Aktualisiert 05.06.2014 19:13

Verseuchtes Material

Radium-Erde verdünnt und bei Bern deponiert

Das radioaktiv schwerstverseuchte Material aus Biel lagert sicher beim BAG. Doch leichter verstrahlter Müll wurde gestreckt und liegt heute auf einer Deponie ob dem idyllischen Wohlensee.

von
gbr/daw

Seit im Jahr 2012 erstmals radioaktiver Abfall von der Baustelle der A5-Autobahnumfahrung von Biel gefunden wurde, habe man alles unter Kontrolle, signalisiert das Bundesamt für Gesundheit. Es gebe Schutzmassnahmen für die Bauarbeiter, und das stark radioaktiv verseuchte Material aus der Uhrenindustrie – insgesamt 120 Kilogramm – lagere sicher beim BAG selber und werde dann im Zwischenlager Würenlingen entsorgt. Einzig in der Kommunikation haben die Behörden Fehler zugegeben: Die Verseuchung, obwohl seit November 2012 bekannt, wurde der Bevölkerung verheimlicht.

Was aber geschah mit dem weniger stark mit Radium-226 verseuchten Deponiematerial, das die zulässigen Grenzwerte aber immer noch überschritt? Recherchen von 20 Minuten haben ergeben, dass man beim leichter kontaminierten Deponiematerial auf Streckung des Materials vor Ort setzte. Fachleute sprechen von «solution through dissolution». Sprich: Der verseuchten Radiumerde wurde so lange unverseuchtes Material beigemischt, bis der Strahlenwert unter dem Grenzwert lag. Dann wurde es in Lastwagen abtransportiert und lagert heute als offiziell nicht-mehr-radioaktiv verseuchtes Material auf der Deponie Teuftal ob dem Berner Wohlensee. Die Deponie liegt inmitten eines Naherholungsgebietes, das auf der Internetseite als «kleiner Garten Eden für die Bevölkerung» und «ein Paradies für Pflanzen und Tiere» angepriesen wird.

«Dieses Vorgehen ist legal und entspricht den Vorgaben von Artikel 82 Abs 2 der Strahlenschutzverordnung», sagt BAG-Sprecher Daniel Dauwalder. Tatsächlich: Im entsprechenden Artikel steht, dass «radium- und uranhaltige Materialien aus Siedlungsgebieten ... ebenfalls an die Umwelt abgegeben werden, falls ... nach der Vermischung mit inaktiven Materialien sichergestellt werden kann, dass die Werte von Anhang 2 nicht überschritten sind», das heisst, wenn die Werte gemäss Gesetz nicht mehr als radioaktiv gelten.

Mehrere Lastwagenladungen ob dem Wohlensee

Daniel Dauwalder vom BAG beschreibt die Verdünnungsmethode so: «Das rund um die Fundstelle schwach kontaminierte Deponiegut wurde an Ort und Stelle mit umliegendem Material vermischt. Zusätzlich zu diesem Vorgehen wurde jeder Lastwagen, der die Deponie mit Deponiegut verlassen hat, ausgemessen. Wurde dabei eine erhöhte Dosisleistung festgestellt, musste dieser wieder ausgeladen werden. In diesem Fall wurde erneut, wie anfangs beschrieben, vorgegangen.»

Dem verseuchten Material mischte man also einfach so lange unkontaminiertes Material bei, bis die Geigerzähler nicht mehr anschlugen. Dauwalder auf die Frage, warum dieses Vorgehen nicht gefährlich sei: «Es handelt sich hierbei um Deponiematerial, das mit Radiumleuchtfarbe kontaminiert ist, also um Feststoffe. Wenn deren Konzentration gering ist, wird die Strahlung bereits mit wenigen Zentimetern Deckmaterial so abgeschirmt, dass diese messtechnisch nicht mehr nachweisbar ist, also sich vom natürlichen Untergrund nicht mehr unterscheidet.»

Die Frage, wie viel von dem so verdünnten Material sich auf der Deponie Teuftal befinde, beantwortet das BAG als Rechenaufgabe: Das so behandelte Material lag im Vergleich mit der gesamten abtransportierten Menge «im Prozentbereich», während die gesamte abtransportierte Menge «mehrere hundert Lastwagenladungen» betrug. Es ist also davon auszugehen, dass zwei bis neun Lastagenladungen voll derart verdünnter Radiumerde deponiert wurden.

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