Andreas Gross: Rebellion gegen den SP-Dinosaurier
Aktualisiert

Andreas GrossRebellion gegen den SP-Dinosaurier

Die Zürcher SP entscheidet am Samstag über die Zukunft von Nationalrat Andreas Gross, der bereits 20 Jahre im Bundeshaus sitzt. Doch er ist nicht der Einzige, dem ein rauer Wind entgegenwehen dürfte.

von
Lukas Mäder
Will nach 20 Amtsjahren nochmals für den Nationalrat kandidieren, was ihm ermöglichen würde, den Europarat zu präsidieren: SP-Nationalrat Andreas Gross, aufgenommen 2008 auf Europarats-Mission in Moskau.

Will nach 20 Amtsjahren nochmals für den Nationalrat kandidieren, was ihm ermöglichen würde, den Europarat zu präsidieren: SP-Nationalrat Andreas Gross, aufgenommen 2008 auf Europarats-Mission in Moskau.

Die kalte Dusche kam am letzten Donnerstag, als die Zürcher SP-Geschäftsleitung der Delegiertenversammlung den Zürcher Kantonsrat Thomas Hardegger als Ständeratskandidaten vorschlug – und der amtierende Nationalrat Andreas Gross leer ausging. Gross hatte selbst Ambitionen für die Kandidatur und begründete diese damit, dass er dem SVP-Kandidaten Christoph Blocher Paroli bieten könnte. Zwar können die SP-Delegierten an ihrer Versammlung am Samstag Gross immer noch als Kandidaten wählen. Doch die Chancen des SP-Dinosauriers mit 20 Dienstjahren im Nationalrat schwinden, ist doch nicht nur die Geschäftsleitung gegen Gross' Kandidatur.

Die SP Winterthur hat am Dienstagabend beschlossen, an der Delegiertenversammlung keinen Antrag für eine Kandidatur von Gross einzureichen. Das bestätigt der Winterthurer SP-Präsident Christian Ulrich auf Anfrage. Ihm werden Sympathien für Gross nachgesagt. Dazu will sich Ulrich nicht äussern, ebenso wenig wie über die Gründe des Winterthurer Parteivorstands für seinen Entscheid. Bisher sind beim Parteivorstand keine weiteren Anträge zugunsten von Gross eingegangen. Doch das kann sich noch ändern, können die Delegierten doch auch an der Versammlung selbst noch Einzelanträge einreichen, wie der Zürcher SP-Präsident Stefan Feldmann sagt.

Unverständnis für erneute Kandidatur

Doch Gross muss sich auf Widerstand gefasst machen, selbst wenn die Delegierten nicht über seine Ständeratskandidatur abstimmen werden. Denn um auf die Liste für die Nationalratswahlen zu kommen, braucht er mit seiner langen Amtszeit eine Zweidrittelsmehrheit. Die Jungsozialisten (Juso) sind skeptisch. «Wir können nicht 20 Jahre lang die gleichen Köpfe aufstellen», sagt der Zürcher Juso-Präsident Fabian Molina. Es gehe um die Erneuerung der Partei. Ein anderer junger Sozialdemokrat gesteht Gross zu, während den 20 Jahren im Bundeshaus hervorragende Arbeit geleistet zu haben: «Aber ich verstehe nicht, warum er jetzt nochmals in den Nationalrat will.»

Doch nicht nur das Alter könnte Gross an der Delegiertenversammlung Stimmen kosten. Er wohnt seit Jahren im jurassischen Saint-Ursanne, obwohl er für Zürich in der Grossen Kammer sitzt. Entsprechend wenig präsent sei er in der SP Zürich, sagt ein SPler. Erst in den letzten Wochen sei Gross aktiver in Erscheinung getreten – ein sicheres Anzeichen für anstehende Wahlen.

Vertiefte Gespräche mit langjährigen Nationalräten

Selbst die Parteileitung der Zürcher SP scheint nicht besonders glücklich über Gross' Kandidatur, hat sie doch offenbar versucht, ihn von einer erneuten Kandidatur abzubringen. «Es gab vertiefte Gespräche mit unseren langjährigen Parlamentariern darüber, ob sie nochmals antreten», sagt Feldmann. Bei Christine Goll zeigten sie anscheinend Wirkung. Sie verzichtet nach 20 Jahren im Nationalrat auf eine Kandidatur.

Dass Gross sich nicht umstimmen liess, hat wohl nicht in erster Linie mit der Schweizer Politik zu tun. Seine Chancen stehen gut, dass er 2014 und 2015 Präsident des Europarats wird – eine Ehre, die sich der Vorsitzende der Sozialistischen Fraktion in Strassburg nicht entgehen lassen will. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte er, dass er das Amt gerne ausüben würde: «Weniger der Ehre wegen als vielmehr, weil es die Möglichkeit eröffnet, auf Augenhöhe mit allen Regierungen der Mitgliedsländer zu reden.» Für 20 Minuten Online war Gross nicht erreichbar.

Gross ist nicht der Einzige, der sich am Samstag bewähren muss. Erstmals vergeben die SP-Delegierten die ersten 17 Listenplätze in einer geheimen Wahl. Feldmann spricht von einem Experiment: «Es ist schwierig zu sagen, ob es grössere Verschiebungen gibt.» Es sei aber durchaus möglich, dass einer der bisherigen Nationalräte, von denen im Herbst fünf nochmals antreten, sich mit Platz acht oder neun begnügen müsse. «Bisher hatten die Neuen nie die Chance auf einen guten Listenplatz», sagt Feldmann. Das neue Verfahren bringe nun mehr Bewegung in das Nominationsverfahren.

Deine Meinung