Jobsuche – RAV lassen Potenzial vieler inländischer Erwerbsloser verpuffen
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Jobsuche RAV lassen Potenzial vieler inländischer Erwerbsloser verpuffen

Die RAV stehen in der Kritik, Stellensuchende zu wenig aktiv zu unterstützen. Laut dem Gewerkschaftsbund liegt viel Arbeitskräftepotenzial brach.

von
Bettina Zanni
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Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, glaubt, dass sich mehr Erwerbslose bei RAV registrieren würden, hätten sie das Gefühl, dort bei der Stellensuche mehr Unterstützung zu erhalten. 

Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, glaubt, dass sich mehr Erwerbslose bei RAV registrieren würden, hätten sie das Gefühl, dort bei der Stellensuche mehr Unterstützung zu erhalten.

20min/Simon Glauser
Seit 2018 gilt in der Schweiz eine Stellenmeldepflicht mit dem Ziel, das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte besser auszuschöpfen.

Seit 2018 gilt in der Schweiz eine Stellenmeldepflicht mit dem Ziel, das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte besser auszuschöpfen.

20min/Taddeo Cerletti
Der Gang aufs RAV sei für viele Personen zu wenig attraktiv, bestehe kein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung, sagt Lampart.

Der Gang aufs RAV sei für viele Personen zu wenig attraktiv, bestehe kein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung, sagt Lampart.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Die Stellenmeldepflicht hat das Ziel, das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte besser auszuschöpfen.

  • Laut dem Chefökonomen des Gewerkschaftsbundes bleibt viel inländisches Arbeitskräftepotenzial ungenutzt, weil der Gang aufs RAV für viele Personen ohne Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung zu wenig attraktiv ist.

  • Grünen-Nationalrätin Regula Rytz fordert eine Informationsoffensive.

Inländische Arbeitskräfte haben bei offenen Stellen Vorrang. Dafür sorgt die Stellenmeldepflicht. Die Schweiz führte diese 2018 als Folge der «Masseneinwanderungsinitiative» ein. Das Ziel: Das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte besser ausschöpfen.

Laut Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), bleibt dennoch viel inländisches Arbeitskräftepotenzial ungenutzt. In die Pflicht nimmt er die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). In einem aktuellen Blogeintrag macht er - gestützt auf Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) – darauf aufmerksam, dass rund die Hälfte der Erwerbslosen nicht bei einem RAV registriert sei. Dabei stünden die RAV allen offen, egal, ob arbeitslos oder nicht.

Stellenmeldepflicht

Firmen in Branchen mit erhöhter Arbeitslosigkeit müssen ihre offenen Stellen dem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) melden, bevor sie diese öffentlich ausschreiben. Die Stellenmeldepflicht ist eine Folge der Initiative «Gegen Masseneinwanderung», die das Volk 2014 annahm.

«Mehr würden sich registrieren»

Der Gang aufs RAV sei für viele Personen zu wenig attraktiv, bestehe kein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung (siehe Box), sagt Lampart zu 20 Minuten. «Doch hätten diese Erwerbslosen das Gefühl, vom RAV bei der Stellensuche mehr Unterstützung zu erhalten, würden sich viel mehr von ihnen registrieren.»

Lampart fordert, dass die RAVs mehr Ressourcen in die Stellenvermittlung investieren. «Dank der Stellenmeldepflicht haben die RAV Arbeitgeberkontakte aufgebaut. Nun geht es darum, die Stellensuchenden über die Jobvermittlung noch aktiver zu unterstützen.» Ansonsten verpuffe weiterhin viel inländisches Arbeitskräftepotenzial.

«Rolle ist zu wenig bekannt»

Das Anliegen beschäftigt auch die Politik. Die RAV unterstützten neben Arbeitslosen auch Stellensuchende, zum Beispiel beim Wiedereinstieg nach einer Familienphase, sagt Regula Rytz, Grünen-Nationalrätin und Wirtschaftspolitikerin. «Leider ist diese Rolle der Bevölkerung zu wenig bekannt. Deshalb braucht es eine öffentliche Informationskampagne.»

Etwa sollten laut Rytz Informationsbroschüren an Berufsschulen, Hochschulen und in Branchenorganisationen darauf aufmerksam machen, dass eine Anmeldung beim RAV bei der Stellensuche hilft, auch wenn kein oder noch kein Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung besteht. «Jetzt, wo sich wegen der Pandemie viele Arbeitnehmende umorientieren müssen, ist diese Unterstützung umso wichtiger.»

Ältere Arbeitnehmer seien wichtig

Anderer Meinung ist SVP-Nationalrat Thomas Matter. «Mit den Online-Jobbörsen gibt es heute so viele Bewerbungsmöglichkeiten wie noch nie», sagt der Wirtschaftspolitiker. Matter behauptet, dass die RAV mehrheitlich von Gewerkschaften betrieben würden. Die Gewerkschaften setzen sich für mehr RAV-Anmeldungen ein, um selbst zu kassieren. «An jedem registrierten Erwerbslosen verdienen die Arbeitslosenkassen der Gewerkschaften, was diese natürlich bestreiten würden», behauptet Matter.

Grosses Potenzial sieht Matter dagegen bei den älteren Arbeitnehmenden. «Es müssen Anreize geschaffen werden, damit Arbeitgebende ältere Leute einstellen.» Es sei unhaltbar, dass 50-Jährige einzig keinen Job mehr fänden, weil Arbeitgebende die höheren Pensionskassenbeiträge vermeiden wollten.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) will die Aussagen von Daniel Lampart nicht kommentieren, wie Mediensprecherin Livia Willi auf Anfrage sagt. «Bereits heute ist es selbstverständlich so, dass Personen, die ihren Taggeldanspruch beim RAV ausgeschöpft haben, auf freiwilliger Basis bei einem RAV gemeldet bleiben dürfen.» Das Seco empfehle dies auch. «So können diese Personen weiterhin von den Dienstleistungen der RAV profitieren und erhöhen so ihre Chancen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.»

Arbeitslosenentschädigung

Keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben Personen in einem Arbeitsverhältnis, Ausgesteuerte und Selbständigerwerbende. Auch kein Anspruch besteht, wenn jemand keine bisherige Erwerbstätigkeit in der Schweiz vorweisen kann oder diese lange zurückliegt.

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