Urteil im Fall Hausen - Lebenslang für Doppelmörder – «Schenken Sie Ihren Kindern reinen Wein ein»

Urteil im Fall HausenLebenslang für Doppelmörder – «Schenken Sie Ihren Kindern reinen Wein ein»

In einer Wohnung in Hausen AG hat die Polizei im Januar 2018 die Leichen von zwei Frauen gefunden. Nun stand der Ehemann des einen Opfers wegen Mordes vor Gericht.

von
Stefan Hohler
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Die 38-Jährige A. B. wurde im Januar 2018 in Hausen AG getötet.

Die 38-Jährige A. B. wurde im Januar 2018 in Hausen AG getötet.

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Ebenfalls getötet wurde ihre 31-jährige Schwester.

Ebenfalls getötet wurde ihre 31-jährige Schwester.

20min
Der Ehemann R. B. musste sich nun wegen mehrfachen Mordes vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten.

Der Ehemann R. B. musste sich nun wegen mehrfachen Mordes vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten.

20min/Stefan Hohler

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Donnerstag, 10.06.2021

Zusammenfassung

Das fünfköpfige Bezirksgericht Brugg hat gestern einen Kosovaren einstimmig wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. «Der Beschuldigte hat sich als Herrscher über Leben und Tod aufgespielt», sagte Gerichtspräsident Sandro Rossi in der mündlichen Urteilsbegründung. Die effektive Untreue der 38-jährigen Ehefrau sei für den Mann nach seinen eigenen Worten «das Schlimmste» gewesen. Deshalb musste sie sterben.

Ihre 31-jährige Schwester tötete der Mann, weil er sie als eine Verbündete der Ehefrau sah und er einen grossen Hass auf sie hatte. «Die Tat ist mit grosse Kaltblütigkeit verübt worden, der Mann keine Einsicht und keinen Funken Reue gezeigt», sagt der Richter.

Für das Gericht gilt als erwiesen, dass sich der 57-Jährige die Stich- und Stichverletzungen am Oberkörper selbst zugefügt hat: «Es waren wohldosierte Verletzungen, die nur geringen Schmerzen verursachten.» Alles spreche gegen einen Kampf, es fehlen Abwehrverletzungen an Armen und Händen des Beschuldigen. Der Mann hatte immer behauptet, dass er von den beiden Frauen mit Messern im Bett angegriffen worden war und er sich verteidigen musste.

Zudem wird der Kosovare für 15 Jahre des Landes verwiesen. Im Gefängnis kann er während fünf Jahren eine ambulante Therapie machen. «Die albanischen Behörden werden rechtshilfeweise ersucht, für die in Albanien befindlichen Liegenschaften des Beschuldigten eine Verkaufssperrre aufzuerlegen», sagt der Richter. Der Erlös der beiden Liegenschaften soll für die Untersuchungs- und Gerichtskosten gebraucht werden.

Der Mann muss den Eltern der beiden Schwestern je 25'000 Franken Genugtuung bezahlen, den drei eigenen Kindern je 40'000 Franken Genugtuung. Weitere Schmerzensgelder muss er den Geschwistern der Opfer bezahlen.

Schenken Sie den Kindern reinen Wein ein.

Am Schluss des Prozesses sagt Gerichtspräsident Sandro Rossi noch einige persönliche Worte zum Beschuldigten: «Irgendwann wird das juristische Verfahren fertig sein. Erzählen Sie dann Ihren Kindern die Wahrheit und schenken Sie ihnen reinen Wein ein. Die Kinder erleben ein Martyrium und werden durch die Ungewissheit aufgefressen.»

Keinen Funken von Reue gezeigt

«Der Beschuldigte hat sich als Herrscher über Leben und Tod aufgespielt» sagt der Richter. Die effektive Untreue der Ehefrau sei für den Mann nach seinen eigenen Worten «das Schlimmste» gewesen. Deshalb musste die Ehefrau sterben. Die Schwester tötete der Mann, weil er sie als eine Verbündete der Ehefrau sah und er einen grossen Hass auf sie hatte. «Die Tat ist mit grosse Kaltblütigkeit verübt worden, der Mann hat keine Einsicht und keinen Funken Reue gezeigt», wie der Richter sagt.

