Aktualisiert 18.04.2020 06:04

Staaten im Vergleich

Regieren Frauen in der Coronakrise besser?

Nur wenige Länder werden von Frauen regiert. Doch gerade Regierungschefinnen scheinen im Kampf gegen Corona erfolgreich zu sein.

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les
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Finnland scheint die Coronakrise gut zu meisten: Auf eine Million Einwohner kommen nur 14 Todesfälle (Stand 17. April). Regiert wird das Land von der  34-jährigen Premierministerin Sanna Martin, der jüngsten Regierungschefin der Welt.

Finnland scheint die Coronakrise gut zu meisten: Auf eine Million Einwohner kommen nur 14 Todesfälle (Stand 17. April). Regiert wird das Land von der 34-jährigen Premierministerin Sanna Martin, der jüngsten Regierungschefin der Welt.

Jussi Nukari
In Island sind ebenfalls nur sehr wenige Menschen am Coronavirus gestorben. Die Strategie der Premierministerin Katrín Jakobsdóttir lautet: Testen, testen, testen.

In Island sind ebenfalls nur sehr wenige Menschen am Coronavirus gestorben. Die Strategie der Premierministerin Katrín Jakobsdóttir lautet: Testen, testen, testen.

Birgir Thor Hardarson
Norwegen ist ein weiteres Land, das sich im Kampf gegen das Coronavirus gut schlägt: Nur 29 Todesfälle kommen auf eine Million Einwohner. Auch hier steht eine Frau an der Spitze, die Premierministerin Erna Solberg.

Norwegen ist ein weiteres Land, das sich im Kampf gegen das Coronavirus gut schlägt: Nur 29 Todesfälle kommen auf eine Million Einwohner. Auch hier steht eine Frau an der Spitze, die Premierministerin Erna Solberg.

Hakon Mosvold Larsen

Die Auswirkungen der Coronakrise werden uns noch lange beschäftigen. Doch schon jetzt ist klar, dass verschiedene Länder die Krise sehr unterschiedlich handhaben. Dabei fällt auf, dass Staaten mit einem erfolgreichen Krisenmanagement überproportional oft von Frauen regiert werden, wie englischsprachige Medien berichten.

Nordische Länder sind erfolgreich

Finnland hat mit der 34-jährigen Premierministerin Sanna Martin die jüngste Regierungschefin der Welt. Sie reagierte auf die Coronakrise, indem sie etwa die besonders betroffene Region um die Hauptstadt Helsinki zeitweise abriegelte. Ausserdem griff sie zu einer unkonventionellen Methode: Influencer sollen neben den herkömmlichen Medien die Bevölkerung über die Pandemie informieren. Die Massnahmen scheinen zu wirken: Nur 14 Todesfälle kommen auf eine Million Einwohner (Stand 17. April).

In Island sind ebenfalls nur sehr wenige Menschen am Coronavirus gestorben. Auf der anderen Seite weist der Inselstaat die meisten nachweislich Infizierten pro Million Einwohner auf. Das liegt unter anderem daran, dass der Inselstaat nur 364'000 Einwohner hat und sich die Einzelfälle deshalb prozentual stärker auswirken. Doch auch die Strategie der Premierministerin Katrín Jakobsdóttir ist hier massgeblich. Diese lautet: Testen, testen, testen. In Island werden im Verhältnis zur Einwohnerzahl weltweit am meisten Corona-Tests durchgeführt. Auch beim sogenannten Contact Tracing ist Island weiter als die Schweiz: Auf freiwilliger Basis ermittelt eine App, ob man mit infizierten Personen in Kontakt stand.

Lockdown oder Selbstverantwortung?

