Zu teuer: Rätoromanisch droht an der Uni Zürich das Aus
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Zu teuerRätoromanisch droht an der Uni Zürich das Aus

Die ETH Zürich will das Studienfach Rätoromanisch nicht länger finanziell unterstützen. Die rätoromanische Gemeinde schlägt Alarm.

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Ein leerer Vorlesungssaal an der Universität Zürich.

Ein leerer Vorlesungssaal an der Universität Zürich.

Keystone/Petra Orosz

Über 1000 der etwas mehr als 60'000 Menschen, die Rätoromanisch sprechen, leben in der Stadt Zürich – so viele wie sonst nirgends ausserhalb Graubündens. Und nirgendwo sonst im Unterland wird der Erhalt der vierten Landessprache so gepflegt. Im Mai eröffnete eine «Rumantsch»-Kinderkrippe beim Hottingerplatz; seit zwei Jahren gibt es im Schulhaus Hirschengraben Romanischkurse für Primarschüler, und an der Universität Zürich kann man Rätoromanische Sprach- und Literaturwissenschaft studieren.

Doch dem Studienfach droht das Aus. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, streicht die ETH aus Spargründen die jährlich 100'000 Franken, mit denen sie den Lehrstuhl über 30 Jahre lang mitfinanziert hat. Die rätoromanische Gemeinschaft ist alarmiert: So etwa Johannes Just, 34, Rapper bei Liricas Analas. Er fände es «sehr schlimm», wenn das Fach abgeschafft würde. Die Schweiz müsse sich diese Kulturpflege leisten können.

Fach mit Nachwuchsproblem

Der Bündner Nationalrat Martin Candinas (CVP), der sich in Bern für rätoromanische Medien starkmacht, ist «schwer enttäuscht» von der ETH. «Von einer Institution, die so viele öffentliche Mittel erhält, darf man erwarten, dass sie sich auch weiterhin für die vierte Landessprache einsetzt», sagt er. Die Abschaffung des Fachs wäre «fatal» für die Zukunft des Rätoromanischen.

Die ETH zahlt noch bis Ende 2018, damit der Universität mehr Zeit bleibt, eine neue Finanzierungsform zu finden. Doch selbst wenn die Finanzierung gesichert und der Lehrstuhl nahtlos neu besetzt wird, hat das Fach ein Nachwuchsproblem. Der Hauptteil der Studenten wird nämlich über das zweite Nebenfach rekrutiert. Diese Ergänzung zum Haupt- und Nebenfach wird jedoch demnächst abgeschafft.

Wer übernimmt die Kosten?

Zur Frage, ob der Kanton Graubünden nun für die ETH in die Bresche springt und den Zürcher Lehrstuhl künftig mitfinanziert, will sich der Bündner Erziehungsdirektor Martin Jäger (SP) nicht äussern. Er sagt: «Wir werden alles in die Wege leiten, damit der Rätoromanisch-Lehrstuhl in Zürich erhalten bleibt.» Graubünden erhält vom Bund jährlich rund 5 Millionen Franken für die Förderung der Sprache. Ein neues Konzept zur Ausbildung von Rätoromanisch-Lehrpersonen soll bis Mitte 2017 vorliegen. Bereits heute finanziert Graubünden den Lehrstuhl in Freiburg, wo 12 Personen Rätoromanisch studieren, mit 100'000 Franken zur Hälfte mit.

Die Universität Zürich will die Sprache in ihrem Angebot erhalten – «Rätoromanisch ist uns sehr wichtig», sagt Andreas H. Jucker, Dekan der Philosophischen Fakultät, «wir sind deshalb dabei, eine alternative Finanzierung, allenfalls aus Mitteln der Fakultät, sicherzustellen». Ob Rätoromanisch ein eigenes Studienfach bleibt oder in ein grösseres Programm integriert wird, ist hingegen noch nicht entschieden.

Übernommen von «Tages-Anzeiger», überarbeitet von 20 Minuten.

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