Er hat sich die Verletzungen selbst zugefügt.

Gerichtspräsident Sandro Rossi sagt in der mündlichen Urteilsbegründung, dass sich der Mann die Schnitt- und Stichverletzungen am Oberkörper selbst zugefügt hat. «Es waren wohldosierte Verletzungen, die nur geringen Schmerz verursachten», sagt der Richter. Alles spreche gegen einen Kampf.

Die Schnittverletzungen an der Ehefrau dagegen würden auf ein starkes dynamisches Geschehen hinweisen – auf einen heftigen Kampf mit Abwehrreaktionen. Bei der Schwägerin dagegen wurden keine Abwehrverletzungen festgestellt. Sie hatte drei Einstiche im Oberkörper, welche auf «frontale heftige Einwirkungen» hinweisen, wie der Richter sagt.

Lebenslänglich wegen Doppelmord

Das fünfköpfige Bezirksgericht Brugg verurteilt den Beschuldigten einstimmig wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Zudem wird der Kosovare für 15 Jahre des Landes verwiesen. Im Gefängnis kann er während fünf Jahren eine ambulante Therapie machen. Die albanischen Behörden werden rechtshilfeweise ersucht, für die in Albanien befindlichen Liegenschaften des Beschuldigten eine Verkaufssperre aufzuerlegen. Der Erlös der beiden Liegenschaften soll für die Untersuchungs- und Gerichtskosten gebraucht werden.

Der Mann muss den Eltern der beiden Frauen je 25'000 Franken bezahlen. Weitere Genugtuungen muss er den Geschwistern der beiden Opfer bezahlen. Den drei eigenen Kindern muss er je 40'000 Franken bezahlen.

Plädoyers

Am Mittwoch haben Staatsanwalt und Verteidiger ihre Plädoyers gehalten. Für die Anklage ist klar: Der 57-jährige Kosovare hat zuerst seine 38-jährige Ehefrau und dann deren 31-jährige Schwester erstochen. Das Motiv war Eifersucht. Die Ehefrau hatte eine Beziehung mit einem guten Freund des Mannes. «Der Beschuldigte hat aus purem Egoismus die Mutter seiner drei Kinder umgebracht», sagt der Staatsanwalt. Die Schwägerin musste sterben, weil sie eine «lästige Zeugin» war. Der Staatsanwalt fordert eine lebenslängliche Freiheitsstrafe. Zudem soll der Kosovar für 15 Jahre des Landes verwiesen werden.

Demgegenüber hatte der Beschuldigte im dreitägigen Prozess und auch in der Untersuchung immer seine Unschuld beteuert: Er habe aus Notwehr zugestochen. Seine Frau habe ihn im Bett mit einem Messer angegriffen und ihre Schwester habe sie dabei unterstützt. Sein Anwalt fordert einen Freispruch. Sein Mandant habe sich verzweifelt zur Wehr gesetzt. Ferner verlangt der Anwalt 250’000 Franken Entschädigung für die lange Haft. Der Beschuldigte befindet sich seit der Tat im Januar 2018 im Gefängnis.

Dienstag, 08.06.2021

Zusammenfassung

Am zweiten Prozesstag kamen eine Rechtsmedizinerin und der Beschuldigte zu Wort. Für die Ärztin sprach das Spurenbild beim Beschuldigten gegen einen Kampf um Leben und Tod.

Der Beschuldigte sagte, dass er die Ehefrau überwacht habe, um Beweise für ihre Untreue zu sammeln. Er wollte sich scheiden lassen und brauchte dafür die Erlaubnis seines Schwiegervaters. Er habe am Abend vor der Tat seiner Frau gesagt, dass er wisse, dass sie ihn betrüge und dass er die Scheidung wolle.

