Enthüllungsjournalist Christo Grozev: «Putins engste Verbündete haben den Krieg bereits aufgegeben»
Publiziert

Enthüllungsjournalist Christo Grozev«Putins engste Verbündete haben den Krieg bereits aufgegeben»

Gemäss einem Analysten in Moskau halten Wladimir Putins oberste Sicherheitsbeamte den Krieg in der Ukraine für «verloren». Dies erhöhe die Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs.

von
Reto Bollmann
1 / 7
Gemäss Enthüllungsjournalist Christo Grozev kann Putin seine Machtposition wohl nicht mehr lange halten.

Gemäss Enthüllungsjournalist Christo Grozev kann Putin seine Machtposition wohl nicht mehr lange halten.

REUTERS
«Führende Beamte Putins zählen nicht darauf, dass er in drei Monaten noch an der Macht sein wird», so Grozev.

«Führende Beamte Putins zählen nicht darauf, dass er in drei Monaten noch an der Macht sein wird», so Grozev.

REUTERS
Deshalb ist es seiner Meinung nach unwahrscheinlich, dass seine Verbündeten Befehle zum Einsatz von Atomwaffen befolgen würden.

Deshalb ist es seiner Meinung nach unwahrscheinlich, dass seine Verbündeten Befehle zum Einsatz von Atomwaffen befolgen würden.

via REUTERS

Darum gehts

Enthüllungsjournalist Christo Grozev ist überzeugt, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Machtposition nicht halten kann. Seiner Meinung nach ist es unwahrscheinlich, dass führende Beamte Putins Befehle zum Einsatz von Atomwaffen befolgen würden. Denn sie zählen nicht darauf, dass Putin in drei Monaten noch an der Macht sein wird.

«Ich denke, es ist die informierte Elite innerhalb der Sicherheitskräfte, die versteht, dass der Krieg verloren ist», sagte Grozev demnach gegenüber Radio Liberty, wie «Metro» berichtet. Putins innerer Kreis wisse, dass der Präsident eine Massenmobilisierung brauche, um den Krieg zu gewinnen, was jedoch eine «soziale Explosion» in Russland auslösen würde. Jedoch könnten einige Hardliner auf den Einsatz von Atom- oder Chemiewaffen drängen, warnt Grozev.

Eine oder mehrere der «fünf Hände» könnten sich widersetzen

«Andere werden jedoch sagen: ‹Genug ist genug› und ‹es ist besser, nicht weitere 10’000 Leben unserer Soldaten und Offiziere zu verschwenden›.» Gemäss Grozev, dem leitenden Russland-Rechercheur der investigativen Journalistengruppe Bellingcat, könnten eine oder mehrere der «fünf Hände», die für den Einsatz der russischen Atomwaffen benötigt werden, sich Putin widersetzen.

«Und diese Weigerung wird höchstwahrscheinlich der Auslöser für einen Staatsstreich sein, denn nach der Weigerung, den Befehl des Königs zu befolgen, wird alles sehr schnell untergehen», so Grozev weiter. Wenn Putin beschliesse, einen Befehl zum Einsatz von Atomwaffen zu geben, müsse er sicher sein, dass jeder in der Kette diesen Befehl ausführen wird. «Wenn sich eine Person nicht daran hält, wäre dies ein Signal des Ungehorsams, das zum Tod Putins führen könnte», so Grozev.

«Angehörige der Toten hören nicht auf, Fragen zu stellen»

Dem Journalisten zufolge bereiten sich hochrangige Vertreter des Sicherheitsdienstes FSB und des militärischen Nachrichtendienstes GRU bereits auf ein Leben nach Putin vor. Er gibt an, die «FSB-Elite» wisse genau, wie viele russische Soldaten in der Ukraine gestorben seien, und wisse, dass die Angehörigen der Toten oder Vermissten «nicht aufhören, Fragen zu stellen».

«Sie wissen, dass die Situation irgendwann ausser Kontrolle geraten wird», sagt Grozev. «Einige von ihnen suchen nach einer Möglichkeit, ihre Familien aus Russland zu holen, alle suchen nach Möglichkeiten, das angehäufte Geld (in vielen Fällen Korruptionsgelder) in Dollar und Euro zu transferieren.» Dies sei bereits eine Form von Verrat an Putin, da die Elite nicht den ideologischen Anweisungen des Kremls folge, sondern sich auf eine alternative Realität vorbereite.

My 20 Minuten

Deine Meinung

164 Kommentare