Aktualisiert 11.06.2008 19:00

Radio zum Glück

FCZ-Rapper, Blödeltruppe, Zürcher: Radio 200'000 kämpfen ausserhalb ihrer Heimatstadt mit vielen Klischees. Eigentlich ist ihnen das aber egal — denn Bier trinken können sie auch so.

von
Thomas Nagy

Dienstag, kurz nach Feierabend. Wir treffen uns im Zürcher Kreis 6. Kafi Schnaps heisst das Lokal – es ist die Homebase der Mundart-Rapper. «Entspannt hier», freut sich der Autor. Denn: Er ist Basler und mit nichts anderem bewaffnet als ein paar FCZ-Klischees im Kopf, dem neuen Album im Gepäck und einem mächtigen Durst im Rachen. Radio 200'000 hingegen sind Zürcher. Mit Leib und Seele. Glücklicherweise verpuffen die Befürchtungen, den Abend mit Kantönli-Diskussionen zu verbringen, bereits beim Händeschütteln. Sgoing Erlöst, Redl, Krasseranz und Jet Domani sind zwar durchaus stramme Lokalpatrioten, aber alles andere als verbohrt. Und so wird schon sehr bald, nämlich nach dem ersten Anstossen, mit einem der grössten Vorurteile gegenüber Radio 200'000 aufgeräumt: «Wir sind keine Fussball-Band, unsere Texte drehen sich nicht ausschliesslich ums runde Leder», stellt Sgoing Erlöst klar. Okay, man sei im FCZ-Umfeld entstanden, und ja, die Zugehörigkeit zur Südkurven-Gruppierung Hallygally verbinde sie ebenso stark wie eine langjährige Freundschaft, aber «das ist nicht, worüber wir uns definieren.» Die Wurzeln der Band gehen viel weiter zurück. Redl und Jet Domani haben schon bei den Primitive Lyrics gerappt, dürfen sich also hochoffiziell zu den Veteranen des eidgenössischen Mundart-Hip-Hop zählen. Der Rest kennt sich aus Skater-Zeiten, vom KV, von wo auch immer – Erinnerungen verblassen über die Jahre …

«Fussball ist Teil unseres Lebens, von dem her ist es logisch, dass er auch Teil der Musik ist», meint Redl und spricht damit aus, was der Kerngedanke von Radio 200'000 ist: Authentizität. Und tatsächlich besteht das Leben der vier aus sehr viel mehr als 90 Minuten. Partys, Freunde, Kids, Sex – das alles spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle. Und Bier natürlich. Deshalb: Zeit für die nächste Runde. Ein Stiefel muss her. Es gibt verbindliche Regeln, wie er geleert wird. Authentizität heisst in diesem Fall: das Zwei-Liter-Glas übernehmen, anschnippen, einen grossen Schluck nehmen, noch einmal anschnippen und dann weitergeben. Ein Ritual, das sicherstellt, dass das Ding leer ist, bevor das Bier abgestanden schmeckt.

Jetzt, wo die Zungen langsam locker werden, müssen wir uns aber schon noch über den Kantönligeist unterhalten. Radio 200'000 ist nämlich ein Phänomen, das sich vor allem in Zürich abspielt. Die Rote Fabrik – grosse Halle, 1500 Leute – war bei der Plattentaufe ausverkauft, im Rest der Schweiz sind die Jungs aber eher selten zu hören. Wieso? «Züritüütsch wird in der restlichen Schweiz nicht so gerne gehört», erklärt Jet Domani, «speziell dort, wo du herkommst.» Schon mal in Basel gespielt? «Noch nie. Wir würden sehr gerne mal, aber nur mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen» – lautes Gelächter. Redl gibt sich aber verständnisvoll: «Bei der letzten Tournee war der FCZ zum zweiten Mal so arschlochmässig Meister geworden. Die Situation zwischen den Fan-Gruppierungen hatte sich ziemlich zugespitzt. Ein Konzert wäre wahrscheinlich nicht so gut herausgekommen. Inzwischen hat sich das Ganze aber entschärft. Basel ist Meister, und sie können über uns lachen.»

Zurück zur Musik: Wenn man sich die Raps von Radio 200'000 anhört, fällt auf, dass hier technische Brillanz zugunsten des Spassfaktors in den Hintergrund tritt. Domani: «Diesbezüglich sind wir Vertreter des klassischen Old-School-Gedankens: Beim Musikmachen geht es uns in erster Linie darum, Party zu machen. Bei uns können alle mitsingen, feiern und eine gute Zeit haben. Viel mehr wollen wir selber ja auch nicht.» Das erklärt die Abneigung, die sie von einem grossen Teil der Hip-Hop-Szene erfahren. Aber darauf können die Jungs pfeifen. Denn am vergangenen Freitag feierten sie die Plattentaufe ihres Album-Zweitlings «Aktuelle Hits» wieder in der Roten Fabrik und wieder vor 1500 begeisterten Zürchern. Was will man mehr, wenn es einem vor allem um Authentizität geht?

Partyspass

Mit «Aktuelle Hits» zementieren Radio 200’000 ihren Ruf als eine der unterhaltsamsten Crews der Mundart-Szene. Statt Gangster-Rap gibts hier Räubermusik und statt Hip-Hop-Faschismus Beats, die bei Elektro, Rock und Reggae wildern. Und damit die ultimative Party garantieren.

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