Putins Vergewaltiger-Lob: Kein Dementi

Aktualisiert

Putins Vergewaltiger-Lob: Kein Dementi

Nach seinem Lob für den unter Vergewaltigungsverdacht stehenden israelischen Ministerpräsidenten, stellte sich Wladimir Putin einer nationalen Fragerunde. Sie dauerte drei Stunden. Antworten gab es kaum.

Sein verwirrendes Lob für den unter Vergewaltigungsverdacht stehenden israelischen Staatschef Mosche Katzav (»Was für ein starker Kerl! Wir beneiden ihn alle.») zwang den Kremlchef nun zu einer Erklärung.

Jene Worte, die im Ausland starkes Befremden hervorgerufen hatten, seien ohne Erlaubnis veröffentlicht worden, sagte Putin. Von einem Dementi keine Spur.

Im Gegenteil: Während Israels Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen Katzav vorbereitet, behauptete Putin, dass hinter dem Vergewaltigungsvorwurf nichts als eine politische Intrige stehe.

Putin machte sich nicht ernsthaft die Mühe, seine Worte über Katzav gerade zu rücken. Natürlich sei er ein Gegner von Gewalt gegen Frauen. Aber im Fall Katzav werde der Kampf für die Rechte von Frauen dazu missbraucht, politische Ziele zu erreichen.

Der Fragestellerin, Tatjana Ingajan aus Moskau, blieb keine Gelegenheit zum Nachhaken, weil Putin sich schon der Frage nach dem Zustand des russischen Fussballs zugewandt hatte.

Dreistündiger Frage- und Antwortmarathon

Bereits zum fünften Mal widmete sich Putin in einem Fernsehmarathon den Sorgen und Nöten seiner Bürger. Mehr als zwei Millionen Fragen gingen dieses Mal per Live-Schaltung, Telefon, SMS oder Email ein.

Wie in den Jahren zuvor trafen gut vorbereitete Fragesteller auf einen noch besser instruierten Präsidenten. Putin schaffte es, gut 50 Fragen zu beantworten, meist ging es um soziale Probleme.

Bei dem dreistündigen Dauerantworten konnten sich die Fernsehzuschauer nicht des Eindrucks erwehren, dass Putin nach mehr als sechs Jahren im Amt froh ist, wenn in einem Jahr laut Verfassung für ihn Schluss ist. Der blass wirkende Putin liess das Feuer und die Stosskraft seiner früheren Auftritte vermissen.

Im dunklen Anzug und schwarzer Krawatte mit weissen Diagonalstreifen mühte sich Putin. Er äusserte sich dabei unter anderem auch zu einem für ihn unangenehmen Thema: Der weiterhin im Land grassierenden Korruption.

Aufhorchen liess professionelle Zuhörer dabei Putins Feststellung, für eine effektive Bekämpfung der Korruption seien eine Bürgergesellschaft sowie eine freie Presse vonnöten. Dabei hatte erst gerade «Reporter ohne Grenzen» Russland auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 147 zurückgestuft.

Putins Versprecher

Die Menschen in Russland beschäftigt allerdings weniger die Dauerkritik des Westens an Demokratiedefiziten. «Was wird nur aus uns, wenn sie 2008 abtreten müssen», fragte der Chauffeur Arkadi Kokajew aus einem Dorf an der kasachischen Grenze. «Alles wird gut», antwortete Putin mit der beliebten Zuversichtsfloskel.

Dann sorgte der Kremlchef mit einem Versprecher dafür, dass sich Arkadi weiterhin Sorgen um die Zukunft machen muss. Das gewaltige Wohlstandsgefälle werde auf jeden Fall «beibehalten», sagte Putin. Einen Atemzug später bemerkte er seinen Lapsus und korrigierte, dass das Wohlstandsgefälle natürlich «verringert» werde.

(sda)

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