Ukrainekrieg: «Putins Soldaten folterten mich beim Schweizer Glaswerk»
Aktualisiert

Ukrainekrieg«Putins Soldaten folterten mich beim Schweizer Glaswerk»

Über Gostomel, eine Siedlung nördlich des Kiewer Vorortes Butscha, brach der Krieg als Erstes herein. Hier steht auch das Glaswerk von Vetropack, das von russischen Einheiten besetzt wurde. 

von
Ann Guenter
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Das Glaswerk des Schweizer Unternehmens Vetropack in Gostomel wurde beim russischen Angriff …

Das Glaswerk des Schweizer Unternehmens Vetropack in Gostomel wurde beim russischen Angriff …

20min/Ann Guenter
… schwer beschädigt. Die Zerstörung sei so gross, dass …

… schwer beschädigt. Die Zerstörung sei so gross, dass …

20min/Ann Guenter
… man die Produktion einstellen und die 600 Mitarbeitenden entlassen müsse, teilte Vetropack mit. Aufgeben …

… man die Produktion einstellen und die 600 Mitarbeitenden entlassen müsse, teilte Vetropack mit. Aufgeben …

20min/Ann Günter

Darum gehts

«Willst du leben?», fragte der russische Soldat und drückte ihm die Waffe an den Hals. «Ja», sagte Garagist Leonid Boyko* (62), «aber das liegt an Ihnen.» Der Soldat war wütend, weil Leonid noch immer ein Handy auf sich trug. Und weil es ihm nicht gelang, die SIM-Karte herauszunehmen, was eine Ortung verhindern sollte. «Ich glaube, der junge Mann hatte noch nie zuvor ein iPhone gesehen», sagt Leonid später. 

In Gostomel liegen auch jetzt noch haufenweise Handys auf den Strassen, welche die russischen Soldaten von den Bewohnern konfisziert und zerstört hatten. 

In Gostomel liegen auch jetzt noch haufenweise Handys auf den Strassen, welche die russischen Soldaten von den Bewohnern konfisziert und zerstört hatten. 

20 Minuten/Ann Guenter

Als Leonid am 9. März von russischen Soldaten mitgenommen wurde, war er mit seinen Nachbarn Wassili Kovtun* (66) und Dima Tkachenko (29) auf dem Weg zu seiner Werkstatt. Dort wollten sie nach zwei Wochen im Schutzraum Benzin für den Generator holen. 

Vetropack-Glaswerk als Basis russischer Soldaten

Es war ein riskantes Unterfangen, denn in Gostomel, einer Siedlung bei Butscha, wurde heftig gekämpft. Erst vor einigen Tagen war der Bürgermeister von Gostomel in seinem Wagen erschossen worden, als er älteren Bewohnern Essen brachte. Kam hinzu: «Meine Werkstatt liegt beim Vetropack-Glaswerk», so Leonid. «Wir hatten Pech, denn von dort kamen die Soldaten.»  

Russische Soldaten hielten Leonid Boyko (62) mit zwei weiteren Männern auf dem Areal des Schweizer Glaswerks fest und verhörten sie gewaltsam.

Russische Soldaten hielten Leonid Boyko (62) mit zwei weiteren Männern auf dem Areal des Schweizer Glaswerks fest und verhörten sie gewaltsam.

20min/Ann Guenter

Russische Truppen hatten die Fabrikhallen und Bürogebäude des Schweizer Glaswerks seit Februar als Quartier genutzt. Je nachdem, welche Einheit gerade dort stationiert war, kam es auf dem Areal zu Kriegsverbrechen. 

Folter auf der Feuerwehrwache

«Die Soldaten brachten uns zur Wache der Feuerwehr hinter dem Werk und verhörten uns zwei Tage lang. Sie wollten wissen, wer der ukrainischen Armee ihre Standorte durchgab. Als sie keine Antwort erhielten, schlugen sie mich, aber vor allem Dima, den Jüngsten», sagt Leonid. 

Den 29-Jährigen habe man sogar mit Waterbording gefoltert, bestätigt Wassili Kovtun. Dabei hätten die russischen Soldaten «ganz dumme Sachen wissen wollen. Etwa, ob wir Sender in unseren Zahnplomben tragen, die Signale aussenden würden», berichtet er. «Mich liessen sie in Ruhe, wohl, weil ich am ältesten aussah.»

Auch Wassili Kovtun* (66) wurde während Tagen festgehalten. 

Auch Wassili Kovtun* (66) wurde während Tagen festgehalten. 

20min/Ann Guenter

Später fesselte man die drei Männer an Pfosten. «Die Soldaten sagten uns: Wenn wir sterben, sterbt ihr zuerst. Wir sassen da stundenlang, um uns tobten Gefechte. Es war März, eiskalt.»

«Es waren Kadyrowzy»

Wer waren die Soldaten, die sie misshandelten? «Es waren Kadyrowzy», sagt Leonid bestimmt. Die Einheit, eine verstärkte Division der russischen Nationalgarde, wird vom tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow geleitet. Sie war damals tatsächlich in Gostomel – um gemäss ukrainischer Quellen einen Anschlag auf den ukrainischen Präsidenten vorzubereiten. 

Das Martyrium der drei Zivilisten endete, als die russische Einheit im Vetropack-Glaswerk von einer anderen abgelöst wurde, möglicherweise von der ebenfalls in Gostomel kämpfenden 76. Garde-Luftangriffsdivision.

Seine Frau erkannte Leonid kaum wieder

«Diese Männer verhielten sich anders und waren alle in Schwarz gekleidet. Sie brachten uns in einen Schutzraum im Glaswerk», sagt Leonid. «Wir blieben zwei weitere Tage dort, ohne Elektrizität, Essen oder Decken. Dann liess man uns gehen.»

Als sie nach vier Tagen Gefangenschaft in den eigenen Schutzkeller zurückkehrten, erkannte Leonids Frau ihn kaum, so mitgenommen sah er aus. «Sie hätten mich fast gebrochen», sagt der 62-Jährige. 

Leonid Boyko zeigt, wo er und seine Kollegen an Pfosten gefesselt während Stunden in der Eiseskälte sassen. 

Leonid Boyko zeigt, wo er und seine Kollegen an Pfosten gefesselt während Stunden in der Eiseskälte sassen. 

20min/Ann Guenter

«Er will sich nicht erinnern»

Mit dem anhaltend heftigen Widerstand der ukrainischen Streitkräfte nahm die Gewalt der Besatzer gegen unbewaffnete Zivilisten in den Kiewer Vororten Gostomel, Butscha und Irpin zu. In welch unvorstellbarem Ausmass zeigte sich nach dem Rückzug der russischen Truppen Anfang April. 

Leonid hat in Gostomel mittlerweile wieder Ordnung in seiner Garage geschaffen. Wassili hat das Gewächshaus im Garten repariert. Und was macht Dima, der Jüngste? «Er ist weggezogen. Er will sich nicht erinnern», sagt Wassili. 

* Namen der Redaktion bekannt 

20 Minuten berichtet aus der Ukraine 

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