04.06.2015 18:12

Real-Berufung setzt bissige Kommentare ab

Er konnte seine Berufung kaum fassen und fragte darum zweimal nach: Real Madrids neuer Coach Rafa Benítez. Die Reaktionen fallen entsprechend aus.

von
Barcelona

So viel Nüchternheit war noch selten am Hof der Königlichen. Real Madrid hat einen neuen Trainer, und der musste schon selber für Emotionen sorgen, damit es überhaupt welche gab: Rafael «Rafa» Benítez war bei seiner Vorstellung den Tränen nahe und unterbrach seine halbminütige Rede gleich mehrmals. Hinten der heilige Rasen des Santiago-Bernabéu-Stadions, neben ihm seine Frau, ebenfalls ergriffen. «Ich komme nach Hause», sagte der 55-jährige Madrilene.

Als Aktiver hatte er mal für das zweite Team Reals gespielt und als Trainer den Nachwuchs gecoacht. Es ist also tatsächlich eine Rückkehr, eine Heimkehr auf die grösstmögliche Bühne, eine persönliche Genugtuung. Doch in der Madrider Sportpresse ist die Meinung weitverbreitet, dass diese Beförderung in Zeiten der Krise nur für den Berufenen selbst eine vollends unverhoffte Freude sei.

Reden und nichts sagen

Benítez gilt bestenfalls als zweite Wahl, als Beamtenlösung. Er überzeugt weder als Spielphilosoph noch als Zirkusdirektor. Und Real ist nun mal ein Zirkus mit grossen Stars und spektakulären Nummern. «Marca» schreibt: «Benítez kann locker eine halbe Stunde reden und dabei gar nichts sagen.» Nach den stets unterhaltsamen Provokationen von José Mourinho, Trainer von 2010 bis 2013, und der aufreizend lässigen Ironie Carlo Ancelottis, 2013 bis 2015, stellt man sich nun auf eine neue rhetorische Langeweile ein. Auf einen Sachverwalter. Offenbar war Benítez, als man ihm das Interesse Reals an seinen Diensten kundtat, selber so überrascht, dass er ungläubig nachfragte und dann alle Bedingungen, die ihm Reals Präsident Florentino Pérez aufzählte, schnell akzeptierte.

Zuletzt war er beim SSC Neapel angestellt gewesen und in zwei Jahren recht erfolglos geblieben, obschon man ihn dort bei der Auswahl des Kaders kräftig hatte mitreden lassen. Im letzten Saisonspiel verspielte sich Napoli im eigenen Stadion gegen Lazio die Möglichkeit, sich für die Champions League zu qualifizieren. Die Enttäuschung passte gut ins Bild, sie resümierte die kleine Ära. Als sich Real meldete, hatte Benítez nur ein einziges weiteres Angebot – aus England, vom vergleichsweise bescheidenen Westham United. Dort erinnerte man sich an die guten Jahre des Spaniers, als er mit dem FC Liverpool Titel und Trophäen holte und einmal sogar die Champions League gewann – nach einem unvergessen dramatischen Finale gegen die AC Milan. Davor war Benítez auch mit dem FC Valencia viel Erstaunliches gelungen, nämlich zwei spanische Meistertitel in drei Jahren Amtszeit.

Viel Zeit hat er nicht

Doch so richtig begeistern kann Benítez sein Publikum nicht. Dazu fehlt ihm nicht nur das Verb, sondern auch dieser gar nicht mehr so nebensächliche Hang zur Selbstinszenierung. Man attestiert ihm zwar Arbeitswut und Detailversessenheit: So soll er zum Beispiel Karteikarten von allen möglichen Spielern führen, auf denen er deren Gewohnheiten beim Treten von Elfmetern notiert. Wenn es aber darum ginge, Benítez' Spielidee zu umschreiben, und dafür die Spielidentitäten der vielen Mannschaften analysiert, die er schon trainierte, dann geraten auch die spanischen Experten in Erklärungsnöte. Am häufigsten hört man «konservativ», «eher defensiv».

Viel Zeit wird man ihm nicht geben, um aus Real Madrid wieder ein Team mit Titelgarantie zu machen, es zu alter «grandeza» zu führen. Pérez stellte ihm zwar einen Dreijahresvertrag aus. Doch wenn Benítez dem Verein nicht schon im ersten Jahr mindestens einen grossen Titel beschert, eine Liga oder den elften Pokal der Königsklasse, dann ist er bald wieder weg.

Nicht so wie Weichhand «Carletto»

Der Präsident behielt sich vor, auch künftig alle Transfers selber zu bestimmen. Er wird Benítez vorschreiben, wer auflaufen soll. Und Pérez' Überlegungen orientieren sich ja am Primat des Marketings. Der neue Trainer soll einfach dafür sorgen, dass die Stars wieder schön motiviert sind, dass sie ihre Löhne rechtfertigen. Wenn es sein muss, dann soll er sie dafür mit harter Hand führen – nicht so wie der Vorgänger, Weichhand «Carletto». Benítez darf den Feldweibel geben, den Antreiber. Dafür wurde er geholt.

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