«Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille.»: Räume der Stille für Studenten
Aktualisiert

«Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille.»Räume der Stille für Studenten

Finanzkrise, Minarett-Initiative und Studentenproteste – Lärm manifestiert sich in mannigfaltiger Weise und ist zuweilen umfassender, zuweilen enger begrenzt. Reizfluten sind jedoch omnipräsent und brechen scheinbar zu jeder Zeit über uns herein. Wer nicht reagiert, stirbt früher oder später, wer reagiert, auch. Wo liegt der Unterschied?

von
Oliver Kaftan
Students.ch

Gewiss in der Art und Weise, wie der Mensch mit der ihm gegebenen Zeit umgeht! Manch einer versucht die Reize zu übertönen, um sich die Illusion einer Identität aufrechtzuerhalten, ein Anderer reagiert bis zur totaler Erschöpfung, ein Dritter hat bereits kapituliert, seinen Willen aufgegeben und konsumiert blind. Was bleibt, ist eine Minderheit, die sich zumindest von Zeit zu Zeit selbst reflektiert und hinterfragt; sich für kurze Zeit zurückzieht aus dem alltäglichen Wahnsinn, um Stärke und Kraft zu gewinnen, bevor die Rufe nach mehr Leistung und weniger Mensch erneut laut werden.

Räume der Stille

Räume der Stille und Besinnung sind an vielen Schweizer Hochschulen zu finden, doch nur die wenigsten Studenten scheinen davon Kenntnis zu haben. So bietet etwa die Universität Zürich seit drei Jahren einen solchen Raum an, der laut Hochschulpfarrerin Friederike Osthof sehr intensiv genutzt wird, und zwar unabhängig von Glaube und Weltsicht: «Von Studierenden, die dort beten, meditieren, sich besinnen; von Muslimen, die ihr Gebet dort verrichten (es hat auch Gebetsteppiche und eine Ausrichtung nach Mekka) und von Studierenden, die sich dort ausruhen oder dort schlafen.» Für einen Trend der Zunahme des Bedürfnisses nach Rückzug steht etwa Andreas, Wirtschaftsstudent im 4. Semester, der jeden Tag mindestens zehn Minuten im Raum der Stille verweilt: «Wenn es den Raum der Stille nicht geben würde, hätte ich wahrscheinlich schon lange eine psychologische Beratungsstelle anrufen müssen.»

Multireligiosität

Momentan finden im Raum der Stille wöchentlich zwei Veranstaltungen statt, wo Interessierte unter anderem die Möglichkeit haben, Bibeltexte gemeinsam zu lesen und zu diskutieren, aber gemäss Friederike Osthof «sollen gar nicht so viele Andachten dort stattfinden, weil der Raum vor allem für den persönlichen Rückzug gedacht ist.» Trotz vorherrschender Ruhe entstehen zuweilen interessante Bekanntschaften und die Atmosphäre ist jederzeit herzlich. So zeigt sich auch Ahmed, ein 23-Jähriger Student der Islamwissenschaften aus dem Iran, von Dank erfüllt: «Ich kann Gott unabhängig von Minaretten lieben und bin trotz der Initiative dankbar für die Toleranz, die ich in der Schweiz als Muslim erfahre. Ich schätze es sehr, dass es diesen Raum gibt, wo ich in Ruhe beten kann.» Und mit einem Lächeln im Gesicht fügt er hinzu: «Meine Liebe zu Gott kann mir zum Glück niemand verbieten.» Aber auch Atheisten und Agnostiker machen vom Angebot Gebrauch, wie etwa der gleichaltrige Roman, der den Raum per Zufall entdeckt hat: «Ich habe mal beim Liftfahren bemerkt, dass es einen Raum der Stille gibt und ich war sofort neugierig, wie es dort wohl aussehen mag. Seit dieser Entdeckung habe ich einen Ort, um nachzudenken, wenn es mir mal schlecht geht oder um mich auszuruhen.»

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