Car of the Week: Radikaler Schwede
Aktualisiert

Car of the WeekRadikaler Schwede

Während andere Hersteller über fliegende Autos nachdenken, stellt Volvo mit der Konzeptstudie 360c ein Auto vor, das traditionellen Airlines auf der Strasse Konkurrenz machen könnte.

von
Michael Köckritz
Der Volvo 360c steht für innovative Denkweisen, was das Design und die Nutzung angeht. Technische Daten fehlen fast völlig, dafür wird der 360c in vier Varianten gezeigt, allerdings fahren alle autonom und sind über Car-Sharing- und Abonnement-Dienste buchbar.

Der Volvo 360c steht für innovative Denkweisen, was das Design und die Nutzung angeht. Technische Daten fehlen fast völlig, dafür wird der 360c in vier Varianten gezeigt, allerdings fahren alle autonom und sind über Car-Sharing- und Abonnement-Dienste buchbar.

Volvo
Vier Variablen sind angedacht: eine Pendler-Variante, ein rollendes Büro, ein Party-Zimmer und ein Schlafwagen als Alternative zum Kurzstreckenverkehr und damit sowohl Angebot als auch Kampfansage an herkömmliche Fluggesellschaften.

Vier Variablen sind angedacht: eine Pendler-Variante, ein rollendes Büro, ein Party-Zimmer und ein Schlafwagen als Alternative zum Kurzstreckenverkehr und damit sowohl Angebot als auch Kampfansage an herkömmliche Fluggesellschaften.

Volvo
Fahrzeug und Passagiere kommunizieren via Projektionen an der Innenseite der Scheiben.

Fahrzeug und Passagiere kommunizieren via Projektionen an der Innenseite der Scheiben.

Volvo

Ja, inzwischen bieten alle grossen Automobilhersteller Fahrzeuge mit Elektroantrieb an. Aus Überzeugung, aufgrund anstehender Gesetzesänderungen oder unter marktwirtschaftlichem Druck. Allerdings sind es, offen gesagt, meist modifizierte Modelle aus schon bestehenden Angebotspaletten, in die E-Motoren und Batterien implantiert wurden. Volvo geht mit der nun in Schweden vorgestellten Konzeptstudie 360c einen Schritt weiter und integriert darin so konsequent Vorteile und Eigenheiten gleich mehrerer zu erwartender Entwicklungen, dass es die Grenzen von dem sprengt, was wir uns heute unter einem PKW vorstellen.

Was auch an der Optik liegt: Kein Auto auf unseren Strassen sieht auch nur annähernd so aus wie der radikal-futuristische Schwede. Das Fahrzeug hat nichts mehr mit dem Three-Box-Design (Motor-, Fahrgast- und Kofferraum) gemein, welches den grundsätzlichen Aufbau des Automobils beherrscht und an das wir uns über die Jahrzehnte gewöhnt haben. Die drei Boxen wurden von einem Ei-förmigen Universal-Design abgelöst, das keine Rücksicht mehr auf Antrieb oder Antreiber nimmt. «Der 360c ist vollkommen ohne Fahrer konzipiert,» sagt Maximilian Missoni, Vice President Exterior Design bei der Volvo Car Group, nicht ohne Stolz in einem Gespräch.

Volvos Konzept integriert die Philosophie des autonomen Fahrens und die Idee von Car-Sharing- und Abonnement-Diensten in einem Modell, das die futuristischen Potenziale vielfältiger ausschöpft, weil Volvo die Sache anders angeht. Während viele Mitbewerber noch an Lenkrad und Fahrersitz festhalten, schafft der schwedische Hersteller in seinem Konzept solche Anachronismen gleich ganz ab und bietet stattdessen mehrere Varianten des 360c an, die per App (oder Uber) selbstständig vorfahren. Zu den Varianten gehört eine Conference-Seating-Option, in der vier Personen bequem an einem Tischchen sitzen und in der die Scheiben als Display und der Tisch als Touchscreen dienen, eine Party-Variante mit Eiskübel und Glashalter für den Schampus; eine Pendler-Version für die tägliche Fahrt ins Büro – voll vernetzt natürlich – und die radikalste Idee, ein «Schlafwagen» mit Bett, das nicht von ungefähr einem First-Class-Sitz im Flugzeug ähnelt.

Eine «Flugreise» auf der Strasse

Man könne sich durchaus vorstellen, so Maximilian Missoni, eine solche Variante als Alternative zum Fliegen anzubieten. Das Angebot einer «Flugreise» auf der Strasse, während der Reisende im Einzelbett schläft, wäre durchaus attraktiv für traditionelle Airlines wie Lufthansa oder SAS. Man stelle sich vor, die Strecke von Hamburg nach Zürich, ausgeruht, ohne Flughafenstress und Wartezeiten. Ein Einsatz auf kürzeren Strecken wäre praktikabel und zugleich um einiges umweltfreundlicher. Ein Volvo als Zulieferer für die Lufthansa also. Die Boeing für die Strasse. «Das ist eines unserer aktuellen Business-Modelle,» sagt Missoni und deutet an, dass Volvo den Airlines auch direkt Konkurrenz machen könnte.

