22.06.2020 09:35

Chaos-Nacht

«So etwas haben wir in Stuttgart noch nie erlebt»

In Stuttgart ist es in der Nacht auf Sonntag zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Randale richteten wohl einen Millionenschaden an.

Hunderte Teenager und junge Erwachsene feierten am Samstagabend in der Innenstadt. Als Polizisten wegen eines Drogendelikts einschritten, eskalierte die Lage.

(Video: Twitter)

Darum gehts

  • In Stuttgart ist es in der Nacht auf Sonntag zu schweren Krawallen gekommen.
  • Einige Personen und Polizisten wurden verletzt, es kam zu Festnahmen.
  • Auslöser soll eine Personenkontrolle aufgrund eines Drogendeliktes gewesen sein.

Nach dem Ausbruch der Gewalt in der Nacht zum Sonntag in Stuttgart wurden am Montag laut Polizei sieben Haftbefehle beantragt, unter anderem wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung. Am Vorabend waren bereits ein weiterer Haftbefehl erlassen und einer gegen Auflagen ausser Vollzug gesetzt worden. Ein 16-Jähriger muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten, weil er nach Angaben der Staatsanwaltschaft einem am Boden liegenden Studenten gezielt gegen den Kopf getreten haben soll.

Die Gewalt richtete sich aber auch gegen die Polizisten. Eine Szene, die auf Video festgehalten wurde, zeigt einen Beamten, der von einem Mann mit Anlauf und voller Wucht mit dem Fuss getreten wird. «Allen ging es so wie mir, mein Foto kam halt in die Medien», sagt nun Polizist Ulrich S. zu «Bild». «So etwas, wie das, haben wir in Stuttgart noch nie erlebt.»

Die Randale hunderter Jugendlicher in der süddeutschen Stadt haben nach Angaben des Polizeivizepräsidenten Thomas Berger einen Schaden in Millionenhöhe verursacht. Berger sprach in einem Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart am Montag von einem sechs- bis siebenstelligen Betrag.

Drogenkontrolle war Auslöser

Die Polizei hat angekündigt, in den kommenden Wochen mit verstärkten Kräften in Stuttgart unterwegs zu sein. In der zentralen Stuttgarter Einkaufsstrasse hatten Randalierer Schaufenster zerstört und Geschäfte geplündert. Auslöser für die Auseinandersetzungen soll die Drogenkontrolle bei einem 17-Jährigen gewesen sein, mit dem sich gleich mehrere hundert Menschen solidarisierten. Nach Angaben der Polizei waren 400 bis 500 Menschen an der Randale beteiligt. Am Montagmorgen war in der Innenstadt kaum noch etwas zu sehen von den Schäden der chaotischen Nacht.

Stuttgarts Polizeivizepräsident Thomas Berger bezifferte den Schaden durch die marodierenden Gruppen auf einen sechs- bis siebenstelligen Betrag. Unter anderem wurden in der Nacht zum Sonntag 40 Läden beschädigt und zum Teil geplündert, zudem zwölf Streifenwagen demoliert, sagte der Leiter des Polizeieinsatzes während der nächtlichen Randale in einem Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart. 19 Polizisten seien infolge «total enthemmter Gewalt» verletzt worden, einer davon brach sich das Handgelenk, sagte Berger.

Hunderte von vorwiegend jungen Menschen haben in der Nacht zum Sonntag in der Innenstadt von Stuttgart randaliert und Geschäfte geplündert.

(Video: Twitter)

Zu den möglichen Hintergründen gab Berger mehrere Hinweise: Die Täter hätten sich in sozialen Medien in Pose setzen wollen und skandiert: «Endlich ist in Stuttgart was los». Zudem hätten die Corona-Einschränkungen dazu geführt, dass junge Menschen sich zunehmend im öffentlichen Raum träfen. Diese Gruppe reagiere auf normale polizeiliche Ansprache sehr aggressiv.

Schliesslich hätten die Rassismusvorwürfe gegen die US-Polizei auch zu Unmut hierzulande geführt. Zur Stimmung in der Polizei sagte Berger: «Es gibt grosses Unverständnis in der Belegschaft, warum es Teile der Gesellschaft gibt, die uns das antun.»

Alkoholverbot und Sperrstunde gefordert

Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat die Krawalle am Wochenende scharf verurteilt. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin, die Szenen seien «abscheulich» gewesen und mit nichts zu rechtfertigen. Sie seien gegen die Stadt und ihre Bürger gerichtet gewesen.

Wie «Focus» berichtet, fordert die Polizeigewerkschaft ein Alkoholverbot sowie eine Sperrstunde in Stuttgart. «Jugendliche haben auch ausserhalb der derzeit gesperrten Clubs ausreichend Gelegenheit, sich Alkohol zu kaufen», sagte Ralf Kusterer, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Deshalb müsse eine Sperrstunde zwischen 3 und 7 Uhr diskutiert werden. Kusterer begründet das folgendermassen: «Die Polizei hat nachts überhaupt keine Ruhe mehr, bevor es morgens wieder losgeht. Es läuft rund um die Uhr etwas.»

1 / 8
In Stuttgart kam es gestern Nacht zu Strassenschlachten, Randalen und Plündereien.

In Stuttgart kam es gestern Nacht zu Strassenschlachten, Randalen und Plündereien.

keystone-sda.ch
Am stärksten betroffen war die Königsstrasse, die Shoppingmeile der Stadt.

Am stärksten betroffen war die Königsstrasse, die Shoppingmeile der Stadt.

keystone-sda.ch
Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort.

Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort.

keystone-sda.ch
(SDA)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.