Aktualisiert 02.04.2017 16:45

LuzernRandständige machen Stadtführungen in Luzern

Konkurrenz für die Luzerner Stadtführer: Ab Frühling wollen Randständige Interessierten die Stadt aus einem anderen Winkel präsentieren.

von
Nicole Agostini

Im Video erzählt Fritz über seine zukünftige Stadtführung. (Video: na)

Der Verein Abseits Luzern will ab Frühling spezielle Stadtführungen durch Luzern anbieten: Obdachlose, Armutsbetroffene, Drogensüchtige, Stadtoriginale und sozial Benachteiligte sollen die Stadt aus ihrer Perspektive zeigen und dabei aus ihrem Alltag erzählen.

Man kann auf der Webseite des Vereins ab März sechs verschiedene Touren buchen. Jede Tour wird von zwei Stadtführern durchgeführt, die einen persönlichen Bezug zu den präsentierten Orten haben. Die Teilnehmer bekommen so einen Einblick in soziale Einrichtungen wie etwa die Gassenküche, die Notschlafstelle oder den Arbeitslosentreff. «Die zukünftigen Stadtführer bekommen als Gegenleistung eine Entschädigung», sagt Marco Müller, (36) Sozialarbeiter und Präsident des Vereins. Abseits Luzern erwarte ein «bunt gemischtes» Publikum: junge Berufstätige im Sozialbereich, Schulklassen, Firmen, Vereine und Ausflügler.

Müller entdeckte die Idee in Zürich und im Ausland

Die Idee des Sozialprojekts wurde geboren als Müller in Zürich und im Ausland von Obdachlosen durch die Stadt geführt wurde. «Es wäre toll, wenn es dies bei uns auch geben würde», sagte er sich. Durch die Gründung des Vereins 2016 sollte die Idee auch in Luzern Fuss fassen. Es wurden unter anderem die Caritas und die Gassenküche einbezogen und von 20 interessierten Randständigen sechs ausgewählt. Die Hauptkriterien: «Eine positive Grundeinstellung trotz schwieriger Lebenssituationen, von Armut oder Sucht Betroffene, Personen, die einen Tiefschlag im Leben erlitten haben, Zuverlässigkeit und jene, die es sich zutrauen vor einem Publikum zu sprechen», so Müller.

In 45 Tagen 11'000 Franken sammeln

Dem Verein fehlen noch 11'000 Franken um das Projekt im Frühling umsetzen zu können. «Das Geld brauchen wir für das Engagement der Theaterpädagogin, die Website sowie Flyer und Plakate», so Müller. Deshalb lancierte Abseits Luzern eine Crowdfunding-Aktion, um das Geld innert 45 Tagen zu sammeln.

Die Randständigen werden seit November 2016 intensiv von einer Theaterpädagogin geschult. Laut Müller ist die Ausbildung wichtig, weil die Betroffenen beim Projekt im Mittelpunkt stehen und von sich erzählen. Die Arbeit habe biografische Züge. Die Führer müssten zudem lernen, wie man klar redet und entscheiden, was man den Zuschauern zeigen will.

Fritz zeigt «Mis Lozärn»

Fritz (49), ehemaliger Obdachloser, will in Zukunft auch eine Tour durch die Stadt anbieten und «Mis Lozärn» zeigen. Er war rund zehn Jahre lang obdachlos und kämpfte mit 588 Franken pro Monat um sein Überleben. Fritz schlief unter Brücken und in verschiedenen Parks. «Auf meiner Tour führe ich an Orte, wo ich früher mein Himmelbett aufgeschlagen habe», so Fritz, der das Vögeligärtli zum Übernachten nutzte. Je nach Witterung suchte er Unterschlupf bei der Lukaskirche oder ging in die Notschlafstelle, wenn das Geld dafür ausreichte.

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