Aktualisiert 23.10.2003 19:44

Rache verleiht Flügel

«Kill Bill: Volume 1»: In Quentin Tarantinos rasanter Schauermär setzt Uma Thurman neue Massstäbe für Action-Darstellerinnen.

Text -- Benjamin Bögli

Einen Filmtitel mit dem märchenhaften «Es war einmal …» («Once upon a time …») zu beginnen, überlässt der amerikanische Autorenfilmer Quentin Tarantino (40) gern anderen. Seinem Kumpel Robert Rodriguez («From Dusk till Dawn») zum Beispiel, der mit «Once upon a Time in Mexico» Anfang 2004 in die Kinos kommt. Viel lieber erweist Tarantino («Reservoir Dogs», «Pulp Fiction», «Jackie Brown») seine Reverenz den Wegbereitern seiner fabelhaften Filme in visueller Hinsicht. So sei «Kill Bill: Volume 1» eine Hommage an Spaghetti-Western von Sergio Leone wie «The Good, the Bad and the Ugly» oder eben «Once upon a Time in the West» – ergänzt mit dem Repertoire des rasanten 70er-Hongkong-Kinos, das Bruce Lee nach Hollywood brachte, dessen Titel sich

jedoch deutlich schroffer anhören: Etwa «Game of Death» oder «Enter the Dragon». Fast jede Szene von «Kill Bill» enthalte Anspielungen auf irgendeinen Film aus dieser Zeit, sagt Tarantino.

Das mag alles richtig sein. Für den Regisseur ist es sicherlich eine spannende Herausforderung, einen Film nach einem Strickmuster zu fertigen, das Filmfreaks ein schier unendliches Zitate-Suchspiel erlaubt. Dem normalen Kinogänger ist dies allerdings egal. Er möchte einfach einen guten, unterhaltsamen Film sehen – und bekommt mit «Kill Bill: Volume 1» einen surrealen, Rätsel aufwerfenden, brutalen Film in fünf Kapiteln vorgesetzt. Attribute, die notabene auch auf die meisten Märchen zutreffen.

Also: Es war einmal ein Mitglied der Deadly Viper Assassination Squad (DVAS). Sein Codename: Black Mamba (Uma Thurman). Eines Tages hat die Killerin das Gefühl, genug im Auftrag der DVAS getötet zu haben. Sie steigt aus und beginnt ein neues Leben. In einer kleinen Kapelle lädt sie zur Hochzeit. Nicht auf der Gästeliste ist die DVAS, die lädt sich selber ein. Die Hochzeitsgesellschaft wird umgebracht. Die Braut (Thurman) überlebt zwar den Anschlag, fällt aber ins Koma. Der bösen Krankenschwester mit der Augenklappe (Darryl Hannah) misslingt ein weiterer Tötungsversuch. Nach vier Jahren der Bewusstlosigkeit wird die Braut unsanft wachgeküsst. Sie hat fortan nur noch einen Wunsch: Rache.

Jetzt pflastern noch mehr Leichen ihren Weg, der die Braut nach Japan führt, wo sie die Übeltäter der von Bill (David Carradine) angeführten DVAS vermutet.

Mit ihrem Samurai-Schwert bringt sie Dutzende von Menschen um, bis sie schliesslich Ober-Yakuza O-Ren Ishi (Lucy Liu) enthauptet. Der Zugang zu Bill bleibt ihr aber verwehrt. Und weil sie noch nicht gestorben ist, wird sie wohl in «Volume 2» (ab Februar) weitertöten. Im ersten «Kill Bill»-Teil steckt eine Menge Power. Neben den starken, teils originellen Action- und Kung-Fu-Szenen in Blau-Schwarz, Schwarz-Weiss oder auch in animierter Form hat diese Power vor allem einen Namen: Uma Thurman, 33 Jahre alt, 183 Zentimeter gross. Beinahe ununterbrochen im Bild, definiert sie zusammen mit Tarantinos Inszenierung den Action-Star der Neuzeit. Losgelöst von den hölzern wirkenden Action-Darstellern der 80er und 90er wie Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone und ohne übertrieben sexuellen Output à la Angelina Jolie (Lara Croft) oder Pamela Anderson (Barb Wire) wirkt sie einerseits brutal und dynamisch, andererseits aber auch sanft und verletzlich. Uma Thurman ist die perfekte Darstellerin in diesem Action-Märchen.

Info

«Kill Bill: Volume 1», Regie: Quentin Tarantino, mit Uma Thurman, Lucy Liu und Darryl Hannah. Jetzt im Kino.

Five to Kill -- wenn Filmtitel töten

1962 «To Kill a Mockingbird» — Gregory Peck setzt sich für die Schwächeren ein.

1966 «Faster, Pussycat, Kill! Kill!» — Russ Meyers psychedelische Sex-Fantasien.

1980 «Dressed to Kill» — Brian de Palma: Einen besseren (kopierten) Titel gibts wohl nicht.

1985 «A View to a Kill» — Roger Moores letzte Bond-Rolle.

1990 «Hard to Kill» — 80er-Nachwehen: Steven Segal verzieht keine Miene und schlägt seine Gegner tot.

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