Hate Crime-Bericht - Queere Community traut sich wegen Gewalt nicht mehr auf die Strasse
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Hate Crime-BerichtQueere Community traut sich wegen Gewalt nicht mehr auf die Strasse

Werden queere Personen Opfer von Gewalt, leiden sie oft psychisch darunter. Immer öfter trauen sie sich nicht mehr, zu ihrer Orientierung zu stehen.

von
Leo Hurni
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Am Montag wurde der jährliche «Hate Crime-Bericht» vom Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer Pink Cross veröffentlicht.

Am Montag wurde der jährliche «Hate Crime-Bericht» vom Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer Pink Cross veröffentlicht.

Urs Jaudas
20 Minuten konnte ihn vorab einsehen. 61 auswertbare Fälle von verbaler oder körperlicher Gewalt wurden 2020 bei der «LGBT+ Helpline» gemeldet, die seit 2016 für queere Personen zur Verfügung steht, heisst es im Bericht. 

20 Minuten konnte ihn vorab einsehen. 61 auswertbare Fälle von verbaler oder körperlicher Gewalt wurden 2020 bei der «LGBT+ Helpline» gemeldet, die seit 2016 für queere Personen zur Verfügung steht, heisst es im Bericht.

Urs Jaudas
«Dies führt dazu, dass viele LGBTQ-Menschen sich nicht mehr sichtbar als queere Person auf die Strasse trauen», heisst es im Bericht weiter. 

«Dies führt dazu, dass viele LGBTQ-Menschen sich nicht mehr sichtbar als queere Person auf die Strasse trauen», heisst es im Bericht weiter.

Urs Jaudas

Darum gehts

  • Die Organisation Pink Cross veröffentlichte am Montag den jährlich erscheinenden «Hate Crime-Bericht».

  • Der Bericht zeigt, wie viele auswertbare Fälle von verbaler oder körperlicher Gewalt 2020 bei der «LGBT+ Helpline» gemeldet wurden.

  • 2020 stimmte das Stimmvolk für die Strafnorm gegen «Diskriminierung und Aufruf zu Hass», die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung strafbar macht.

  • Für deren Umsetzung verweist der Bundesrat an die Kantone. Das wird von der Lesbenorganisation stark kritisiert.

61 auswertbare Fälle von verbaler oder körperlicher Gewalt wurden 2020 bei der «LGBT+ Helpline» gemeldet, die seit 2016 für queere Personen zur Verfügung steht. Das geht aus dem jährlich erscheinenden «Hate Crime-Bericht» hervor, den der Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer Pink Cross am Montag, dem internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, veröffentlichte.

In der Schweiz haben sich letztes Jahr 63 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung für ein Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ausgesprochen (siehe Box). Trotzdem ist die Zahl der Diskriminierungen nicht zurückgegangen, wie es im Bericht heisst. Die Opfer dieser Attacken litten oft an psychischen Folgen. So gaben über die Hälfte der Meldenden bei der «LGBT+ Helpline» an, psychische Folgen vom Vorfall davongetragen zu haben. «Dies führt dazu, dass viele LGBTQ-Menschen sich nicht mehr sichtbar als queere Person auf die Strasse trauen», heisst es im Bericht weiter.

Dunkelziffer wohl viel höher

Für Alessandra Widmer, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz, eine erschreckende Zahl. «Wenn sich Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht mehr auf die Strassen getrauen, ist das offensichtlich ein Problem. Die Schweiz hat sich klar gegen Diskriminierung und Hass ausgesprochen. Die Zahlen zeigen aber, dass dieses Gesetz allein leider noch nicht ausreicht.» Zudem sei die Dunkelziffer der Übergriffe um einiges grösser. «Viele Übergriffe werden immer noch nicht gemeldet. Ohne eine verlässliche statistische Erfassung können wir über die echten Zahlen auch heute nur mutmassen.»

Seit der Annahme der Strafnorm gegen Homophobie kämpft die Organisation zusammen mit Pink Cross für eine Umsetzung der Initiative. «Es ist ein grosses Zeichen, dass die Vorlage so deutlich angenommen wurde. Dennoch fehlt es in der Schweiz auf allen Ebenen an einer sinnvollen Umsetzung und effektiven Massnahmen gegen Hassverbrechen und generell gegen LGBTQ-Feindlichkeit», so Widmer.

Vorstösse in 16 Kantonen

Als Reaktion auf die täglichen Übergriffe und Gewalt gegen die Community haben sich die Dachverbände der Homo- und Bisexuellen deshalb mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern aus 16 Schweizer Kantonen zusammengeschlossen, um die Umsetzung der Initiative einzufordern. Für diese seien die Kantone verantwortlich, sagte der Bundesrat. Sie müssten die erweiterte Strafnorm mit «adäquaten Massnahmen der Sensibilisierung, Prävention, Intervention und Überwachung» umsetzen.

«Mittels parlamentarischen Anfragen in 16 Kantonen fragen wir bei den Regierungen nach, was bis jetzt gemacht wurde und welche Massnahmen in Zukunft geplant sind. Wir fordern klare Mittel, um in Zukunft verbale und körperliche Übergriffe auf die Community zu verhindern», so Widmer. Dazu gehörten etwa Aufklärung über Gewalt an Schulen, aber auch Sensibilisierungsprogramme für die Polizei. Je nach Kanton brauche es unterschiedliche Massnahmen, sagt Widmer. «Im Kanton Zürich läuft zum Beispiel schon viel, während etwa in einem konservativen Innerschweizer Dorf nur schon ein Coming-out konsequenzenreich sein kann. Deshalb muss man je nach Kanton unterschiedlich vorgehen.»

Die Strafnorm gegen «Diskriminierung und Aufruf zu Hass»

Die Strafnorm gegen «Rassendiskriminierung» ist seit 1995 in Kraft. Sie stellt Handlungen unter Strafe, mit denen Menschen wegen ihrer «Rasse», Ethnie, Religion und – seit dem 1. Juli 2020 – ihrer sexuellen Orientierung in der Öffentlichkeit das gleichberechtigte Dasein ausdrücklich oder implizit abgesprochen wird. Strafbar sind zudem diskriminierende Verweigerungen von Waren- und Dienstleistungen, die für die Allgemeinheit gedacht sind.

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