30 Prozent Frauen: «Quoten schaffen nur Verlierer»
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30 Prozent Frauen«Quoten schaffen nur Verlierer»

Für die einen ist es eine Hiobsbotschaft, für die anderen ein längst überfälliger Entscheid: Die vom Bundesrat geplante Frauenquote polarisiert.

von
J. Büchi/ N. Glaus
FDP-Nationalrat Andrea Caroni glaubt nicht, dass weibliche Anwärterinnen im Auswahlverfahren bisher systematisch benachteiligt wurden.

FDP-Nationalrat Andrea Caroni glaubt nicht, dass weibliche Anwärterinnen im Auswahlverfahren bisher systematisch benachteiligt wurden.

Bis in fünf Jahren soll in der Schweiz jeder dritte Sitz in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten von Frauen besetzt sein. So will es der Bundesrat. Für Prisca Birrer-Heimo (SP) ein Schritt in die richtige Richtung: «Ich finde es sehr wichtig, dass sich etwas bewegt.» Wie der Bundesrat verweist auch sie darauf, dass die Frauen in den Führungsetagen noch immer stark untervertreten seien. Die Wirtschaft habe es nicht geschafft, den Frauenanteil in Eigenregie massgeblich zu erhöhen.

Dass die Konzerne nun dazu gezwungen werden sollen, ist für Andrea Caroni «ein Eingriff in die Freiheit der Firmeneigentümer». Der FDP-Nationalrat glaubt nicht, dass weibliche Anwärterinnen im Auswahlverfahren bisher systematisch benachteiligt wurden. «Es gibt keinen Grund, weshalb eine Firma so etwas tun sollte.» Wer einen Verwaltungsrat zu besetzen habe, sei daran interessiert, die am besten qualifizierte Person einzustellen und nach Möglichkeit gemischte Teams zu bilden.

«Zweitbeste Wahl wird eingestellt»

«Quoten hingegen schaffen nur Verlierer», ist Caroni überzeugt. Wenn eine gute Frau einen Posten bekomme, setze sie sich automatisch dem Verdacht aus, eine Quotenfrau zu sein. Erhalte eine falsch- oder unterqualifizierte Frau den Posten, schade es dem Unternehmen und schliesslich auch der Frau selber. Caroni glaubt, besonders in technischen Branchen werde es zum heutigen Zeitpunkt schwierig, die Quote ohne Qualitätsverlust umzusetzen. «Die Regelung wird diesen Firmen und der ganzen Wirtschaft schaden.» In dieselbe Kerbe schlägt Erich Herzog von Economiesuisse. Um die «Besten von den Besten» einstellen zu können, sei eine möglichst grosse Flexibilität nötig. «Im schlimmsten Fall bedeutet eine starre Quotenregelung, dass die zweitbeste Wahl eingestellt werden muss.»

Birrer-Heimo widerspricht vehement. «Studien belegen, dass Firmen sogar besser wirtschaften, wenn Frauen in Führungspositionen sind.» Es gebe in der Schweiz ein ganzes Netzwerk an weiblichen Spitzenkräften, die für entsprechende Posten geeignet und auch daran interessiert seien. Auch in der Industrie müssten nicht alle Verwaltungsratsmitglieder unbedingt aus der Branche kommen. In jedem Unternehmen gebe es verschiedenste Sparten, die strategisch und operativ geleitet werden müssten.

«Heute sitzen viele Männer, die Jura oder Wirtschaft studiert haben, in den Verwaltungsräten. Da fragt auch niemand, ob sie aus der Branche kommen», so Birrer-Heimo. In diesen Studienrichtungen gebe es gut qualifizierte weibliche Absolventinnen. «Voraussetzung ist, dass wir nun die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorantreiben. Das ist nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative sowieso das Gebot der Stunde.»

Verhältnis nicht auf 50:50 «prügeln»

Für die Förderung «unbürokratischer Tagesstrukturen» spricht sich auch Caroni aus. Zudem müssten die heute zu männerlastigen Bildungsgänge so gestaltet werden, dass sie auch für Frauen interessant sind. «Kurz: Die Strukturen müssen so ausgestaltet sein, dass meine Tochter erfolgreiche Ingenieurin werden kann, wenn sie das will.» Es dürfe aber nicht so sein, dass nun massenweise Frauen in Unternehmenszweige gedrängt werden, die sie nicht ansprechen. «Möglicherweise sind gewisse Interessen bei Mann und Frau einfach anders gelagert. Dann muss das Verhältnis in den Verwaltungsräten bei aller Gleichstellung auch nicht auf 50 zu 50 geprügelt werden.»

Economiesuisse betont, man wünsche sich eine stärkere Vertretung von Frauen im Management von Unternehmen. Herzog schlägt eine Regelung vor, wie man sie auch in Finnland kennt: «Dort muss mindestens eine Frau im Verwaltungsrat sitzen. Es zeigte sich, dass sich daraus eine positive Dynamik entwickelt und sich der Frauenanteil im Unternehmen schnell erhöht.»

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