Lockerungen bei neuer Variante - Erfasst die Schweiz im Herbst die nächste Corona-Welle?
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Lockerungen bei neuer VarianteErfasst die Schweiz im Herbst die nächste Corona-Welle?

Varianten, die auch Geimpfte treffen können, viele Ungeimpfte und grosse Lockerungen: Experten sagen, was jetzt zählt, um ein böses Erwachen im Herbst zu verhindern.

von
Bettina Zanni
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In der Schweiz sind mittlerweile über zwei Millionen Menschen gegen Covid geimpft. Trotzdem bleibt die Lage angespannt.

In der Schweiz sind mittlerweile über zwei Millionen Menschen gegen Covid geimpft. Trotzdem bleibt die Lage angespannt.

20min/Matthias Spicher
In der Schweiz hat sich die Zahl der nachgewiesenen Fälle seit Ende Mai beinahe verdreifacht.

In der Schweiz hat sich die Zahl der nachgewiesenen Fälle seit Ende Mai beinahe verdreifacht.

Landbote/Tamedia
Gesundheitsminister Alain Berset erwartet im Herbst eine weitere Corona-Welle bei ungeimpften Personen.

Gesundheitsminister Alain Berset erwartet im Herbst eine weitere Corona-Welle bei ungeimpften Personen.

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Darum gehts

  • In der Schweiz hat sich die Zahl der Delta-Fälle beinahe verdreifacht. Gleichzeitig wird im grossen Stil gelockert.

  • Im Herbst dürfe es nicht zum zweiten Mal zu einem bösen Erwachen kommen, sagt der Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz.

  • «30 Prozent Ungeimpfte genügen, damit die Fallzahlen in die Höhe gehen», so ein Virologe der Taskforce.

  • «Die Impfung ist das weitaus stärkste Mittel, um das Delta-Virus in Schach zu halten», sagt ein Kantonsarzt.

Parallel zu den Öffnungen gewinnt die Delta-Variante an Terrain. In der Schweiz hat sich die Zahl der nachgewiesenen Fälle seit Ende Mai beinahe verdreifacht. In Grossbritannien greift die Delta-Variante weiter um sich: Die Gesundheitsbehörde meldete am Freitag über 16’000 Neuansteckungen mit der Mutation, die im Vergleich zur Alpha-Variante als ansteckender gilt.

Auch vor dem Impf-Weltmeister Israel macht Delta (siehe Box) keinen Halt – die Regierung führte deshalb kürzlich in Innenräumen wieder eine Maskenpflicht ein. Gleichzeitig tauchen in verschiedenen Ländern, darunter auch in der Schweiz, Fälle der besonders ansteckenden Delta-Plus-Variante auf.

Delta-Variante macht BAG Sorgen

In der Schweiz sind mittlerweile über zwei Millionen Menschen gegen Covid geimpft. Trotzdem bleibt die Lage angespannt. Gesundheitsminister Alain Berset erwartet im Herbst eine weitere Corona-Welle bei ungeimpften Personen. Auch eine Grippewelle hält er für wahrscheinlich. «Die Delta-Variante ist diejenige Variante, die uns im Moment mit Abstand am meisten beschäftigt und auch mit einer gewissen Besorgnis belegt», sagte BAG-Krisenmanager Patrick Mathys.

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Lukas Engelberger, Präsident der Kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), wies darauf hin, dass die Schweiz vor einem Jahr auch schon optimistisch gewesen sei. «Und im Herbst kam das böse Erwachen. Das darf nicht ein zweites Mal passieren.»

Epidemologe Cerny: «Vierte Welle ist programmiert»

Der Schweizer Epidemiologe Andreas Cerny sagt in einem Interview mit der «Sonntags Zeitung», die Lockerungen und die kommenden Ferien mit den Veranstaltungen sowie die sich ausbreitende Delta-Variante sind für ihn «eine explosive Mischung». Er hätte sich eine langsamere Öffnung gewünscht, als sie der Bundesrat jetzt beschlossen hat. «Der Anstieg der Fallzahlen und eine vierte Welle sind damit programmiert», sagt Cerny. Die Schweiz solle von Israel lernen.

«Delta-Variante wird bis im August dominant sein»

Für die Normalisierungsphase, die Ende August erwartet wird, sollen die verbleibenden Massnahmen schrittweise aufgehoben werden. «Ich gehe davon aus, dass die Delta-Variante bis im August dominant sein wird und die Alpha-Variante verdrängt», sagt Science-Taskforce-Mitglied Volker Thiel.

Das BAG rechnet in der Bevölkerung mit einer Impfbereitschaft von 60 bis 75 Prozent. Für Thiel ist die Gefahr einer weiteren Welle damit nicht gebannt. «30 Prozent Ungeimpfte genügen, damit die Fallzahlen in die Höhe gehen.» Die Stärke des Anstiegs hänge auch davon ab, wie lange wir die momentan niedrigen Fallzahlen halten könnten.

Risiken für Kinder

Besonders Kinder seien dem Virus schutzlos ausgeliefert, da sie erst bis im Herbst geimpft sein würden, sagt Thiel. Deshalb empfiehlt er den Eltern und Kindern, sich mit dem Thema Impfung auseinanderzusetzen. «Aus meiner Sicht sind die Risiken einer Infektion bei Kindern grösser als jene einer Impfung.»