Bezüglich dem Tod der beiden Frauen blieb der Beschuldigte bei seiner Darstellung, dass die Frauen ihn mit einem Messer angegriffen hätten, und er in Notwehr gehandelt habe. Morgen werden der Staatsanwalt und der Verteidiger ihre Plädoyers halten. Das Urteil wird am Donnerstagnachmittag gefällt.

Zwei unterschiedlichen Tatverläufe

Nun macht der Richter eine Tatrekonstruktion. Der Beschuldigte sagt, dass seine Frau an jenem Morgen des 8. Januar 2018 mit einem Messer in der Hand das Schlafzimmer betreten habe und auf ihn kniete. «Ich habe sie mit aller Kraft weggedrückt, trotz Schmerzen im Arm.» Er habe die Frau von hinten sitzend festhalten und das Messer packen können. «Trotz diesem Zweikampf auf Leben und Tod soll ihre Ehefrau das Messer von der rechten in die linke Hand gewechselt haben?», fragt der Richter ungläubig.

Weiter sagt der Beschuldigte, dass die Ehefrau um Hilfe gerufen habe und ihre Schwester sei mit einem anderen Messer in der Hand herein gekommen. Als er der Schwester das Messer wegnehmen wollte, habe sie sich dabei tödlich verletzt. «Ich habe den Kopf weggedreht und als ich wieder hinschaute, habe ich Blut gesehen.» Bezüglich den tödlichen Verletzungen bei seiner Frau wisse er nichts mehr. Er sei bewusstlos geworden.

Diese Version des Beschuldigten widerspricht der Anklageschrift. Er soll am Morgen das Elternschlafzimmer betreten und die alleine im Bett liegende Ehefrau mit einem Messerstich getötet haben. Dann sei die Schwägerin ins Schlafzimmer gekommen. Er habe sie aufs Bett gestossen, wobei sie den Kopf am Kopfteil anstiess und das Bewusstsein verlor. Dann habe er sie mit drei Messerstichen getötet und ihr ein anderes Messer in die Hand gedrückt.

Am Abend vor der Tat gesteht er die Überwachung

Am 7. Januar 2018, am Abend vor der Tat, ist der Beschuldigte von einem Besuch bei einem Kollegen in Deutschland wieder nach Hause gekommen. «An diesem Abend habe ich meiner Frau gesagt, dass ich sie überwache und alles weiss.» Er habe ihr auch gesagt, dass er die Scheidung wolle und sie habe zu weinen begonnen. «Dann habe ich in der Küche Raki getrunken und bin ins Bett gegangen, das ist alles, was ich noch weiss», sagt er.

Am Montagmorgen habe er nicht mehr über die Scheidung gesprochen – dies widerspricht der Aussage der Polizisten, die nach der Tat vor Ort waren. Sie hatten gesagt, dass der Beschuldigte unaufgefordert von der Scheidung und von Prostitution gesprochen habe. «Mir ist nicht bewusst, was ich ihnen gesagt habe.»

Fotobeweise für den Schwiegervater

Nach der Mittagspause wird der Beschuldigte weiter zur ausserehelichen Beziehung seiner Frau befragt. Der Richter will wissen, warum es für ihn «das Schlimmste» war, als er am 23. Dezember 2017 das Auto seiner Frau zu frühen Morgenstunde um 3 Uhr auf einem Parkplatz ortete, obwohl er seit mehreren Monaten von ihren Seitensprüngen wusste. Die Antwort des Beschuldigten: «Weil meine Frau an diesem Abend und dieser Nacht mit drei Personen Geschlechtsverkehr hatte: mit mir und zwei anderen Männern.»

Der Richter fragt, warum er überhaupt seine Frau mit dem Handy in ihrem Wagen geortet sowie Fotos und Standortskizzen gemacht habe. Zudem habe er auch Fotos und Videos der unaufgeräumten Familienwohnung und des Balkons gemacht. Der Beschuldigte sagt, er wollte sich scheiden lassen und habe dafür die Erlaubnis seines Schwiegervater gebraucht. Dieser sagte: «Wenn du Beweise hast, kannst du dich scheiden lassen.» Falls nicht, müsse er die Verantwortung übernehmen. «So ist es bei uns», hat der Schwiegervater gesagt.

