Aktualisiert 13.02.2009 15:35

Fall StettbachRechtsmediziner glaubt an Selbstverstümmelung

Die Stadtpolizei Zürich hat über die neuesten Erkenntnisse im Fall Stettbach informiert. Sicher ist: Die Frau war nicht schwanger. Für den anwesenden Rechtsmediziner liegt eine Selbstverstümmelung vor. Die Polizei ermittelt jeodch immer noch in alle Richtungen.

Der Fall der Brasilianerin, die am Montagabend beim Bahnhof Zürich-Stettbach nach eigenen Angaben von Neonazis überfallen worden sei und deren Körper mit Schnittwunden und SVP-Emblemen übersäht ist, ist nach wie vor ungelöst. Polizei und Rechtsmediziner konnten an einer Pressekonferenz aber einiges Licht ins Dunkel bringen.

Sicher ist: Die Frau war zur Zeit des angeblichen Überfalls nicht schwanger, hat also in der Folge auch keine Fehlgeburt erlitten, wie sie der Polizei gegenüber angab. Mehr noch: Der an der Pressekonferenz anwesende Rechtsmediziner Walter Bär geht bei den Verletzungen von einer Selbstverstümmelung aus.

Polizei ermittelt in einem Radius von 360 Grad

Zu Beginn der Pressekonferenz führte Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle den Hergang am Montagabend aus: Die Polizei traf nach einem Notruf am Bahnhof-Stettbach die Frau an, die am ganzen Körper oberflächliche Verletzungen aufwies. Die Frau habe der Polizei mitgeteilt, sie sei von drei Unbekannten attackiert worden. Durch einen Tritt in ihren Unterleib habe sie ihre ungeborenen Zwillinge verloren.

Eine sofortige Hospitalisierung der Frau sei auf Grund ihres Zustands notwendig gewesen, teilte Hotzenköcherle mit. Detaillierte Befragungen der Frau durch die Polizei hätten erst am Donnerstag und Freitag stattfinden können. Deshalb habe die Polizei auf eine sofortige öffentliche Fahndung und Veröffentlichung des Falles verzichtet.

Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, sagte der Polizeikommandant. «Wir ermitteln umfassend und in einem Radius von 360 Grad», teilte er mit.

Bilder waren echt

Laut Walter Bär, Professor am Institut für Rechtsmedizin der Uni Zürich, wurde die Brasilianerin in der Frauenklinik des Unispitals untersucht. Die frauenärztlichen Untersuchungen hätten ergeben, dass «keine Schwangerschaft vorlag», so Bär vor den Medien. Eine Zweituntersuchung habe den Befund bestätigt.

Rechtsmediziner Bär sagte, dass die in den Medien publizierten Bildern echt seien und dass es dabei sich um die Brasilianerin handle. Es seien viele der «gleichartig erscheinende Verletzungen» am Körper vorhanden. Die Anzahl sei eindrücklich, die Schwere der Verletzungen allerdings nicht gravierend.

Bär glaubt an Selbstverstümmelung

Es sei aufgefallen, dass die Verletzungen in Bereichen auftauchten, die die Frau selber erreichen könne - selbst jene im Nackenbereich. Weiter sei aufgefallen, dass Genitalien oder Brustwarzen nicht betroffen waren. Die Schnittwunden glichen sich alle.

Das Fazit des Rechtsmediziners: «Eine Selbsthandlung steht im Vordergrund». Die Experten glauben also, dass sich die Frau die Verletzungen selbst zugefügt habe.

Psychische Probleme?

Ob die Frau allenfalls psychische Probleme hatte, wollte Rechtsmediziner Bär nicht näher erläutern. Entsprechende Abklärungen seien im Gang. Polizeisprecher Marco Cortesi bestätigte, dass der Fall nun von der Staatsanwaltschaft übernommen werde.

Überwachungskamera half nicht weiter

Bei der Tatwaffe geht die Polizei von einem «messerähnlichen» Gegenstand aus. Keine Erkenntnisse lieferte der Polizei die Überwachungskamera, die am Bahnhof Stettbach aufgestellt ist. Die Kamera würde «keine Bilder speichern», sagte Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle.

Unklar, wie die Fotos an die Presse gelangten

Wie die Fotos der verletzten Frau in die brasilianischen Medien gelangten, weiss die Polizei nicht. «Wir sind dieser Frage noch gar nicht nachgegangen», sagte Hotzenköcherle. Die Frage sei aber auch nicht vordringlich. Sicher sei: Die Bilder seien aber von Privatpersonen weitergegeben worden, betonte Polizeisprecher Marco Cortesi.

Gespräch zwischen Polizei und Angehörigen

In brasilianischen Medien wurden in den letzten Tagen Vorwürfe gegen den Polizeieinsatz der Stadtpolizei Zürich erhoben. Die Polizei habe sich aber mittlerweile entschuldigt, hiess es weiter. Hat sich die Polizei bei der Frau tatsächlich entschuldigt? Laut Darstellung der Polizei sei es zwischen zwei Polizistinnen und Angehörigen der Frau im Spital zu einem Gespräch gekommen. Dabei hätten die Angehörigen auch Vorwürfe an die Adresse der Polizei gemacht. Die Polizistinnen hätten darauf geantwortet geäussert, dass es ihnen leid täte, sollten die Vorwürfe tatsächlich stimmen.

Maurer verteidigt Polizeieinsatz

Polizeivorsteherin Esther Maurer betonte vor den Medien, sie habe sich über den Polizeieinsatz informiert und sei zum Schluss gekommen, dass die Polizei vorzüglich gearbeitet habe. «Es wurde alles daran gesetzt, Licht ins Dunkel zu bringen», sagte Maurer. Es werde nach wie vor alles daran gesetzt, den Fall aufzuklären, so Maurer weiter. Sie bedaure ausserordentlich, sollte im Ausland der Eindruck erweckt worden sein, die Schweiz sei ein ausländerfeindliches Land. Insbesondere auch die Brasilianer seien in der Schweiz «herzlich willkommen».

«Es wurde keinerlei politischer Druck ausgeübt», betonte Maurer vor den Medien. Die Zusammenarbeit mit dem Aussenministerium in Bern (EDA) laufe gut.

(meg)

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