300 Jahre alt: Raten Sie mal, woraus dieses Dach besteht
Aktualisiert

300 Jahre altRaten Sie mal, woraus dieses Dach besteht

Einen Meter dick sind die Dächer einiger Häuser auf Læsø, einer Insel bei Dänemark. Aber woraus bestehen sie?

von
M. Steiger
Die dänische Insel Læsø liegt zwischen Schweden und Dänemark in der Nordsee.

Die dänische Insel Læsø liegt zwischen Schweden und Dänemark in der Nordsee.

Fotolitograferede i Generalstabens Topografiske Afdeling / Wikipedia
Die schon mindestens seit dem frühen Mittelalter bewohnte Insel ist mit einer Fähre erreichbar. Heute ist sie die am dünnsten besiedelte Gemeinde Dänemarks.

Die schon mindestens seit dem frühen Mittelalter bewohnte Insel ist mit einer Fähre erreichbar. Heute ist sie die am dünnsten besiedelte Gemeinde Dänemarks.

Keld Gydum / CC-BY-SA-2.5 / Wikipedia
Das Besondere an Læsø sind aber diese Häuser, deren Dächer ein bisschen aussehen, als würde das Haus einen Mantel tragen.

Das Besondere an Læsø sind aber diese Häuser, deren Dächer ein bisschen aussehen, als würde das Haus einen Mantel tragen.

L-BBE / Wikipedia

Die dänische Insel Læsø liegt zwischen Schweden und Dänemark im nördlichen Kattegat. Eine Besonderheit auf der Insel sind die Häuser, deren Dächer mit Seegras bedeckt sind.

Diese Seegrasdächer sind bis zu einen Meter dick und hängen so weit herunter, dass es ein bisschen aussieht, als ob das Haus einen Mantel tragen würde. Abgesehen vom Volumen sehen die Seegrasdächer ähnlich aus wie die aus Stroh – sind aber wesentlich haltbarer.

Tatsächlich sind manche dieser Dächer auf Læsø teilweise mehr als 300 Jahre alt und auf der Welt einzigartig. Die Tradition, solche Dächer zu bauen, stammt aus einer Zeit, in der Læsø für die Salzgewinnung bekannt war. Das Grundwasser der Insel hatte einen Salzgehalt von über 15 Prozent und die Bewohner arbeiteten fast ausschliesslich in Salzsiederhütten und lieferten das Salz nach Viborg.

Zu viele Bäume abgeholzt

Die Salinen (Anlage zur Gewinnung von Speisesalz) auf Læsø hatten einen stetigen und hohen Brennholzbedarf. Das führte dazu, dass die Inselbewohner im späten Mittelalter den letzten Baum fällten. Ohne das nötige Brennholz konnten die Anlagen nicht betrieben werden. Ohne Bäume hatten die Dörfer aus Læsø zudem keinen Schutz vor Sandstürmen. 1652 wurde deshalb das Salzsieden verboten.

Die Menschen blieben aber auf Læsø und suchten nach neuen Baumaterialien. Dabei stiessen sie neben Treibholz auch auf das für die Insel typische Seegras. Die bis zu zwei Meter langen und nur etwa einen Zentimeter breiten Seegräser wurden an Land gespült und von den Bewohnern eingesammelt und getrocknet.

Traditionell Frauenarbeit

Nachdem das Seegras getrocknet war, wurde es zu dicken Seilen geflochten und durch die Treibholz-Dachträger gezogen. Diese Arbeit wurde auf der Insel traditionell von den Frauen übernommen. Dadurch, dass das Seegras in salzigem Meerwasser getränkt war, war es extrem wetterbeständig und zäh.

Wenn es auf den Häusern einmal zu einem Klumpen getrocknet ist, ist es wasser- und feuerfest und praktisch unzerstörbar. Angeblich standen die Bewohner von Læsø früher regelmässig auf ihren Seegrasdächern und suchten die Umgebung nach Schiffswracks ab – die einzige Quelle für Holz, die die Inselbewohner hatten.

Gefahr geht von Pilz aus

Die Seegrasdächer sind auch unglaublich schwer: Dachdecker Henning Johansen, der sich seit einigen Jahren mit den Seegrasdächern beschäftigt, schätzt, dass ein Quadratmeter Seegras bis zu 300 Kilogramm wiegt. 1920 zerstörte ein Pilz einen grossen Teil des Seegrases um Læsø.

Zur gleichen Zeit begann die Wiederaufforstung auf Læsø, mit der nicht alle Bewohner einverstanden waren: Die Bäume behinderten die freie Sicht aufs Meer, die die von der Strandpiraterie lebenden Inselbewohner aber dringend brauchten. Die Wiederaufforstung war trotzdem erfolgreich – zu einem Preis. Die Dächer, die nun nicht mehr der aggressiven Witterung ausgesetzt und stattdessen von anderen Pflanzen umgeben waren, begannen zu verrotten.

Heute gibt es auf Læsø nur noch etwa 20 Häuser mit Seegrasdächern.

Update, 16:10: Eine frühere Version dieses Artikels verlegte Læsø in die Nordsee. Die dänische Insel befindet sich aber im

nördlichen Kattegat. Dieses gilt, nach traditioneller skandinavischer Auffassung, weder als Teil der Ost-, noch als Teil der Nordsee./i>

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