Der Beschuldigte sagt, dass man in Albanien nicht einfach die Frau «ohne Argumente» verlassen dürfe, ansonsten man erschossen werden könne. Deshalb habe er die Fotos gemacht und Beweise für ihre Untreue gesammelt. «Richten Sie sich nach den albanischen Bräuchen, obwohl Sie in der Schweiz leben?», fragt der Gerichtsvorsitzende Sandro Rossi. «Meine Generation nimmt die Bräuche immer noch so an, das hat sich nicht geändert», antwortet der Beschuldigte. Laut dem Richter hat der Schwiegervater in der Befragung durch den Staatsanwalt gesagt, dass er nie Beweise verlangt habe. Im Gegenteil, der Ehemann habe seiner Tochter die Scheidung verbieten wollen.

Liebhaber jeweils in Appartement dessen Bruders getroffen

Er habe es mit seiner Frau gut gehabt, bis sie das Verhältnis mit einem seinem besten Freund begann. Er habe dies anfänglich toleriert, «bis es ihm zur Nase gekommen ist». Er sei nicht wütend gewesen, aber er habe sich schlecht gefühlt: «Es war schlimm für mich».

«Ab wann hatten Sie den Verdacht, dass Ihre Frau fremdgeht?», fragt der Richter. Nach dem Vorfall mit der Messerattacke im Sommer 2016, lautet die Antwort. Seine Frau sei abends jeweils ausgegangen und habe gesagt, dass sie Freundinnen besuchen werde. Dass er die Freundinnen jeweils angerufen habe, um die Aussagen seiner Frau zu überprüfen, verneint er vehement: «Ich habe kein einziges Mal angerufen.» Im Januar 2017 habe er gewusst, dass seine Frau aussereheliche Beziehung habe. Seine Frau habe den Liebhaber im Appartement von dessen Bruder getroffen, sagt der Beschuldigte.

Der Richter will wissen, wer das Handy mit dem Programm «Find my iPhone» in das Auto der Ehefrau eingebaut hat. «Das war ich», sagt er. Jetzt gibt es bis 13.45 Uhr Mittagspause.

Starres Bild von Familienrolle

Das psychiatrische Gutachten spricht von einer depressiven Störung des Beschuldigten. Trotzdem hat er die freiwillige Therapie in der Strafanstalt nicht genutzt. Weiter heisst es im Gutachten, dass er ein sehr rigides und starres Verständnis bezüglich seiner Familienrolle und die der Familienmitglieder habe. «Ich habe die Wünsche meiner Familie erfüllt», fasst er seine Funktion als Familienvater zusammen. Er sei da gewesen, um für seine Kinder und Frau zu sorgen.

Messerattacke von Frau und Schwägerin in Albanien

Der Beschuldigte wird auf einen Vorfall im Sommer 2016 in Albanien befragt. Er war damals von seiner Frau und einer ihrer Schwester (nicht die, welche später umgebracht wurde) bei einem Streit mit einem Messer am Kopf angegriffen worden. Er habe sich noch rechtzeitig drehen und die Schwägerin packen können. Weitere Anwesende hätten intervenieren und das Messer aus dem Fenster werfen können. «Ich weiss nicht, was ich gemacht habe», habe seine Frau danach gesagt. «Er hatte vor dem Vorfall mit dem Messer mit meiner Frau nie Streit gehabt», betont der Beschuldigte.

Er habe der Schwägerin gesagt, dass er seine Ruhe wolle und sie habe ihm gesagt: «Ich werde dich von dieser Welt eliminieren.» Sie habe einen negativen Einfluss auf seine Frau ausgeübt. «Die Schwägerin hat nach Ihrem Leben getrachtet und einige Monate später haben Sie ihr ein Auto verkauft, können Sie das erklären?», fragt der Richter. Er habe versucht, diese Sache zu überspringen – wie ein Hase über einen Hund springt.

