Aktualisiert 22.03.2011 14:35

Unglücks-AKW Fukushima

Reaktor 1 sollte noch zehn Jahre laufen

Nur einen Monat vor dem Erdbeben wurde die Betriebsbewilligung für den ältesten Reaktor in Fukushima um zehn Jahre verlängert – trotz massiven Mängeln.

von
Peter Blunschi

Bislang hiess es, der Reaktor 1 in Fukushima hätte Ende März vom Netz gehen sollen, weil er die gesetzlich vorgeschriebene Laufzeit-Limite von 40 Jahren erreicht hat. Nun zeigt sich, dass die Atomaufsicht erst im Februar eine Verlängerung um zehn Jahre bewilligt hatte – obwohl die zuständige Kommission bei der Prüfung des Gesuchs auf Probleme gestossen war. So wurden Risse in den Notstromgeneratoren von Reaktor 1 entdeckt.

Trotz weiteren alarmierenden Befunden – darunter Korrosionsschäden an wichtigen Teilen – empfahlen die Kontrolleure, dass der Energiekonzern Tepco den ältesten der sechs Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima 1 für weitere zehn Jahre betreiben darf. Dies sei ein Beleg für «die ungesunden Beziehungen zwischen den japanischen Kraftwerksbetreibern und ihren Aufsichtsorganen», schreibt die «New York Times».

Berichte gefälscht und Mängel vertuscht

Der Filz in der japanischen Nuklearindustrie wird von Kritikern seit Jahren angeprangert. So ist die Atomaufsicht dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie angeschlossen, dass eine Pro-AKW-Politik betreibt. Entsprechend eng sind die Beziehungen zu den Energiekonzernen, die ehemaligen Beamten gerne lukrative Jobs anbieten – eine Praxis, die in Japan unter dem Begriff «Amakudari» (vom Himmel herabsteigen) bekannt ist.

Es erstaunt daher nicht, dass die Geschichte der japanischen Atomindustrie geprägt ist von Pannen und Vertuschungen. Schon vor der jüngsten Katastrophe hatte es immer wieder Kritik an dem Betreiber Tepco wegen nachlässiger Wartung von Atomkraftwerken gegeben. Bereits 2003 hatten Whistleblower enthüllt, dass Tepco während 16 Jahren Inspektionsberichte gefälscht und Mängel vertuscht hatte, um Reparaturkosten zu sparen.

Zentrale Kühlelemente nicht kontrolliert

Am 2. März – neun Tage vor dem verheerenden Erdbeben – erschien ein Bericht, in dem die Behörde der Betreiberfirma Verzögerungen bei den Inspektionen sowie die nicht durchgeführte Untersuchung von 33 Teilen im AKW Fukushima 1 vorwirft. Darunter hätten sich zentrale Elemente des Kühlsystems für die sechs Reaktoren und die Abklingbecken befunden. Der Ausfall der Kühlung hat massgeblich für die aktuellen Probleme gesorgt.

Doch die Seilschaften scheinen weiterhin zu funktionieren. So vermied die Atomaufsicht bislang, einen kausalen Zusammenhang zwischen den nicht ausgeführten Inspektionen und der bedrohlichen Situation im AKW herzustellen. «Bislang können wir keine unmittelbare Verbindung zum jüngsten Unfall ziehen. Wir müssen die Untersuchung abwarten, wenn wir die derzeitige Krise entschärft haben», sagte Ryohei Shiomi von der Atombehörde.

Wiederinbetriebnahme unmöglich

Das Schicksal von Reaktor 1 und der gesamten Anlage dürfte aber so oder so besiegelt sein. Die japanische Regierung kündigte am Wochenende an, die beschädigten Kernkraftwerke möglicherweise dauerhaft vom Netz zu nehmen. Experten nannten eine Wiederinbetriebnahme unmöglich, da das zur Kühlung eingesetzte aggressive Meerwasser zu irreparablen Schäden an den Anlagen geführt habe.

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