Aktualisiert 15.07.2019 09:57

Sea-Watch-3-Kapitänin Rackete fordert Aufnahme von Klima-Flüchtlingen

Carola Rackete ist die derzeit berühmteste Kapitänin der Welt. Jetzt gab die Frau, die 53 Flüchtlinge im Mittelmeer rettete, ein Interview.

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Frei! Eine italienische Ermittlungsrichterin hat am 2. Juli 2019 den Hausarrest gegen «Sea-Watch»-Kapitänin Carola Rackete aufgehoben.

Frei! Eine italienische Ermittlungsrichterin hat am 2. Juli 2019 den Hausarrest gegen «Sea-Watch»-Kapitänin Carola Rackete aufgehoben.

AFP/Giovanni Isolino
Die Kapitänin habe «genau das Richtige getan»: Dies sagte Sea-Watch-Geschäftsführer Johannes Bayer über Carola Rackete.

Die Kapitänin habe «genau das Richtige getan»: Dies sagte Sea-Watch-Geschäftsführer Johannes Bayer über Carola Rackete.

Till M. Egen/sea-watch Handout
Die 31-jährige Deutsche war am 29. Juni 2019 von der italienischen Polizei verhaftet worden.

Die 31-jährige Deutsche war am 29. Juni 2019 von der italienischen Polizei verhaftet worden.

epa/Till M. Egen/sea-watch Handout

Verbrecherin oder Vorbild? Darüber debattiert die Welt seit dem Tag, an dem Carola Rackete (31) 53 aus Libyen kommende Flüchtlinge als Kapitänin der «Sea-Watch 3» im Mittelmeer aus Seenot rettete – und sie nach Wochen des Wartens Ende Juni trotz eines Verbots der Behörden in den Hafen der Insel Lampedusa brachte. Rackete wurde festgenommen, der Hausarrest nach drei Tagen wieder aufgehoben. Gerichte werden nun über den Fall entscheiden.

«Wir haben rechtens gehandelt, davon bin ich überzeugt», sagt Rackete zur «Bild». Wie bei einem Autounfall müsse man auch hier ganz einfach helfen. «Und das Gesetz sagt ausserdem: Wir mussten die Menschen an den nächsten sicheren Hafen bringen – und der heisst Lampedusa. Weder in Libyen noch in Tunesien gibt es sichere Häfen», wird Rackete zitiert. Den medialen Fokus habe sie dabei nie gewollt.

«Am Ende musste ich reagieren»

Immer mehr Menschen würden aber den «Rechtsruck» nicht mehr hinnehmen. Für sie ist es absurd, dass sie die Flüchtlinge nach Libyen oder Tunesien hätte bringen sollen, da es dort keine Asylverfahren gebe: «Damit würden wir uns strafbar machen.» Während des wochenlangen Wartens habe die Kapitänin Italien, Malta und Spanien um das Anlegen gebeten, alle haben abgesagt. «Am Ende musste ich reagieren, weil die Situation an Bord dramatisch war und Menschen hätten sterben können.»

Über die rechtlichen Aspekte sollen jetzt «nicht Politiker urteilen, sondern allein Experten». Und: «Dass jemand verhaftet wird, weil Menschen gerettet werden – das geht einfach nicht.» Auf die Frage, ob es eine Grenze für die Aufnahme von Flüchtlingen in Europa gibt, sagt Rackete: «Asyl kennt keine Grenze. Wir kommen jetzt zu einem Punkt, wo es ‹forced migration› gibt, also eine durch äussere Umstände wie Klima erzwungene Migration. Und da haben wir dann keine Wahl mehr und können nicht einfach sagen, dass wir die Menschen nicht wollen.»

«Die Debatte ist teilweise absurd»

Für Rackete sei die Debatte um die Flüchtlingsaufnahme in Europa «teilweise absurd». Die Zahl an Menschen, die man aufgenommen habe, sei ja immer noch gering, wenn man sie mit dem Libanon, Jordanien oder anderen afrikanischen Ländern vergleicht. «Man muss das besser erklären und das Thema nicht den rechtspopulistischen Parteien überlassen.»

Ein «Limit» für die Aufnahme sieht Rackete in Europa nicht, doch auch daneben müsse man in Afrika mehr helfen, damit sich vor allem der Klimawandel als Fluchtgrund nicht verstärke. Ausserdem müssen die Menschen aus Libyen raus. «Die EU bezahlt eine libysche Küstenwache, die in Menschenhandel verwickelt ist. Sie bringen die Flüchtlinge dann in Lager, in denen ‹KZ ähnliche›-Zustände herrschen. Wir finanzieren also Milizen und Mörderbanden mit EU-Geld», so Rackete.

(20 Minuten)

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