltischen Mitgliedsstaaten befürchten, von Russland angegriffen zu werden. Um sie zu beruhigen, entsandten die USA im März 3000 Infanteristen zu Manövern ins Baltikum.

Die baltischen Mitgliedsstaaten befürchten, von Russland angegriffen zu werden. Um sie zu beruhigen, entsandten die USA im März 3000 Infanteristen zu Manövern ins Baltikum.

Keystone/Valda Kalnina

Das militärische Rückgrat des freiheitlichen Westens wird weich. Nach einer gross angelegten Umfrage des amerikanischen Pew-Instituts in zehn Staaten glaubt eine wachsende Zahl der Menschen nicht mehr, dass die Nato-Allianz einem Mitgliedstaat militärisch zur Hilfe eilen soll, falls er angegriffen wird. Der Wehrwille im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis schwächelt, während die von Russland drohende Gefahr wächst.

Die Charta der Nato sieht vor, dass ein Angriff auf ein Mitgliedstaat einem Angriff auf die ganze Allianz gleichkommt. Die gegenseitige Verpflichtung zur Hilfe im Notfall ist die wichtigste Sicherheitsgarantie seit der Gründung der Nato nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf sie verlassen sich insbesondere die neuen Mitglieder an der östlichen Bündnisgrenze, darunter Polen und die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Sicherheitsgarantie leuchtet nicht mehr ein

Doch unter dem Druck eines zunehmend aggressiven Russland wollen immer weniger Menschen dem Hilfeprinzip nachleben. Laut der Pew-Umfrage «sagt mindestens die Hälfte der Deutschen, Franzosen und Italiener, ihr Land solle die Nato nicht militärisch verteidigen, wenn sie von Russland angegriffen wird».

In Polen, Spanien und im Vereinigten Königreich hält immerhin eine relative Mehrheit an dem Solidaritätsprinzip fest. Aber nur in den USA und in Kanada will eine absolute Mehrheit von 56 respektive 53 Prozent der Befragten in jedem Angriffsfall militärisch eingreifen.

Wenig Zuspruch für Nato in Deutschland

Für Ivo Daalder, den früheren US-Botschafter bei der Nato, sind diese Befunde bedenklich. «Jetzt braucht es in der Allianz eine ernsthafte Anstrengung», sagte er zur «New York Times». Die Bevölkerungen müssten überzeugt werden, dass es «nötig ist, sich auf einen Angriff Russlands vorzubereiten, diesen abzuschrecken und, falls nötig, darauf zu reagieren».

Die Pew-Organisation befragte 11'116 Menschen in acht Nato-Staaten, in Russland und der Ukraine. Am wenigsten Zuspruch fand das militärische Solidaritätsprinzip in Deutschland, wo ihm nur 38 Prozent der Befragten nachleben wollen. Im grössten europäischen Land nahm die Popularität der Nato seit 2009 von 73 auf 55 Prozent ab. Laut «Times» sei dies dem Einfluss der neuen Bundesländer im Osten zu verdanken, wo Russlands Präsident Wladimir Putin mehr Vertrauen geniesst als in Westdeutschland.

Hilfe für Ukraine

Die Befunde sind eine schlechte Nachricht für die baltischen Republiken. Als militärisch schwache Kleinstaaten an der russischen Grenze befürchten dort viele, sie könnten nach der Ukraine ein nächstes Ziel für Putins maskiertem «Hybrid-Krieg» werden.

Auch Waffenlieferungen an die Ukraine sind in den Nato-Staaten nicht populär. Bloss 41 Prozent der Befragen sind dafür. Dagegen glauben mehr Menschen, die Ukraine solle der EU beitreten (50 Prozent), Nato-Mitglied werden (57 Prozent) und vom Westen wirtschaftliche Hilfe erhalten (70 Prozent).

Die schwache Zustimmung zu militärischen Schritten spiegelt sich in den tiefen Ausgaben der meisten Nato-Staaten für die Landesverteidigung. Laut «Washington Post» geben in Europa nur Grossbritannien, Griechenland und Estland die von der Nato geforderten zwei Prozent des Bruttosozialprodukts fürs Militär aus.

Im Vergleich ist Russland eine andere Welt. 88 Prozent der Befragten glauben, dass Putin in internationalen Dingen das Richtige tut – auch in der Ukraine: 59 Prozent der Russen befürworten eine Abspaltung der ukrainischen Donbass-Region.

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