Rauchspur von der Antike bis in die Gegenwart
Aktualisiert

Rauchspur von der Antike bis in die Gegenwart

Die NS-Bücherverbrennung vom Mai 1933 war zwar die systematischste ihrer Art, aber beileibe nicht die erste und letzte.

Die Rauchspur der Vertilgung unliebsamer Gedanken reicht von biblischen Zeiten bis in die Gegenwart.

2006 ging im ostdeutschen Pretzien das «Tagebuch der Anne Frank» in Flammen auf, 2001 äscherten junge schwäbische Christen einen Harry-Potter-Band ein. Unterdrücker und Unterdrückte, Revolutionäre und Bewahrer - sie alle verübten das, was Kulturhistoriker mitunter auch als «Bücherhinrichtungen» bezeichnen.

Belegt sind solche Vorgänge schon aus dem alten China, wo 213 v.Chr. auf kaiserlichen Befehl die Schriften Konfuzius' verbrannt wurden. Im Alten Testament werfen die seleukidischen Besatzer Palästinas Gesetzbücher ins Feuer.

Roms Imperatoren liessen anfangs christliches und nach ihrer Bekehrung heidnisches Schriftgut verbrennen. In Konstanz kamen 1415 die Werke des Reformators Jan Hus samt ihrem Autor auf den Scheiterhaufen, 105 Jahre später entzündete Martin Luther öffentlichkeitswirksam eine päpstliche Bulle.

Brandopfer im Mittelalter

Gemeinsam ist all diesen Aktionen der demonstrative und rituelle Charakter. Meist wählt man öffentliche Plätze, und seit dem Mittelalter überlässt man die Ausführung gerne dem Henker. Gelegentlich lässt man Bücher köpfen oder zerreissen.

Aber Feuer ist das häufigste Mittel. Schliesslich hat es nicht nur von jeher Faszinationskraft, sondern liegt in der Vorstellungswelt mittelalterlicher Menschen auch aus anderen Gründen nahe: Es gilt als Mittel zur Reinigung von Infektiösem - etwa bei Pestepidemien - und ausserdem als Erscheinungsform Gottes.

Das Brandopfer von Ketzern, Hexen und lästerlichen Schriften soll Gott besänftigen, das feierlich-steife Ritual des Ablaufs den Machtanspruch der weltlichen Autoritäten dokumentieren. Als sich im 19. Jahrhundert der moderne Verwaltungsstaat etabliert, geht die Epoche der von oben organisierten Bücherverbrennungen vorüber.

NS-Aktion ohne Parallele

Stattdessen sind es nun eher spontane Akte lokalen Volkszorns, denen neben anstössigen Büchern oft auch geistliche Werke und Behördenakten zum Opfer fallen. Noch 1922 verbrennen Berliner Jugendliche «Schmutz- und Schundliteratur» - und ein sozialdemokratischer Minister lobt sie dafür im Reichstag.

So knüpft die Bücherverbrennung der Nazis an eine ungebrochene Tradition an. Gleichwohl lasse sie sich nicht historisch relativieren, schreibt der Literaturwissenschafter Theodor Verweyen. Er verweist auf die «10 000 Zentner Bücher und Zeitschriften», die allein in Berlin brannten.

Weder für die Menge, noch für die Bandbreite der vernichteten Werke noch für die flächendeckende Organisation der Aktion gebe es irgendein Vorbild in der Geschichte. (sda)

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