Ein weiteres Risiko sieht der Virologe in den wieder geöffneten Grossveranstaltungen, vor allem in Innenräumen. «Der Zutritt muss noch längere Zeit auf Besuchende mit Zertifikat beschränkt sein, zumindest solange sich noch nicht alle Impfwilligen haben impfen lassen können. Ansonsten drohen solche Veranstaltungen zu Superspreader-Events zu werden.»

«Vorteil jetzt nicht verspielen»

Wie stark eine Delta-Welle ausfallen wird, hängt laut Thiel vom Impfschutz und vom Verlauf der Krankheit ab. «Im besten Fall sind Geimpfte gut gegen einen schweren Krankheitsverlauf mit der Delta-Variante geschützt und Ungeimpfte erleiden nicht häufiger schwere Verläufe als bei der Alpha-Variante.» Darauf deuteten erste Erkenntnisse aus Grossbritannien hin. «Allerdings ist auch zu beobachten, dass das Krankheitsgeschehen sich auf ungeimpfte Bevölkerungsanteile verlagert.»

Um im Herbst eine weitere Welle zu vermeiden, erachtet er es als wichtig, «den Vorteil der tiefen Fallzahlen und der Impfung jetzt nicht zu verspielen». Dazu könne jeder Einzelne mit einer Impfung beitragen. Denn das Worst-Case-Szenario sei nicht auszuschliessen: «Im schlimmsten Fall droht eine erneute Überlastung des Gesundheitssystems, weil wegen einer zu tiefen Impfbereitschaft und einer aggressiven Variante viele Menschen schwer erkranken.»

Plädoyer für Entwarnung

Stimmen aus Deutschland plädieren für eine Entwarnung, wie beispielsweise der Tübinger Tropenmediziner Peter Kremsner. Die Delta-Variante würde nur eine natürliche Entwicklung beschleunigen. «Weil das Coronavirus aus Deutschland nicht so schnell verschwindet, werden sich früher oder später die meisten Ungeimpften ohnehin anstecken», so Kremsner. «Mit der neuen Variante, die mindestens um 50 Prozent ansteckender ist als alle Vorgänger, geht das nur schneller», sagt er zur «Welt am Sonntag». Auch zitiert er Studien aus Grossbritannien. Eine Zunahme von schweren Erkrankungen oder gar Todesfällen gebe es in England bislang kaum.

Der deutsche Kinderarzt Fred Zepp, der in der Impfkommission (Stiko) sitzt, sagt, Kinder und Jugendliche hätten von der Delta-Variante in der Regel wenig zu befürchten. «Wenn jemand Grund zur Sorge hat, dann sind es die ungeimpften Erwachsenen», sagt Fred Zepp. Im Vergleich zu geimpften Altersgenossen zeigt eine Studie, dass sie ein mehr als 90 Prozent höheres Risiko haben, wegen Delta in einer Klinik zu landen.

Am Samstag startete die Schweiz die fünfte Öffnungsphase. Es blieben nur noch wenige Massnahmen, aber es sei wichtig, dass diese gut befolgt würden, sagte Gesundheitsminister Alain Berset (SP) am Mittwoch. «Es kann sehr schnell wieder schwierig werden.» Wie sich dies verhindern lassen könnte, erklärt der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen (siehe unten).

Impfrate, Tracing und Massentests

Auch der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen sieht die Normalisierungsphase als kritischen Punkt bei den Lockerungsschritten. Damit eine weitere Welle verhindert werden kann, erachtet er folgende Pfeiler als zentral:

• Impfrate
Ein ganz wichtiges Element, um gut durch den Herbst und Winter zu kommen, werde das Erreichen einer hohen Impfrate sein, sagt Steffen. «Die Impfung ist das weitaus stärkste Mittel, um das Delta-Virus in Schach zu halten.»

• Contact Tracing
Die Behörden müssen Steffen zufolge für die Normalisierungsphase unbedingt ihre Einsatzfähigkeit beim Contact Tracing und der breiten Testung erhalten. «Um ungünstige Veränderungen früh zu erkennen und schnell lokal angehen zu können.»

Massentests in Schulen
«Wir sehen in den Massentestungen in den Schulen, dass das Virus im Moment auch dort deutlich zurückgeht», sagt Steffen. Offensichtlich wirke der Rückgang bei den Erwachsenen auch bremsend auf das Virus bei den Kindern und Jugendlichen. «Trotzdem ist es gerade in diesem Bereich wichtig, dass wir nahe dran bleiben, zum Beispiel mit Massentestungen nach den Sommerferien, um wenn nötig reagieren zu können.»

Delta-Variante

Die Delta-Variante B.1.617.2 wurde zuerst in Indien entdeckt und hatte dort im April und Mai einen rasanten Anstieg der Fallzahlen zur Folge. Mittlerweile verzeichnen über 80 Länder Fälle mit der Delta-Variante. Besonders verbreitet ist sie in Grossbritannien. Dort macht sie bereits 90 Prozent der Fälle aus. Die WHO geht davon aus, dass sich diese Mutation zur dominanten Variante entwickeln wird. Auch stuft sie diese im Vergleich zur Alpha-Mutante als ansteckender ein. Gemäss Studien ist die Delta-Variante zudem resistenter gegen den Impfstoff.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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