Türkei: Putschversuch kostet 100 Milliarden Franken
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TürkeiPutschversuch kostet 100 Milliarden Franken

Zerstörtes Kriegsgerät, zerbombte Gebäude, annullierte Ferienbuchungen: Der türkische Handelsminister berechnet die Auswirkungen des Umsturzversuchs auf die Wirtschaft.

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rub
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Der türkische Handelsminister spricht von 1 Million Ferien-Annullierungen. Die meisten davon sollen von türkischen Beamten stammen, denen die Ferien gestrichen wurden: Zwei Frauen an einem Strand der Prinzeninseln in Istanbul. (29. Juni 2016)

Der türkische Handelsminister spricht von 1 Million Ferien-Annullierungen. Die meisten davon sollen von türkischen Beamten stammen, denen die Ferien gestrichen wurden: Zwei Frauen an einem Strand der Prinzeninseln in Istanbul. (29. Juni 2016)

AFP/Bulent Kilic
Will sämtliche Klagen wegen Beleidigung zurückziehen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 29. Juli 2016 in Ankara.

Will sämtliche Klagen wegen Beleidigung zurückziehen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 29. Juli 2016 in Ankara.

AFP
Nach dem Putschversuch gestaltet der Präsident die Armee um: Recep Tayyip Erdogan (Mitte) trifft Generäle im Präsidentenpalast in Ankara. (29. Juli 2016)

Nach dem Putschversuch gestaltet der Präsident die Armee um: Recep Tayyip Erdogan (Mitte) trifft Generäle im Präsidentenpalast in Ankara. (29. Juli 2016)

AFP/Büro des türkischen Präsidenten

Der Putschversuch in der Türkei hat die Wirtschaft des Landes nach Regierungsangaben Milliarden gekostet. Wenn alles zusammengerechnet werde, ergebe sich ein Betrag von «mindestens 300 Milliarden Lira» (97 Milliarden Franken), sagte Handelsminister Bülent Tüfenkci laut Presseberichten von heute. Er zählte demnach unter anderem «Kampfflieger, Kampfhelikopter, Waffen, Bomben» und zerstörte Gebäude auf. Hinzu kämen abgesagte Warenbestellungen und Reisen aus dem Ausland.

Die Gesamtsumme könne mittelfristig noch steigen, sagte Tüfenkci. «Leider haben die Putschisten die Türkei wie ein Dritte-Welt-Land aussehen lassen, mit Panzern auf den Strassen», beklagte er.

Drei Millionen Beamten die Ferien gestrichen

Dem Minister zufolge wurden nach dem Putschversuch eine Million Reservierungen im Tourismussektor zurückgezogen. Dies ist Tüfenkcis Worten nach aber vor allem darauf zurückzuführen, dass die Regierung rund drei Millionen Beamten den Urlaub strich.

Für die Tourismusbranche in der Türkei ist das ein weiterer Rückschlag. Vor dem Hintergrund mehrerer Anschläge sowie Spannungen mit Russland war die Zahl der ausländischen Gäste in dem Land im Juni um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gefallen. Wie genau sich der Mitte Juli erfolgte Putschversuch auf die Branche auswirkt, bleibt abzuwarten.

Weitere Entlassungen und Haftbefehle in der Türkei

Nach dem gescheiterten Putsch halten die Entlassungen in den türkischen Behörden unvermindert an. Zudem ging die Regierung am Donnerstag erneut massiv gegen Medien vor.

Minister Tüfenkci betonte, die Lage sei nach dem Umsturzversuch schnell unter Kontrolle gewesen. Es sei auch nicht notwendig, Daten zu den Exporten oder zum Wirtschaftswachstum zu korrigieren. «Der Tourismus wird ab jetzt ebenfalls kräftig zulegen», sagte Tüfenkci voraus.

