Wegen Attacke: «Rassisten-Flyer» für Basler Musliminnen
Aktualisiert

Wegen Attacke«Rassisten-Flyer» für Basler Musliminnen

Nach der Attacke auf eine Kopftuchträgerin reagiert die Basler Muslimkommission – und will eine Anleitung für betroffene Musliminnen erstellen.

von
Amir Mustedanagic
Hier hat sich der Übergriff auf die 29-Jährige ereignet: Barfüsserplatz in Basel

Hier hat sich der Übergriff auf die 29-Jährige ereignet: Barfüsserplatz in Basel

Die Basler Muslimkommission arbeitet an einem «Rassisten»-Flyer für Musliminnen. Der mehrsprachige Faltprospekt soll in den kommenden Wochen in den Moscheen der Region verteilt werden. Gemäss Präsident Cem Karatekin soll es muslimischen Frauen im Umgang mit rassistischen Beschimpfungen oder gar Tätlichkeiten helfen. «Die Frauen sollen erkennen, dass sie solche Übergriffe nicht einfach hinnehmen dürfen, sondern sich bei der Polizei melden sollen», so Karatekin gegenüber 20 Minuten Online. Zudem richtet die Basler Muslimkommission eigens eine Hotline ein, für Frauen, die nicht allein zur Polizei gehen möchten.

Auslöser der Aktion war der Übergriff auf die Schwiegertochter von Cem Karatekin am 26. Mai auf dem Basler Barfüsserplatz. Mitten im Feierabend-Getümmel war die 29-jährige Kopftuchträgerin von einer etwa 45-jährigen Frau ins Genick geschlagen worden. Anschliessend soll die unbekannte Frau die zweijährige Tochter und die Schwägerin des Opfers rassistisch beschimpft haben. Die Staatsanwaltschaft eröffnete in der Folge ein Verfahren gegen Unbekannt «wegen Tätlichkeit und Rassendiskriminierung».

Geheimniskrämerei untergrub Glaubwürdigkeit

Für die Familie Karatekin ging mit der Anzeige der Stress aber erst richtig los: Obwohl sich die Tat kurz nach 17 Uhr auf dem vielfrequentierten Barfüsserplatz ereignete, meldeten sich zunächst keine Zeugen. Der Fall blieb mysteriös. Stimmen wurden laut, die hinter der Anzeige eine PR-Aktion der Basler Muslimkommission vermuteten, der Cem Karatekin als Präsident vorsteht. So berichtete der «Tages-Anzeiger», dass es sich beim Opfer um die Schwiegertochter handle und bezeichnete die Familie von Präsident Cem Karatekin als «PR-Clan».

Tatsächlich hat Cem Karatekin zunächst den Medien nicht verraten, um wen es sich beim Opfer handelte. Im Gegenteil. Noch am Tag des Übergriffs verschickte er eine Mitteilung, in der er von einer zunehmenden «Islamophobie in der Gesellschaft» sprach. Der Kommission seien «mehrere weitere Fälle» bekannt, bei welchen Musliminnen mit Kopftuch rassistisch beschimpft worden seien. Doch wo oder wann sich die Übergriffe abspielten und wer die Opfer waren, gab Karatekin nicht preis. Mit der Geheimniskrämerei untergrub die Basler Muslimkommission die eigene Glaubwürdigkeit: Einerseits weckte sie Zweifel an der Tat, andererseits aber auch an der Motivation der Anzeige.

«Jemand musste den ersten Schritt machen»

«Wir hätten die Identität des Opfers gleich preisgeben sollen», gesteht Karatekin inzwischen ein. Er habe versucht, seine Schwiegertochter zu schützen, welche damals gerade erst mit ihrer Familie nach Riehen gezogen sei: «Ich wollte einfach nicht, dass sie mit einem Handicap starten müssen und angestarrt werden.» Karatekin bestreitet nicht, dass die Anzeige den Fokus auf das Thema lenken sollte. «Die rassistischen Beschimpfungen sind aber keine Erfindung, sondern teilweise die Realität für verschleierte Musliminnen». Jemand habe den ersten Schritt in diese Richtung machen müssen. Viele Opfer hätten es bisher nicht gewagt, rassistische Übergriffe zu melden (siehe Infobox). «Als meine Schwiegertochter dann aber auch noch angegriffen wurde, mussten wir handeln», sagt Karatekin.

