IS-Hochburg : «Rakka wird im Stillen geschlachtet»

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IS-Hochburg «Rakka wird im Stillen geschlachtet»

Wer sich gegen die Terrorgruppe IS stellt, muss um sein Leben fürchten. Doch es gibt solche, die sich gegen sie wehren - und das sogar in der IS-Hochburg Rakka.

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Erst kürzlich hatte das Video einer Frau, die heimlich unter ihrem Niqab gefilmt hatte, einen Einblick in den Alltag der IS-Terror-Hochburg gegeben. Jetzt erzählt ein Dissident erstmals, wie es ist, unter dem Regime der Terroristen zu leben.

In einem Interview mit der Zeitschrift «Vice» gibt der Mann an, Mitglied einer kleinen Gruppe von Dissidenten zu sein. «Wir waren bis vor Kurzem 17 Leute. Einer von uns wurde gefasst und von IS-Milizen exekutiert. Zwölf Mitglieder wohnen noch in Rakka, vier von uns im Ausland.» Wo er sich befinde, wollte der Mann nicht sagen. Nur so viel: «Einige von uns sind in der Türkei, andere im Irak.»

«Rakka wird im Stillen geschlachtet»

Die «Waffe» der Dissidenten-Gruppe ist die Information. Vergangenen April begannen sie eine Kampagne unter dem Namen «Rakka wird im Stillen geschlachtet». Die Mitglieder berichteten von den brutalen Bestrafungs- und Hinrichtungsmethoden der IS. Die Terrororganisation kam ihnen auf die Schliche. «Als sie von uns erfuhren, zeigten sie uns öffentlich an. Während drei Freitagsgebeten erzählten sie den Leuten, dass wir Ungläubige seien, und dass sie uns verfolgen und töten werden.»

Die Gruppe hatte keine andere Wahl, als Videos von Kreuzigungen, Steinigungen und andere Misshandlungen der IS-Soldaten heimlich zu verbreiten. Die Menschen aus Rakka lassen den Dissidenten die Informationen und die Aufnahmen zukommen. «Unsere Männer in Rakka leiten das Material an uns weiter und wir posten es auf sozialen Plattformen und reden mit Journalisten.» Immer unter falschen Namen, versteht sich - denn die Familien der Dissidenten befinden sich ebenfalls in Lebensgefahr.

Konflikte zwischen den Kämpfern vom In- und Ausland

Der Mann erzählt, dass er anfänglich gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfte: «Nachdem die Stadt befreit worden war, übernahm der IS die Führung.» Danach seien sehr viele islamische Kämpfer aus dem Ausland angereist. «Sie kamen aus aller Welt, vor allem aus Tunesien, Marokko oder dem Irak. Aber auch aus Frankreich, Holland, Tschetschenien, Grossbritannien und den USA.»

Die ausländischen IS-Mitglieder seien eine Gruppe für sich: «Sie reden kaum Arabisch», sagt der Mann. «Sie heiraten untereinander und bekommen die besten Häuser. Die Menschen aus Rakka mögen sie nicht.» Ein anderer Dissident erzählt dem Nachrichtensender CNN, dass die französischen Gotteskrieger brutaler als die syrischen seien.

Die IS-Soldaten würden die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzen: «Sie ziehen in den Häusern mit ziviler Bevölkerung, in der Hoffnung, dass sie bei den Luftangriffen nicht getötet werden.» Andere versteckten sich unterirdisch.

Wie gehts den Frauen?

Besonders schwer haben es die Frauen in Rakka. «Früher konnten sie ein normales Leben führen. Sie waren Lehrerinnen, Ärztinnen oder Anwältinnen. Sie waren nicht gezwungen, verhüllt zu gehen», erzählt die Quelle. «Jetzt bleiben sie zu Hause. Aus Angst.»

Denn die Stadt wird nicht nur von IS-Soldaten bewacht, sondern auch von einer Frauen-Brigade namens Al-Khansa. «Sie zeigen Frauen an, weil sie farbige Schuhe tragen oder Männer, weil sie im öffentlichen Raum fotografieren.» Die Angezeigten werden dann von den IS-Soldaten bestraft - im schlimmsten Fall hingerichtet.

Gibt es Leute in Rakka, die zum IS stehen?, will die Journalistin am Schluss wissen. «90 Prozent der Bevölkerung sind dagegen. Die meisten wollen sie loswerden.»

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