Übernahme Militärwerften

Die türkische Führung entzieht den Streitkräften weitere Befugnisse. Fabriken und Werften, die bislang vom Generalstab kontrolliert worden seien, unterstünden nun der Regierung, sagte Ministerpräsident Binali Yildirim am Dienstag im Parlament. Zugleich betonte er, dass der seit dem Umsturzversuch Mitte Juli eingeleitete Umbau die Armee nicht schwäche. Vielmehr werde der Fokus auf Aktivitäten verlagert, die für die nationale Sicherheit notwendig seien.

Erst am Wochenende hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt, die Streitkräfte vollständig unter direkte staatliche Kontrolle zu bringen. Mehr als 1000 Militärangehörige wurden bereits wegen mutmasslicher Verbindungen zum angeblichen Drahtzieher des Umsturzversuchs, Fethullah Gülen, entlassen. Insgesamt wurden bislang mehr als 60'000 Soldaten, Polizisten, Beamte und Lehrer suspendiert, entlassen oder verhaftet.

Bericht: Geheimdienst wird gesplittet

Auch auf den Geheimdienst will die Regierung in Ankara mehr Einfluss haben: Wie die Zeitung «Hürriyet» am Dienstag berichtete, soll der Nachrichtendienst MIT in einen Inland- und einen Auslandgeheimdienst aufgesplittet werden. Bei der Einheit für das Ausland soll ausserdem eine Koordinierungsstelle für beide Sektionen eingerichtet werden, die zusätzlich noch eigene Geheimdienstanalysen erstellt.

Der Geheimdienst war im Zuge des gescheiterten Militärputsches in die Kritik geraten. So soll Geheimdienstchef Hakan Fidan Stunden vor dem Umsturzversuch über die anstehende Revolte informiert gewesen sein. Er soll Präsident Recep Tayyip Erdogan, der seitdem massiv gegen die vermeintlichen Putschisten und ihre Verbündeten vorgeht, aber nicht darüber informiert haben.

Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus hatte am Montag gesagt, eine Umstrukturierung der Geheimdienstaktivitäten der Türkei stehe «auf der Agenda». Der Zeitung «Hürriyet» zufolge sollen sich nun Polizei und Gendarmerie um die inneren Angelegenheiten kümmern und direkt dem Innenministerium Bericht erstatten. Der Auslandsgeheimdienst soll der Präsidentschaft verpflichtet sein.

Festnahmen in Militärklinik?

Auch das Gesundheitssystem scheint ins Visier der türkischen Führung zu rücken. Gegen rund hundert Angestellte des grössten Militärspitals in Ankara seien Haftbefehle ausgestellt worden, erklärte ein Regierungsvertreter, der anonym bleiben wollte, darunter auch gegen Ärzte. Der Sender NTV berichtete ebenfalls von Polizeirazzien zu diesem Zweck in der Militär-Medizinischen Akademie Gülhane.

Der Regierungsvertreter sagte dazu, dem Klinikpersonal werde vorgeworfen, Gülen-Anhängern den Eintritt in die Armee und den dortigen Karriereaufstieg erleichtert zu haben, indem vorteilhafte Gesundheitszeugnisse ausgestellt worden seien. (rub/sda/afp)

Gülen-Dokument an USA geschickt

Der türkische Justizminister Bekir Bozdag hat einem staatlichen Medienbericht zufolge ein weiteres Dokument an die USA geschickt, mit dem um die Festnahme des Predigers Fethullah Gülen gebeten wird. Die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Dienstag von einem «zweiten schriftlichen Dokument», das versandt worden sei. Zum Inhalt des Schreibens nannte sie keine Details. Ankara wirft dem im Exil im US-Staat Pennsylvania lebenden Gülen vor, den Putschversuch am 15. Juli angestiftet zu haben.

Die türkische Regierung fordert die Auslieferung Gülens wegen des gescheiterten Putsches, bei dem 271 Menschen ums Leben kamen. Washington hat um Beweise für eine Beteiligung des Geistlichen an dem Umsturzversuch gebeten. (AP)

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