Drei Monate nach der Tat fehlt von der mutmasslichen rassistischen Täterin immer noch jede Spur. Inzwischen hat die Polizei aber Hinweise auf den Zwischenfall erhalten. «Die Tat selbst hat niemand gesehen, aber einige Personen haben ein Geschrei und streitende Personen vernommen», sagt Melzl. Das Verfahren gegen Unbekannt «wegen Tätlichkeit und Rassendiskriminierung» ist zwar noch offen, an weitere Hinweise glaubt der Sprecher der Staatsanwaltschaft allerdings kaum. Er bezweifelt auch, dass die Täterin gefasst wird. Trotzdem ist der Stand der Ermittlungen für die Familie des Opfers eine Erleichterung. «Die Leute sehen immerhin, dass wir hier nichts erfunden haben», sagt Karatekin.

«Frauen verschanzen sich aus Angst zuhause»

Für den Präsidenten der Basler Mulimkommission ist die Anzeige zum Vorteil aller: «Wenn muslimische Frauen Angst haben müssen, rassistisch beschimpft oder gar angegriffen zu werden, dann verschanzen sie sich erst recht zuhause», sagt Karatekin. Seine Schwiegertochter habe sich beispielsweise nach dem Zwischenfall nur noch in Begleitung aus dem Haus getraut. «Mit der Furcht vor Beschimpfungen und ohne die Bewegungsfreiheit klappt die Integration nie», ist Karatekin überzeugt.

Von einer «Islamophobie in der Gesellschaft» spricht Karatekin aber nicht mehr. «Die Stimmung gegenüber den Muslimen hat sich spürbar verbessert – zumindest in Basel», sagt er. Dass der «Rassisten-Flyer» in diesem Moment kontraproduktiv sein könnte, ist Karatekin durchaus bewusst. Er will damit aber nicht Öl ins Feuer giessen, sondern Opfer dazu animieren, Beschimpfungen nicht weiterhin still hinzunehmen. «Nur so wird sichtbar, wie viele Musliminnen mit dem Problem tatsächlich zu kämpfen haben», sagt Karatekin, «dann kann auch eine Diskussion darüber entstehen.»

Übergriffe auf Kopftuch-Trägerinnen

Für die Staatsanwaltschaft Basel war der Übergriff vom 26. Mai eine neue Erfahrung, sagt Sprecher Markus Melzl. «Was aber nicht bedeutet, dass es keine solchen rassistischen Übergriffe gibt», so Melzl weiter. Nicht jede Person laufe zur Polizei, wenn sie beschimpft werde. In der Schweizer Mediendatenbank sind in den vergangenen zwei Jahren gerade mal vier Fälle zu finden von Übergriffen auf Kopftuchträgerinnen – darunter auch der Fall der 29-Jährigen Türkin in Basel. Kurz nach der Minarett-Abstimmung im Herbst 2009 machte zudem die «Wochenzeitung» einige Fälle publik: In Zürich attackierte ein Passagier im Bus eine Muslimin zunächst verbal, danach versetzte er ihr einen Schlag auf den Kopf. Wie die «Woz» schrieb, verzichtete sie auf eine Anzeige – aus Angst. Im Kanton Glarus beschimpften vier Personen erst eine Frau und ihren fünfjährigen Sohn in einem Geschäft. Als die Kopftuchträgerin den Laden verliess, verfolgten sie sie auf die Strasse und bewarfen sie mit Schneebällen. Augenzeugen sollen bloss zugeschaut und gelacht haben. Von diesen Fällen berichtete Aynur Akalin, welche sich als Islamexpertin im Rat der Religionen engagiert, der «Woz». Sie macht selbst auf der Strasse oder in öffentlichen Verkehrsmitteln aber auch ähnliche Erfahrungen, wie sie im Dezember 2009 erzählte.

Der Basler SP-Grossrat Mustafa Atici geht davon aus, dass sich seit der Annahme der Anti-Minarett-Initiative eher die Sensibilität in gewissen muslimischen Kreisen verändert habe. «Besonders Einwanderer der ersten Generation fühlten sich nach der Abstimmung unerwünscht und nehmen heute vieles durch eine verzerrte Perspektive wahr», sagte Atici zu 20 Minuten Online nach der Attacke am 26. Mai 2010. Von einer steigenden Tendenz rassistischer Übergriffe könne deshalb keine Rede sein. (amc)

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