07.10.2019 09:46

DurchsagenReden zu viele Frauen im öffentlichen Verkehr?

In der Bahn oder im Tram ertönen aus den Lautsprechern vor allem weibliche Stimmen. Das stösst auf Widerstand.

von
B. Zanni

Hören Sie im Video, wie sich eine Durchsage der SBB anhört und wie eine genderneutrale Durchsage klingt.

Normalerweise begrüsst und verabschiedet eine weibliche Stimme die Passagiere in der S-Bahn. Als die S16 kürzlich am Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen ZH eintraf, bat jedoch eine ungewohnte Stimme die Passagiere zum Aussteigen. «Eine automatische Männerstimme war zu hören. Ich fragte mich, ob bei der SBB neuerdings auch Männerstimmen zum Einsatz kommen», berichtet eine Pendlerin.

Bei der SBB heisst es, dass in der S16 eine selten eingesetzte Sondermeldung zu hören gewesen sei. «Es gibt seit mehreren Jahren hinterlegte Sondermeldungen, die aber nur äusserst selten zum Einsatz kommen», sagt SBB-Mediensprecher Oli Dischoe.

Eine davon ist laut Dischoe die Bitte, nach Erreichen der Endhaltestelle auszusteigen, etwa bevor ein Zug aufs Abstellgleis gestellt werde. Da sei hin und wieder auch eine Männerstimme zu hören. «Auch macht es Sinn, dass sich etwaige Sondermeldungen von der gewohnten Stimme unterscheiden», sagt Dischoe.

Sympathische Stimme

Weibliche Stimmen stehen im öffentlichen Verkehr hoch im Kurs. Zu 90 Prozent fragten die Kunden nach weiblichen Stimmen, heisst es bei einer Agentur, die für zahlreiche Schweizer Verkehrsmittel Durchsagen produziert und anonym bleiben will. Auch die VBZ, die BLS, Bernmobil und die Frauenfeld-Wil-Bahn setzen bei den vorproduzierten Durchsagen ausschliesslich auf Frauenstimmen. Die Bahnbetreiber begründen dies damit, dass die gewählte Stimme etwa sympathisch, professionell oder angenehm sei. Auch gemäss Studien kommen weibliche Tonlagen besser an – sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Henry Hohmann, Politikverantwortlicher beim Transgender Network Switzerland und Preisträger des Tolerantia Award 2019, sagt: «Für Menschen, die sich zwischen den beiden Geschlechtern verorten, könnte eine geschlechtsneutrale Durchsagestimme wohltuend sein.» Er hielte es für spannend, eine solche im ÖV einmal auszuprobieren. Allerdings hat die Schweizer Trans-Community weitaus grössere Probleme zu bewältigen.»

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Als die S16 kürzlich am Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen ZH eintraf, bat jedoch eine ungewohnte Stimme die Passagiere zum Aussteigen.

Als die S16 kürzlich am Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen ZH eintraf, bat jedoch eine ungewohnte Stimme die Passagiere zum Aussteigen.

Keystone/Martin Ruetschi
«Eine automatische Männerstimme war zu hören. Ich fragte mich, ob bei der SBB neuerdings auch Männerstimmen zum Einsatz kommen», berichtet eine Pendlerin.

«Eine automatische Männerstimme war zu hören. Ich fragte mich, ob bei der SBB neuerdings auch Männerstimmen zum Einsatz kommen», berichtet eine Pendlerin.

Keystone/Mirjam Wanner
Auch die Verkehrsbetriebe Zürich, ...

Auch die Verkehrsbetriebe Zürich, ...

Keystone/Walter Bieri

«Durchsagen reproduzieren jeweiliges Denken»

Verkehrspolitiker und Grünen-Nationalrat Michael Töngi macht sich für eine Abwechslung von weiblichen und männlichen Durchsagestimmen stark. «In unserer Gesellschaft gibt es Frauen und Männer. Daher sollten die Durchsagen auch gemischt sein», sagt Töngi. Geschlechtsneutrale Stimmen könnten sinnvoll sein. «Auch im realen Leben haben nicht alle Personen eine Stimme, die eindeutig als weiblich oder männlich erkannt wird.»

Für Juso-Präsidentin Ronja Jansen hingegen haben geschlechtsneutralen Durchsagestimmen nicht Priorität. «Solche Durchsagen bringen die Gleichstellung nur bedingt weiter. Für echte Gleichstellung braucht es Lohngleichheit und eine gerechte Verteilung der Hausarbeit», sagt sie.

Betriebe zeigen sich offen

Die angefragten ÖV-Betriebe geben an, dass geschlechtsneutrale Stimmen bis anhin noch kein Thema gewesen seien. Gleichzeitig zeigen sie sich offen. «Geschlechtsneutrale Stimmen wären denkbar, solange diese nicht roboterhaft klingen», sagt etwa VBZ-Sprecherin Silvia Behofsits.

Bei der Südostbahn macht hingegen eine Männerstimme im Zug die Durchsagen. «Das Geschlecht spielt keine Rolle. In erster Linie ist eine sympathische, gut verständliche Stimme wichtig», sagt Brigitte Baur, Sprecherin der Südostbahn.

Neues System für Durchsagen

An den Durchsagen in der SBB dürfte sich künftig einiges ändern. Ab September 2019 sollte eigentlich die SBB ein neues System für die Durchsagen schweizweit einführen, berichtete die «Aargauer Zeitung» 2018 mit Bezug auf Ausschreibungsunterlagen. Vorgesehen sei ein Text-to-Speech-System, bei dem geschriebene Texte in gesprochene Sprache umgewandelt werden.

Ob die Bahn die bestehenden Stimmen in das neue System integriert, war laut den Unterlagen noch nicht entschieden. Die SBB hält sich bedeckt: «Zur zukünftigen Stimme der Durchsagen werden wir zu gegebener Zeit aktiv informieren», sagt Dischoe. Er betont zudem, dass die oben genannte Sondermeldung in keinem Zusammenhang mit der künftigen Durchsagestimme stehe.

Durchsagen am Flughafen und im Laden

Am Flughafen Zürich werden die flugrelevanten Durchsagen wie etwa Gate-Wechsel oder Flugverspätungen von einem Team von rund 30 Frauen und Männern aufgezeichnet und abgespielt. «Das Voice-Team setzt sich aus regulären Luftverkehrsangestellten zusammen, die über eine angenehme sowie sonore Stimme verfügen und erfolgreich die Voice-Schulung und -Einführung absolviert haben», sagt Swissport-Sprecherin Nathalie Berchtold. Es sei bei Swissport üblich, dass alle Stellen für alle Geschlechter ausgeschrieben und an die Bestqualifizierten vergeben würden, unabhängig des Geschlechts.

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