Vor 75 Jahren: Rebell im Dienste Seiner Majestät
Aktualisiert

Vor 75 JahrenRebell im Dienste Seiner Majestät

Am 19. Mai 1935 starb Thomas Edward Lawrence, der berühmte «Lawrence of Arabia». Doch sein Mythos lebt weiter.

von
Daniel Huber
«Lawrence of Arabia»: Orientalist, Archäologe und Geheimagent

«Lawrence of Arabia»: Orientalist, Archäologe und Geheimagent

Dem Abenteurer, der erfolgreich den Gefahren des Wüstenkriegs getrotzt hatte, wurde ein Verkehrsunfall in der beschaulichen englischen Landschaft zum Verhängnis: Thomas Edward Lawrence kam am 13. Mai 1935 mit seinem Motorrad, einer Brough Superior Model SS100, von der Strasse ab, als er zwei jungen Radfahrern ausweichen wollte. Beim Sturz erlitt er schwere Kopfverletzungen und fiel ins Koma. Sechs Tage später, am 19. Mai, starb er. Er war nur 46 Jahre alt geworden.

Bei seinem Tod war der im August 1888 im walisischen Tramadoc geborene T. E. Lawrence bereits eine Legende. Berühmt hatte ihn die Rolle gemacht, die er beim Aufstand der Araber gegen die Türken im Ersten Weltkrieg gespielt hatte. Der studierte Orientalist und Archäologe, der schon 1909 — als 21-Jähriger — in Syrien Arabisch gelernt hatte und nach Kriegsausbruch 1914 vom britischen Nachrichtendienst rekrutiert und in Kairo stationiert wurde, war eine Schlüsselfigur bei dieser Revolte.

Aufständische Araber

Das Osmanische Reich war am 29. Oktober 1914 auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg eingetreten. Der «kranke Mann am Bosporus», wie das zerfallende türkische Imperium auch genannt wurde, gebot nach wie vor über ausgedehnte Gebiete in Mesopotamien, Syrien, Palästina und auf der arabischen Halbinsel, die von Arabern bewohnt wurden. Für die Briten, deren Armee an der Westfront in verlustreichen Schlachten gegen das deutsche Heer kämpfte, bot sich hier die Gelegenheit, mit verhältnismässig bescheidenen Mitteln einen Verbündeten der Deutschen empfindlich zu treffen.

Vorerst herrschte an dieser Front jedoch Ruhe. Erst im Juni 1916 griff Scherif Hussein ibn Ali, der haschemitische Emir der heiligen islamischen Stätten in Mekka, zu den Waffen. Die aufständischen Araber wurden von Husseins Söhnen Abdullah und Faisal angeführt und von britischen Militärberatern unterstützt. Die schlecht koordinierten Angriffe der Beduinen auf die türkische Armee brachten allerdings kaum Erfolge; lediglich Mekka und Dschidda wurden erobert.

Von Akaba nach Damaskus

Im Oktober schickte die britische Regierung in Ägypten den jungen T. E. Lawrence als Verbindungsmann nach Dschidda. Lawrence, der die Beduinen mit seiner asketischen Härte gegen sich selber beeindruckte und sich besonders mit Faisal gut verstand, brachte die zahlenmässig unterlegenen Beduinentruppen dazu, einen Guerillakrieg gegen die von Cemal Pascha geführten türkischen Truppen zu führen — ein klassisches Beispiel für asymmetrische Kriegsführung. Angriffe der Kamelreiter auf die Hedschasbahn bedrohten die türkischen Nachschublinien und banden wirkungsvoll osmanische Truppen.

Lawrence und Husseins Söhne mussten sich bei ihrem Feldzug immer wieder die Loyalität der beduinischen Stammesführer erkaufen. Im Sommer 1917 konnte Lawrence den Anführer der Howeitat zum Verbündeten machen. Mit den Howeitat gelang den Aufständischen die Einnahme von Akaba, des letzten osmanischen Hafens am Roten Meer, von dem aus die Türken das britische Expeditionskorps in Ägypten bei seinem Vormarsch nach Palästina bedrohen konnten. Nun begannen auch Lawrences Vorgesetzte in Kairo den arabischen Aufstand Ernst zu nehmen. Die Briten drangen nach Norden vor und eroberten noch vor Weihnachten Jerusalem. Im Februar 1918 fügten die arabischen Kräfte den Türken bei Tafileh eine vernichtende Niederlage bei und am 30. September erreichten sie Damaskus.

Mythos «Lawrence of Arabia»

Nach Kriegsende kehrte Lawrence nach Grossbritannien zurück. Bevor er sich unter falschem Namen als einfacher Soldat in der Royal Air Force verkroch, nahm er 1919 an der Friedenskonferenz von Paris teil, wo er sich vergeblich für die Unabhängigkeit der arabischen Völker einsetzte. In der Tat hatte der britische Hochkommissar in Kairo, Henry McMahon, Hussein ein Königreich versprochen, das Teile der arabischen Halbinsel, Mesopotamien, Syrien, Palästina und Transjordanien umfassen sollte. Zugleich waren die Briten jedoch im geheimen Sykes-Picot-Abkommen von 1916 mit den Franzosen übereingekommen, den nördlichen arabischen Raum nach dem Krieg in Einflusszonen aufzuteilen — so erhielten die Franzosen Syrien und den Libanon, die Briten den Irak, Jordanien und Palästina. Hussein blieb nur das Königreich Hedschas, aus dem er 1924 von Ibn Saud vertrieben wurde.

Zurück in Grossbritannien schrieb Lawrence einen umfangreichen autobiographischen Bericht über den arabischen Aufstand, der 1926 unter dem Titel The Seven Pillars of Wisdom («Die sieben Säulen der Weisheit») veröffentlicht wurde. Zum Mythos wurde er aber vor allem durch die Filmvorträge des amerikanischen Journalisten Lowell Thomas, der Lawrence als «Sherif», «Fürsten von Mekka» und «ungekrönten König Arabiens» präsentierte. So wurde ausgerechnet der nüchterne Lawrence, der Vegetarier war, nicht trank, nicht rauchte und keine Auszeichnungen entgegennahm, bis zu seinem Tod von der Öffentlichkeit verfolgt.

- Interaktive Website zu Lawrence of Arabia

Der Film

Zu einem Klassiker wurde das bildmächtige Wüstenepos «Lawrence von Arabien» von David Lean aus dem Jahr 1962 mit Peter O'Toole in der Hauptrolle, Alec Guinness als Faisal, sowie Anthony Quinn und Omar Sharif. Der Film erhielt sieben Oscars und war für drei weitere nominiert. Der dreieinhalbstündige Streifen bindet die Legende «Lawrence von Arabien» in das historische Umfeld ein, stellt aber gleichzeitig eine freie Bearbeitung sowohl von Lawrence' Bericht als auch der historischen Ereignisse dar.

(Wikipedia.org)

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