Berlin: Putins Rocker fuhren mit ihren Töffs in Berlin auf
Aktualisiert

BerlinPutins Rocker fuhren mit ihren Töffs in Berlin auf

Russlands Propaganda-Biker sind in Berlin. Was für die Nachtwölfe eine «Friedensfahrt» ist, sieht der deutsche Geheimdienst als eine «vom Kreml gesteuerte Provokation».

von
gux

Sie sind da. Die Nachtwölfe haben Berlin erreicht. Wo genau die russischen Biker ihr Lager aufgeschlagen haben, teilte die Polizei nicht mit. Die Gruppe will an das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Sieg über den Faschismus erinnern. Und nebenbei ihrem Motto huldigen: «Wo wir sind, ist Russland.» Auch wegen solcher Ansprüche schlägt den Russen auf Rädern vielerorts Ablehnung entgegen: Polen hatte den Nachtwölfen wie in den Jahren zuvor die Einreise verweigert und einen diplomatischen Streit mit Russland ausgelöst.

Für Berlin hatten die «Russischen Motorradfahrer», wie sich die Nachtwölfe seit neustem nennen, eine Route mit rund 200 Teilnehmern angemeldet: Am Montagvormittag legten sie am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park einen Kranz nieder. Weitere Stationen waren das Brandenburger Tor und das Ehrendenkmal in der Schönholzer Heide. Doch was die motorisierten Russen als «Friedensfahrt» bezeichnen, ist in den Augen deutscher Sicherheitsbehörden «eine vom Kreml gesteuerte Provokation», wie «Der Spiegel» in der aktuellen Printausgabe schreibt.

Wölfe auf Propagandafeldzug «der Krake»

Die Nachtwölfe seien nicht einfach Rocker auf Choppern, sie seien längst Teil des Propagandakrieges geworden, den der Kreml in Europa lanciert habe, so das Magazin weiter. Die Mission ihrer jährlichen Tour durch Europa: Russlands Nachbarn nerven und daheim Bilder der Stärke vermitteln. Deutsche Sicherheitskreise bezeichnen die Wölfe bereits als «weiteren Arm der russischen Krake».

Damit ist Waldimir Putin gemeint, der aus der Liebe zu den Bikern kein Geheimnis macht. Der Kreml-Chef bezeichnet die Rocker als «Brüder», unternimmt Spritztouren mit ihnen, belohnt Club-Chef Alexander Saudostanow (53) mit Medaillen. Die Biker funktionieren im Gegenzug als paramilitärische Gruppe, die «ultraradikale Ansichten verbreiten und die Wiederherstellung eines orthodoxen, neoimperialistischen Russlands unterstützen», wie der britische Thinktank Chatham House schreibt. Saudostanow unterstreicht dies, wenn er sich auf der Seite von «panrussischen Kräften» sieht, die den Westen «vor der Entchristianisierung» retten wollen. Oder wenn er von Stalin als «unübertroffenem Führer», vom Westen als «Satan» und von Homosexuellen als «Schwuchteln» spricht, die er aus seinem Club verbannt hat.

Der «Chirurg», der nie arbeitete

Saudostanow trägt den Übernamen «Chirurg», weil er einst Medizin studierte. Seither soll er nie wieder gearbeitet haben. Das hat der 53-Jährige kaum nötig. «Im letzten Jahr erhielten die Nachtwölfe 56 Millionen Rubel (rund 830'000 Franken, die Red.) von Putin», sagt Juri Wendik von der russischen BBC. Auch dieses Jahr lassen sich die Nachtwölfe ihren Aktivismus vergolden: Für Kinder aus ganz Russland organisieren sie auf 67 Hektaren der Halbinsel Krim ein «patriotisches Sommerlager», vom Kreml finanziert.

Im Krieg in der Ukraine taten die Wölfe ohnehin tatkräftig mit. Viele der auf über 5000 geschätzten Mitglieder gehörten einst russischen Spezialeinheiten (Speznas) an. Sie errichteten 2014 Checkpoints, verteilten Propagandahefte, halfen bei der Übernahme ukrainischer Kasernen. «Das war ein klassischer Speznas-Einsatz», zitiert «Der Spiegel» deutsche Sicherheitskreise. «Infiltrieren, Übernahme von Infrastruktur, Ausschalten des Gegners.»

«Dafür bestimmt, zu gehorchen»

Später zelebrierten die Russen-Rocker auf der Krim die «Wiedervereinigung». Club-Chef Saudostanow verlas eine Botschaft Waldimir Putins, der seinen «treuen Freunden» dankte. An die nicht eingliederungswilligen Ukrainer gewandt, sagte Saudostanow: «Ihr ewigen Lakaien Europas, ihr geistigen Sklaven, ihr habt die Geschichte eurer Väter pervertiert und die Gräber eurer Vorfahren verkauft. Ein fremdes Land hat für euch mehr Wert als euer Mutterland. Aus diesem Grund seid ihr dafür bestimmt, allein dem Willen eures Anführers zu gehorchen und euch auf ewig vor ihm zu verbeugen.»

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