Aktualisiert 09.08.2011 14:14

Verschlüsselte BotschaftenRandalierer organisieren sich über BlackBerrys

Weil bei Facebook und Twitter auch die Sicherheitskräfte mitlesen können, koordinieren die Krawallmacher in London ihre geplanten Ausschreitungen über den «BlackBerry Messenger».

Seien es Proteste im Iran oder die Revolutionen in den Ländern Nordafrikas: All diese Massendemonstrationen und Revolten gingen als «Facebook-Proteste» in die Geschichte ein. Doch die, die dieser Tage London in Angst und Schrecken versetzen, meiden Online-Netzwerke sogar. Die Ausschreitungen in der britischen Hauptstadt werden nicht auf Plattformen wie Facebook und Twitter koordiniert, sondern vor allem auf den Geräten eines Handytyps: dem BlackBerry und dessen eigener Kommunikationsplattform «BlackBerry Messenger».

Während zunächst reflexartig die Runde machte, der Aufstand werde über die bekannten Plattformen organisiert, analysierten britische Medien: Zwar hätten sich in Gruppen auf Facebook rasch mehrere Tausend Demonstranten und Randalierer zusammengetan. Auch mit Kurzmitteilungen über Twitter hätten einige Aufständische versucht, Ziele zu definieren und zum Angriff zu blasen. Allein: Hier lesen prompt auch die Sicherheitskräfte mit, die so vorgewarnt werden.

Randalierer suchen verdeckte Kommunikation

Randalierer hatten beispielsweise geplant, am vergangenen Sonntag die Karnevalsfeiern in Hackney aufzumischen, einem Bezirk im Norden Londons. «Diese Tweets wurden von der Polizei entdeckt», notierte der «Guardian», der sich mit der Kommunikation der Randalierer befasste. Die Folge: «Die Veranstaltung wurde abrupt abgebrochen.» Der gewaltsame Protest suchte sich einen anderen, einen verdeckten Weg, bei dem die Polizei sich nicht einfach einklinken konnte.

Einst waren die eher klobigen BlackBerrys die Hochleistungs-Handys der Manager. Doch spätestens seit Apple vor drei Jahren mit seinem iPhone sogenannte Smartphones für die Masse attraktiv gemacht hat und Google sein Handysystem Android sogar verschenkt, hat BlackBerry seine Preise radikal gesenkt. Moderne Handys, die einst Anzugträger schmückten, wurden zur billigen Massenware. So läuft in London heute fast schon jeder Punk mit einem solchen Gerät herum: Weit mehr als jeder Dritte britische Jugendliche trägt ein BlackBerry mit sich.

Polizei bleibt aussen vor

Die Randalierer, die seit der Nacht zum Sonntag Geschäfte plündern und Polizeiwagen wie Doppelstockbusse anstecken, machen sich dabei eine Besonderheit zunutze: Der Hersteller hält mit seinem «BlackBerry Messenger» (BBM) einen eigenen Kurznachrichtendienst vor. Der Unterschied zu offenen Plattformen wie Twitter: Die Nutzer müssen sich gegenseitig als Kontakte bestätigen, um mitlesen zu können - und damit letztlich auch neue Ziele erfahren zu können. Die Polizei erfährt von neuen Attacken so im Zweifel erst, wenn der gewaltsame Mob bereits losgelegt hat. Die Nutzung des «BBMs» ist kostenlos. Die Nachrichten werden verschlüsselt.

Mike Butcher, Autor des Fachblogs «TechCrunch», hat in London die Kommunikation beobachtet und die Nachrichten auf den Plattformen analysiert. Fazit: «Während Twitter Zuschauer wurde, ist es der BBM, wo die eigentliche Handlung zu sein scheint.» Twitter, das sonst so sehr als Echtzeitmedium gepriesen wird, erfährt dieser Tage selbst nur zeitversetzt, was in den Aussenbezirken Londons vor sich geht.

Nutzer stechen Nachrichten durch

Gefährlich wird es für die Randalierer immer dann, wenn einzelne Nutzer Nachrichten, die auf ihren BlackBerrys auflaufen, in die frei zugänglichen Online-Netzwerke kopieren. So wie am Dienstag die Twitter-Nutzerin @28SHAMA, die für alle frei zugänglich notierte: «BBM Nachricht: Jeder in Edmont, Enfield, Wood Green [...] auf nach Enfield Town Station um Punkt 4 Uhr!» Damit wusste auch die Polizei Stunden vor dem Auflauf Bescheid und konnte sich rüsten.

Möglicherweise wird den Ermittlern sogar der BlackBerry-Hersteller, der kanadische Konzern RIM, helfen. Der notierte erst am Montag auf Twitter: «Wir haben Kontakt zu den Behörden aufgenommen, um sie so gut wie möglich zu unterstützen.» Was genau RIM damit meinte, blieb offen. Die Polizei dürfte grosses Interesse daran haben, zu erfahren, welche Nutzer die Proteste mit ihren Nachrichten aufgeheizt haben. (dapd)

BlackBerry

Wohl kaum ein Mobiltelefon auf der Welt hat sich so sehr gewandelt: Das BlackBerry mutierte von Managers Liebling zur Massenware. Los ging es 1999, als der kanadische Hersteller RIM den ersten BlackBerry auf den Markt brachte – noch mit Schwarz-weiß-Bildschirm, aber schon mit dem Markenzeichen, der sogenannten QWERTZ-Tastatur. Nutzer können damit SMS und E-Mails wie am Computer eingeben.

Vor allem für die rasche Bearbeitung der elektronischen Post waren BlackBerrys in vielen Führungsetagen rasch begehrt. Doch spätestens als Apple Ende 2007 sein iPhone auf den Markt brachte, geriet RIM unter Druck. Die Folge: Apples Mobiltelefon verkaufte sich bald, genau genommen von Ende 2010 an, weltweit besser als BlackBerrys. Zwischenzeitlich hatte RIM die Preise derart gesenkt, dass seine «Schwarzbeeren» zur Massenware mutierten.

Zuletzt machte den Kanadiern auch Google zu schaffen, das seine Mobilfunk-Plattform Android seit 2009 an Handyhersteller verschenkt. Die Marktforscher von IDC gehen davon aus, dass der Marktanteil von BlackBerrys bis 2015 von derzeit weltweit noch 14,2 auf 13,4 Prozent weiter schrumpfen wird. Googles Android, Apples iOS und auch Nokias Symbian haben BlackBerrys zudem schon auf Platz vier zurückgeworfen.

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