Norwegen ist ein weiteres Land, das sich im Kampf gegen das Coronavirus gut schlägt: Nur 29 Todesfälle kommen auf eine Million Einwohner. Auch hier steht eine Frau an der Spitze, die Premierministerin Erna Solberg. In Norwegen wagt man schon früher als in der Schweiz einen Rückgang zur Normalität: Schon am 20. April sollen mit der Öffnung der Kindergärten und der Arbeitserlaubnis für Physiotherapeuten und Psychologen die ersten Lockerungen des Lockdowns erfolgen. Begleitet wird der Corona-Exit von einer Contact-Tracing-App, die seit Donnerstag freiwillig genutzt werden kann.

Schweden steht mit 131 Todesfällen pro Million Einwohner am schlechtesten da von den skandinavischen Ländern. Im Gegensatz zu den Regierungschefinnen der Nachbarländer Finnland und Norwegen hat Ministerpräsident Stefan Löfven keine einschneidenden Corona-Massnahmen beschlossen, sondern setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger. Erst nach ansteigenden Infektionszahlen Anfang April wurden Versammlungen von über 50 Personen verboten. Ausserdem dürfen Personen in Alters- und Pflegeheimen nicht mehr besucht werden.

Corona-Exit erfolgt langsam

Deutschlands 46 Todesfälle pro Million Einwohner sind vergleichsweise gering. Auch das Infektionsgeschehen habe man verlangsamt, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch. Jedoch dürfe es jetzt kein falsches Vorpreschen geben. Deshalb sieht Merkel einen Corona-Exit in kleinen Schritten vor. In einem ersten Schritt dürfen am Montag Läden mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmetern wieder öffnen, sofern sie umfangreiche hygienische Auflagen befolgen.

Im männlich regierten Nachbarland Österreich sind die Todesfälle pro Million Einwohner gleich hoch. Österreich hat besonders früh mit strikten Massnahmen auf das Coronavirus reagiert. Am 14. April hat Kanzler Sebastian Kurz den ersten Schritt zurück zur Normalität gewagt: Kleinere Geschäfte und Baumärkte durften wieder öffnen.

Belgien wird von einer Frau regiert, verzeichnet aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine hohe Anzahl Infizierter und Todesfälle pro Million Einwohner. Die Zahl ist viel höher als in den benachbarten Niederlanden, obwohl Premierministerin Sophie Wilmès schon Mitte März eine Ausgangssperre verhängt hat, die bis noch bis mindestens am 3. Mai gilt. Laut Wilmès liegt dieser Unterschied auch an verschiedenen Zählweisen.

«Regierungschefin verzichtet auf Lohn»

Auch ausserhalb Europas gibt es Beispiele von Ländern, die von Frauen durch die Krise geführt werden. Taiwan – monentan regiert von Tsai Ing-wen – verzeichnet im ganzen Land gerade mal 395 positiv getestete Personen und 6 Todesfälle – trotz der Nähe zu China. Bereits im Januar wurden Flüge aus Wuhan genau inspiziert, wenig später wurden Flüge aus China gestrichen.

Ebenfalls viel Lob für ihr Krisenmanagement bekommt Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland. Sie verhängte am 26. März eine strikte nationale Ausgangssperre. Das scheint sich auszuzahlen: Nur neun Personen sind am Coronavirus gestorben. Ausserdem will Ardern ihr Gehalt um 20 Prozent kürzen, um sich solidarisch zu zeigen gegenüber den Bürgern, die in der Krise arbeitslos werden und ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können.

Die «Handelszeitung» beurteilt die Leistung der Regierungschefinnen so: «Ihr Krisenmanagement zeigt Wirkung. Dabei scheinen sich vor allem ihr entschlossenes Vorgehen, klare Kommunikation, aber auch Empathie und Vertrauen auszuzahlen.» Das Gegenteil sei bei einigen ihrer männlichen Amtskollegen der Fall. Diese würden auf Autorität und Kriegsrhetorik setzen, hätten den Ernst der Lage lange Zeit heruntergespielt oder gar mit dem Finger auf andere Länder gezeigt – etwa Donald Trump in den USA, Jair Bolsonaro in Brasilien oder Viktor Orbán in Ungarn.

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