Dass man sich in der Konzeptstudie wohler fühlt als in einem engen Flugzeugsitz, liegt auch an dem voll verglasten Dach, das für ein neues Raumgefühl sorgt. Der 360c hat ungefähr die gleichen Masse wie ein XC90, ist also kein wirklicher Kleinwagen, trotzdem überrascht der Innenraum durch seine Grösse. Auch das Gespräch mit dem Begleit-Personal unterscheidet sich deutlich von dem im Flieger: Jegliche Kommunikation wird das auf die Innenseite der Scheibe projiziert.

Das Aussendesign könnte mit seiner sich öffnenden Glaskuppel und den Finnen am Heck einem Science-Fiction-Film entsprungen sein – nur die Front erinnert noch vage an einen klassischen Volvo. Ebenso futuristisch ist die Möglichkeit, über Töne, Bilder und Bewegungen anderen Verkehrsteilnehmer anzuzeigen, wie und wohin es sich bewegt. Zudem fungieren die Heckflossen als Display, mit dem sich das Auto ausweist.

«Der 360c ist komplett ohne Fahrer konzipiert»

Was die innovative Gestaltung möglich macht: der fehlende menschliche Fahrer – und die daraus konsultierende Tatsache, dass gesetzliche Vorgaben wie Crash-Zonen oder Blickwinkel-Vorschriften nicht mehr vonnöten sind. Dazu brauchen Elektromotoren wenig Platz, die Batterien liegen unter dem Wagenboden, das lässt viel Spielraum für extrovertiertes Design. «Der 360c ist komplett anders aufgebaut, da er vollkommen ohne Fahrer konzipiert ist,» sagt entsprechend Maximilian Missoni. «Und er stellt eine konsequent integrierte Umsetzung dar. Da ist nichts drin, nur weil wir es können.»

Volvo will in der Zukunft auch Grenzen sprengen, was den Besitz eines Fahrzeugs betrifft – was sich mit der im Sommer vorgstellten Mobilitätsmarke «M» ja bereits ankündigte. Das Auto der Zukunft sei ein Transportmittel und Volvo befände sich am Anfang einer Wandlung zu einem Dienstleister, sagt Volvo-Chef Håkan Samuelsson. «Wir müssen weg von der Idee, Autos zu verkaufen und hin zur Idee, Mobilität zu liefern.» Man wird also Autos nicht mehr besitzen, sondern nur noch die Nutzung zahlen – wie eben bei der Bahn oder einer Fluggesellschaft.

Die Idee ist nicht neu. Schon vor Jahrzehnten wurde Wolfgang Reitzle als Chef von Ford Deutschland gefeuert, nachdem er solch ketzerische Thesen äusserte. But the times they are a-changing, und nun machen die Schweden einfach das, was einst als verboten galt.

«Der Antrieb ist den Schweden wurscht»

«Andere Hersteller konzentrieren sich auf die technologischen Entwicklungen, während sich Volvo mehr um die Passagiere bemüht und darüber nachdenkt, wie wir deren Lebensqualität verbessern können», sagt Robin Page, Senior VP für Design. Was erklärt, dass es keine technischen Details über einen Antriebsstrang gibt. Es mag den Anschein erwecken, dass es den Schweden wurscht ist, ob der 360c zukünftig mit Batterien angetrieben wird oder mit Wasserstoff. Auch Fragen nach Reichweite oder Ladezeiten erscheinen unwichtig.

Und genau genommen sind sie es auch. Der 360c ist ein grosser Schritt, allerdings wird bis zur Realisierung noch einige Zeit vergehen. Fünfzehn Jahre seien wir von dem 360c entfernt, schätzt Missoni. Und es ist zu bezweifeln, dass er je in dieser Form kommen wird. Aber der 360c ist nicht nur ein Hingucker für den nächsten Auto-Salon, sondern ein äusserst konsequentes Denkmodell, welches das Reisen der Zukunft visualisiert. Und das muss man den Schweden erstmal nachmachen.

ramp begeistert seit mehr als zehn Jahren als stilprägendes, opulentes Coffeetable-Magazin, indem es die Welt des Autos mit der Liebe zum Leben und der Lust auf Mode, Kultur und Design verbindet. So wurde es auch ganz nebenbei zum meist ausgezeichneten Automagazin der Welt. ramp-Herausgeber und Chefredakteur Michael Köckritz stellt wöchentlich seinen «Car of the Week» auf 20min.ch vor. Jeden Freitag.

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