Genentech-Übernahme: Rätselraten um Roches Taktik
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Genentech-ÜbernahmeRätselraten um Roches Taktik

Das unfreundliche Übernahmeangebot von Roche für die ausstehenden Aktien seiner US-Biotechnologietochter Genentech hat an der Wall Street Überraschung ausgelöst. Analysten sprachen von einem taktischen Manöver, der Genentech-Verwaltungsrat von einem opportunistischen Schritt.

Genentech will erst nach dem formellen Angebot von Roche zum Inhalt der Offerte Stellung nehmen. Der aus unabhängigen Verwaltungsräten gebildete Ausschuss des kalifornischen Unternehmens zeigte sich aber enttäuscht, dass Roche «diesen einseitigen und opportunistischen Schritt gemacht hat, in einem Versuch, die gegenwärtigen Marktbedingungen zu nutzen». Roche hatte am Freitag angekündigt, den Genentech-Aktionären ein direktes Angebot zum Kauf der ausstehenden Aktien zu machen. Der Preis von 86,50 Franken je Aktie ist zweieinhalb Dollar tiefer als die vom Genentech-Verwaltungsrat im vergangenen Sommer zurückgewiesene Offerte von Roche. Insgesamt wollen die Basler noch 42,1 Milliarden Dollar oder 1,6 Milliarden weniger zahlen als im letzten Juli.

Die Genentech-Aktie fiel an der Wall Street am Freitag um 3,4 Prozent auf 81,24 Dollar. In den vergangenen 52 Wochen hatte der Kurs zwischen 66,90 und 99,14 Dollar geschwankt.

Von Finanzkrise profitieren

Mehrere US-Analysten sehen im überraschenden Schritt von Roche einen Versuch, den widerspenstigen Genentech-Verwaltungsrat an den Verhandlungstisch zu zwingen und gleichzeitig von den fallenden Aktienkursen in der Finanzkrise zu profitieren. Jason Zhang von BMO Capital Markets sprach von einem taktischen Manöver. Roche sei mit seiner Beteiligung von 55,8 Prozent in der Oberhand. Denn Genentech könne sich nicht selber an einen Dritten verkaufen.

Kämpferisches Signal

Erik Gordon, Analyst und Professor an der University of Michigan's Ross School of Business, sprach von einem Signal von Roche an die Aktionäre und den Verwaltungsratsausschuss von Genentech: «Unterschätzt uns nicht, denkt nicht wir seien eine solide Schweizer Firma, die ihre Handschuhe nicht auszieht und kämpft.» Sollte sich Genentech zu Verhandlungen bereit erklären, könnte der Preis auch wieder steigen, sagte Gordon. Leerink-Swann-Analyst William Tanner bezeichnete Hoffnungen auf einen steigenden Aktienkurs hingegen als übertrieben. Er erinnerte daran, dass der gesamte Markt neu bewertet worden sei.

Humer: «kein feindliches Angebot»

Roche-Verwaltungsratspräsident Franz Humer trat in einem Interview der «Basler Zeitung» (Samstagausgabe) Befürchtungen entgegen, wonach das unfreundliche Übernahmeangebot zu einem Aderlass bei den Forschern und Managern des kalifornischen Unternehmens führen könnte. Es handle sich nicht um ein feindliches Angebot, sagte er. Es gehe wirklich nur darum, dass die Verhandlungen mit den unabhängigen Verwaltungsräten zu keinem Ergebnis geführt hätten.

Humer machte aber auch klar, dass Roche nicht bereit ist, sich auf die gegenwärtige Mehrheitsbeteiligung an Genentech zu beschränken. «Der Status quo ist sicherlich keine gangbare Lösung», sagte er. Und auf die Frage, ob Roche sich von Genentech trennen würde, falls die vollständige Übernahme nicht gelinge, fügte Humer hinzu: «Nochmals: Es geht darum, den Plan A erfolgreich zu Ende zu führen.» (dapd)

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