Aktualisiert 09.12.2008 15:24

KrawalleRauchwolken und Tränengas über Athen

Lichterloh brennt der riesige Weihnachtsbaum auf dem Syntagma-Platz. Vor den lodernden Flammen lichten sich Demonstranten mit ihren Fotohandys ab und singen auf Griechisch «Oh, Tannenbaum». Szenen einer Krawallnacht in Griechenland.

Beissender Qualm und Tränengasschwaden wabern in der Nacht zum Dienstag durch die Innenstadt, die Strassen sind mit Scherben übersät. Neben einer ausgebrannten Bankfiliale hat jemand die Parole an die Wand gesprüht: «Athen brennt 2008».

Vor einer anderen Bank holt ein vermummter Jugendlicher mit dem Vorschlaghammer aus. «Ziel auf die Ecke des Fensters!», ruft ihm aus der Menge der Umstehenden ein Mann mittleren Alters aufmunternd zu: «Da zerbricht es leichter.» Gesagt, getan. Nach einigen Schlägen birst die Scheibe aus Sicherheitsglas, zum Jubel der rund 70 Zuschauer.

Seit drei Tagen erleben Athen und andere griechische Städte, von Saloniki bis zu den Ferieninseln Kreta und Korfu, die heftigsten Unruhen seit Jahrzehnten. Zündfunken war der Tod des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos, der am Samstag im Exarchia-Viertel von der Polizei erschossen wurde. Seither ziehen Autonome, Schüler und Studenten randalierend durch die Strassen, greifen Polizeiwachen an, verwüsten und plündern Geschäfte, legen Feuer in Banken und fackeln Mülltonnen und Buswartehäuschen ab. Manche seien auch mit Messern, Schwertern und Bogen bewaffnet, berichten Polizisten. «Bullen! Schweine! Mörder!», rufen sie den Einsatzkommandos entgegen.

Szenen der Verwüstung

Grigoropoulos, der am Dienstagnachmittag beerdigt werden sollte, wurde dem Autopsiebericht zufolge in die Brust geschossen. Die Umstände sind noch unklar. Die zwei beteiligten Polizisten wurden verhaftet, einer unter Mordverdacht, der andere wegen Beihilfe.

Die Krawalle nach dem Tod des Jungen, die Szenen der Verwüstung, dürften die Unzufriedenheit mit der konservativen Regierung, die bereits von Finanzskandalen erschüttert wird und sich im Parlament an eine hauchdünne Mehrheit von einer Stimme klammert, weiter befördern. Die oppositionellen Sozialisten liegen in jüngsten Umfragen zum ersten Mal seit acht Jahren konstant vorne und gewinnen weiter an Boden. Eine wachsende Zahl von Demonstrationen richtet sich gegen die Wirtschafts- und Bildungsreformen der Regierung unter Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis; für Mittwoch haben die Gewerkschaften einen Generalstreik angesetzt.

Zu einem Protestmarsch der Kommunisten und der Koalition der Linken kamen rund 10 000 Teilnehmer. Der Anführer der Koalition, Alexis Tsipras, sprach von einem «spontanen Jugendaufstand» nach dem Tod des 15-Jährigen. Der Ministerpräsident werde seiner politischen Verantwortung nicht gerecht, kritisierte er. Er nehme den Rücktritt der verantwortlichen Minister nicht an, verlege sich auf die Version eines bedauerlichen Einzelfalls «und verbarrikadiert sich hinter eingeschlagenen Schaufenstern».

«Jetzt sind wir erledigt»

Nach einer nächtlichen Krisensitzung des Kabinetts betonte Innenminister Prokopis Pavlopoulus, die Polizei habe ihr Bestes getan. Tatsächlich kam es gelegentlich zu Zusammenstössen der Randalierer mit der Polizei, die Tränengas einsetzte. Die meiste Zeit aber waren nirgendwo Polizisten in Sicht, als Fensterscheiben klirrten, Geschäfte zerstört und zu hunderten angezündet wurden. Und all dies im Herzen Athens, einer schwer bewachten Gegend, die das Parlamentsgebäude umfasst, verschiedene Ministerien, Luxushotels und die Haupteinkaufsstrassen der Hauptstadt.

Unter der glitzernden Weihnachtsbeleuchtung brandete die Welle der Gewalt über Luxusboutiquen und Juweliergeschäfte, über das «Hard Rock Cafe» und die Citibank, über Mobilfunkläden und Büros von Fluggesellschaften. «Sie schlugen mit unglaublicher Wucht die Fenster ein, griffen vorbeifahrende Autos an und warfen Brandsätze auf geparkte Geländewagen», berichtet Siran Zebaharian, die ein Modegeschäft an einer schicken Einkaufsstrasse hat. «Ich weiss nicht, was die Polizei gemacht hat. Sie kam viel zu spät. Wir sind völlig schutzlos», klagt sie. Für das Weihnachtsgeschäft sieht sie schwarz: «Jetzt sind wir erledigt. Hier wird doch über die Weihnachtsfeiertage niemand herkommen wollen.» (dapd)

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