Aktualisiert 11.01.2012 22:09

HorgenRechtsanwalt unterliegt gegen Bauarbeiter

Ein Rechtsanwalt ist vor seinem Wohnort in Kilchberg an einige Bauarbeiter geraten. Vor Gericht hat nun der Jurist den Kürzeren gezogen.

von
Attila Szenogrady

Es war am frühen Morgen, als sich einige Bauarbeiter am 3. Februar 2010 vor einer Liegenschaft in Kilchberg in eisiger Kälte grün und blau ärgerten. Ein falsch parkiertes Luxusfahrzeug der Marke BMW versperrte ihnen den Weg zu ihrer Baustelle. Womit sie über eine halbe Stunde lang ihre Arbeit nicht aufnehmen konnten. Als um 7.30 Uhr ein elegant gekleideter Mann auftauchte und die Karosse endlich öffnete, platzte ihnen der Kragen.

«Wie eine gesengte Sau rückwärts gefahren»

Die aufgebrachten Handwerker wollten den geschniegelten Lenker zur Rede stellen. Es handelte sich um einen Anwohner, der sich schon seit rund einem Jahr von den Bauarbeiten belästigt fühlte und keine Lust hatte, mit den roh erscheinenden Zeitgenossen nur ein Wort zu wechseln. Der Rechtsanwalt stieg in sein Fahrzeug ein und startete sogleich den Motor. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Obwohl die Autotüre noch geöffnet war, fuhr er plötzlich rückwärts. «Wie eine gesengte Sau», wie ein Bauarbeiter später zu Protokoll gab. Fest steht, dass einer der um das Auto stehenden Männer auf die Seite springen musste, um sich zu retten. Worauf der Beschuldigte gegen einen stehenden Lieferwagen prallte und danach trotz des Schadens das Weite suchte.

Bedrohungslage geltend gemacht

Im letzten Oktober musste sich der heute 57-jährige Rechtsanwalt in einem Berufungsprozess vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Der langjährige Jurist wehrte sich gegen ein Urteil des Bezirksgerichts Horgen, das ihn wegen Nötigung, Verletzung von Verkehrsregeln und pflichtwidrigen Verhaltens bei Unfall zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 160 Franken sowie 800 Franken Busse verurteilt hatte.

Der Angeklagte bezeichnete sich als unschuldig und stellte ihn Abrede, seinen Wagen vor der Baustelle parkiert zu haben. Er sprach vielmehr von einem Racheakt, indem die Bauarbeiter sein Fahrzeug absichtlich zum Tatort getragen hätten. «Ich habe mich zudem bedrängt und bedroht gefühlt, mein Leben hing an einem seidenen Faden», erinnerte er sich zurück. Zudem habe er wegen seiner damaligen Krebserkrankung einen dringenden Arzttermin wahrnehmen müssen.

Vergeblich Freispruch verlangt

Der Verteidiger verlangte einen vollen Freispruch und stufte die belastenden Aussagen der Bauarbeiter als nicht glaubhaft ein. So sei es einer der körperlich überlegenen Handwerker gewesen, der die Autotüre aufgerissen habe. Nur um den Beschuldigten an der Wegfahrt zu hindern. Das Handeln des eingeschüchterten Beschuldigten sei gerechtfertigt gewesen.

Argumente ohne Erfolg. Wie das Obergericht nun mitteilte, hat es die Horgner Schuldsprüche umfassend bestätigt. Es hat damit eine rechtfertigende Bedrohungslage verneint und das Verhalten des Anwaltes als strafbar eingestuft. Dass die Oberrichter die Strafe auf neu 15 Tagessätze zu 100 Franken sowie 600 Franken Busse gesenkt haben, kann für den Juristen nur ein kleiner Trost sein. So muss er infolge der Schuldsprüche bisher aufgelaufene Gerichtskosten von rund 5000 Franken bezahlen und gilt bei Rechtskraft des Entscheides als vorbestraft.

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