Kaum Deutsch obwohl seit 31 Jahren in der Schweiz

Der Beschuldigte lebt seit 31 Jahren in der Schweiz und er braucht eine Dolmetscherin. «Auf was führen Sie Ihre mangelnden Sprachkenntnisse zurück», fragt der Richter. «Ich war vor allem mit Albanern und Kosovaren zusammen und habe das gelernt, was ich zur Arbeit brauche.» Er habe einmal einen sechswöchigen Deutschkurs absolviert, dieser habe aber nicht gereicht. Die Ferien habe er in Albanien und im Kosovo verbracht, in der Schweiz seien sie zu teuer.

Unklarheit über Grundstücke in Albanien

Nach der Rechtsmedizinerin wird der Beschuldigte befragt. Er spricht leise und mit rauer Stimme. Er befindet sich in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg und montiert Computerfestplatten. Er kann viermal pro Woche für zehn Minuten telefonieren, meist mit seinen Kindern oder Schwester und Bruder. Der IV-Rentner – der als Dachdecker arbeitende Mann hat die Rente nach einem Unfall erhalten – hat in Albanien zwei Wohnungen, welche er zwei Söhnen aus der ersten Ehe überschrieben und verkauft hat.

In der Anklageschrift steht, dass das internationale Rechtshilfeersuchen betreffend Grundstücksperre der Liegenschaften bislang unbeantwortet sei. Die Söhne hätten es mit dem eigenen Geld bezahlt, betont der Beschuldigte. Dies sei im Jahr 2013 geschehen. Der Richter verweist auf ein Dokument, in dem der Beschuldigte bestätigt, dass er im Jahr 2017 insgesamt drei Grundstücke in Albanien besitze. «Ich habe dies gemacht, um den albanischen Pass zu erhalten», sagt der Kosovare. Man habe ihm Druck gemacht. Er habe viermal ergebnislos den Antrag für die albanische Nationalität gestellt. Seine Frau kam aus Albanien, er ist Kosovar.

Kein Kampf um Leben und Tod

Auch bei der 38-jährigen Ehefrau des Beschuldigten kann die Rechtsmedizinerin nicht sagen, in welcher Position (liegend, sitzend oder stehend) sich die Frau befand. Im Gegensatz zu ihrer Schwester fand hier die Rechtsmedizinerin deutliche Abwehrspuren an den Armen. Die Frau müsse wenige Minuten nach dem Bruststich verstorben sein.

Die Rechtsmedizinerin kommt auch zu den Verletzungen beim Beschuldigten zu sprechen. Laut Anklage soll er sich selber Schnittverletzungen im Brustbereich zugefügt haben, um einen Angriff vorzutäuschen und den Eindruck einer Notwehrsituation zu erwecken. «Das Spurenbild spricht gegen einen Kampf», so Saskia Gauthier. Die gleichförmigen und nicht besonders tiefen Verletzungen seien nicht in einem Gerangel oder in einem dynamischen Geschehen zugefügt worden, dann wären sie unterschiedlich tief und nicht so regelmässig verlaufen. Dies wäre bei einem Kampf um Leben und Tod zu erwarten, so die Rechtsmedizinerin.

Keine Abwehrspuren bei der Schwester

Der zweite Prozesstag vor dem Bezirksgericht Brugg im Fall des Doppelmordes von Hausen AG beginnt mit der Befragung der Rechtsmedizinerin Saskia Gauthier. Sie ist Oberärztin für Rechtsmedizin am Kantonsspital Aarau und hat die Obduktion der Leichen durchgeführt. Der angeklagte Kosovare machte eine Notwehr geltend, er sei von den beiden Frauen mit einem Messer angegriffen worden. «Wir haben bei der Schwester der Ehefrau keine Abwehrverletzungen feststellen können», sagt sie auf die Frage des Richters.

Ob die Frau zum Tatzeitpunkt gelegen, gesessen oder gestanden sei, könne man anhand des Stichkanals aber nicht sagen. Die Stiche können ihr beim Liegen, Sitzen oder Stehen zugefügt worden sein. Die 31-jährige Schwester war mit drei Messerstichen getötet worden.

Montag, 07.06.2021

Zusammenfassung

Am ersten Prozesstag im Fall des Doppelmords von Hausen AG befragte das Gericht Auskunftspersonen und Zeugen. Die Auskunftspersonen sprachen von häufigen Streitereien in der Familie, auch Messer seien im Spiel gewesen – jedoch nicht vom Beschuldigten. Die Ehefrau sei fremdgegangen und habe mit einer Scheidung gespielt. Ihr Liebhaber sagte, dass die Frau in ihn verliebt gewesen sei. Laut zwei Polizisten, die am Tatort waren, hat der Beschuldigte gesagt, dass er die Scheidung wollte, weil er so nicht mehr leben könne. Er sei von der Frau und der Schwägerin mit einem Messer angegriffen worden.

Es war eine Liebesbeziehung

Bei der Befragung durch den Gerichtspräsidenten Sandro Rossi sagt der Zeuge, dass er die Frau am 6. Januar 2018 – zwei Tage vor ihrem Tod – «per Zufall» getroffen habe. Der Richter liest ihm SMS-Nachrichten vor, die er ihr an diesem Datum geschrieben und dabei Zeitpunkt und Ort genannt hat. Er warnt ihn, nicht in ein weiteres Verfahren wegen falscher Zeugenaussage zu schlittern.

Zu Sex sei es an diesem Tag nicht gekommen, sagt der Zeuge. Am nächsten Tag schickte ihm die Frau ein SMS mit den Worten: «Tut dir Dein Körper weh?» Der Zeuge sagt, dass das nur ein Scherz gewesen sei. Sie habe seit einer Woche Schmerzen an Schultern und Nacken gehabt, vom Durchzug oder vom Wäsche tragen.

Der Anwalt des Beschuldigten will wissen, ob die Frau ihn geliebt habe. «Ich denke schon», sagt der Zeuge. Also war es eine Liebesbeziehung? «Ja», antwortet der Zeuge zögerlich. Auf die Frage, ob er sie geliebt habe, weicht der Mann aus. «Wir haben uns verstanden. Sie hat ihre Familie und ich habe meine Familie.»

Ehemaliger Liebhaber der Frau als Zeuge

Nach den beiden Polizisten wird nun ein Zeuge vom Gericht befragt. Der Projektleiter hatte ein Verhältnis mit der Ehefrau des Beschuldigten ab Sommer 2017 bis rund zwei Wochen vor ihrem Tod am 8. Januar 2018. Er habe die Frau alle ein bis zwei Monate zum Sex getroffen.

Er ist wegen falscher Zeugenaussage in diesem Strafverfahren im März 2020 zu einer bedingten Geldstrafe von knapp 40'000 Franken verurteilt worden. «Sollten Sie heute eine falsche Aussage machen, riskieren Sie, dass Sie diesen Betrag bezahlen müssen», schärft ihm der vorsitzende Richter Sandro Rossi ein. Bei der Polizei hatte er anfänglich noch verneint, mit der Frau Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.

Die Frau habe ihm auch erzählt, dass sie in der Ehe Schwierigkeiten habe. Von einer Scheidung habe sie anfänglich nichts gesagt, nach einem heftigen Streit mit dem Ehemann, der mit einem Polizeieinsatz endete, habe sie davon gesprochen. Was war Ihr Ratschlag, fragt der Richter. «Ich habe sie beruhigt und gesagt, dass es schon wieder gut komme», antwortete der Zeuge. Sie soll bei ihrer Familie bleiben, habe er ihr geraten.

Eine Richterin will wissen, warum die Ehefrau die Anzeige wegen häuslicher Gewalt wieder zurückgezogen habe. «Auf Druck des Mannes und seiner Familie», antwortet der Zeuge. Er habe ihr auch dazu geraten.