Provokateur: Regisseur Schlingensief ist tot
Aktualisiert

ProvokateurRegisseur Schlingensief ist tot

Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief ist im Alter von 49 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben. Vertreter von Politik und Kultur würdigten ihn als bedeutenden Künstler.

Schlingensief galt als einer der wichtigsten Ideengeber für die deutschsprachige Kulturszene, und war auch im Ausland einer der bekanntesten deutschen Künstler. Seine Inszenierungen, Filme und Projekte waren wegen ihrer politischen und künstlerischen Radikalität oft umstritten.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann bezeichnete den Verstorbenen als einen der vielseitigsten und innovativsten Künstler: Er habe die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusst. «Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte.» Schlingensiefs Schaffen und seiner Kreativität habe der Respekt vieler Kritiker gegolten, erklärte Neumann.

«Als grossen Mahner vor rücksichtslosem Profitstreben und spiessbürgerlichem Konservatismus» würdigte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier den Verstorbenen. Er äusserte die Hoffnung, dass Schlingensiefs Afrika-Projekt auch mit öffentlicher Förderung Deutschland realisiert werden kann.

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth zeigte sich sehr erschüttert. «Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler. Er hat unser Land mit seinen Arbeiten in aller Welt vertreten».

Die Vorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch, sagte, Schlingensief habe mit seinen Inszenierungen «wie kein anderer die deutsche Kulturwelt irritiert, provoziert aber auch beflügelt. Sein öffentlich dokumentierter Kampf gegen den Krebs hat uns tief bewegt.»

«Ein grosser Theatermann verlässt die Bühne», erklärte der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit laut «Berliner Morgenpost». Der Leiter der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, nannte Schlingensief einen grossen Filmemacher und politischen Künstler. «Ein Mensch, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeit aufgeregt hat.»

Seine Lungenkrebs-Erkrankung schilderte der Künstler 2009 in Tagebuchform unter dem Titel «So schön kanns im Himmel gar nicht sein!». Bis zuletzt widmete sich Schlingensief seiner Arbeit: Sein für die diesjährige Ruhrtriennale geplantes Stück «S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken» musste er Anfang Juli wegen einer neuen schweren Krebsdiagnose absagen.

Auf der Homepage des Künstlers schrieb die Familie am Samstag: «Im Sinne von Christoph Schlingensief bitten wir statt Blumen und Kränzen um eine Spende für das Operndorf in Afrika.» In das Mammutprojekt in Burkina Faso hat der Künstler viel Arbeit gesteckt. Erst im Januar war Grundsteinlegung auf dem sechs Hektar grossen Gelände.

Erfolge im Fernsehen, Film, Theater, Oper und Aktionen

Geboren wurde Schlingensief am 24. Oktober 1960 in Oberhausen. Er wuchs nach eigenem Bekunden in einem «extrem kleinbürgerlichen Elternhaus» auf. Sein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München brach es nach sieben Semestern ab. Lieber drehte er Filme, unter anderem «Das deutsche Kettensägenmassaker», «Terror 2000» und «Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutsche Film».

1996 war Schlingensief erster Aufnahmeleiter bei der ARD-Serie «Lindenstrasse», wo er «grauenhafte Erfahrungen» machte, wie er sagte. Zwischen 1997 und 2002 moderierte er im Fernsehen medienkritische Formaten wie «Talk 2000» und «U 3000». 1993 debütierte er als Regisseur an der Berliner Volksbühne. Später war er dort als Hausregisseur.

Schlingensief führte Schauspieler, Behinderte und Laien zu einer Truppe zusammen. Sein Stück «Schlacht um Europa» wurde 1997 von «Theater Heute» zum besten deutschsprachigen Stück gekürt. Zu einem Eklat kam es bei der Documenta 1997, als Schlingensief das Plakat «Tötet Helmut Kohl!» präsentierte.

Sein «Parsifal» wurde Kult

Schlingensief mischte auch selbst in der Politik mit: 1998 trat er mit seiner Partei «Chance 2000» zur Bundestagswahl an.

Bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen 2004 inszenierte er mit dem «Parsifal» seine erste Oper. Inzwischen gilt sie als als «Kult-Inszenierung».

2001 inszenierte er in Zürich «Hamlet», in das er aussteigewillige Neonazis integrierte. Die Schweizer Kritiken waren höflich bis vernichtend. Bemängelt wurde - anders als später in Deutschland - nicht der Einsatz der Neonazis, sondern die inkohärente Inszenierung.

Auch Attabambi Pornoland (2004) sorgte für viel Aufruhr. Die Aufführung wurde von einer Anzeige der Zürcher Stadtpolizei überschattet, die Schlingensief wegen angeblicher Ruhestörung büssen wollte. Dieser sah sich einer Kampagne von Gegnern seiner Arbeit ausgesetzt und setzte sich nach Wien ab. Ein Teil der Vorstellungen fiel ins Wasser.

Zusammengerechnet hat der Multi-Künstler knapp 80 Stücke, Theater und Aktionen geschaffen - ohne die ganzen Filme und Installationen, Objekte, Bilder und Skulpturen, wie Schlingensief einmal bilanzierte. «Ich glaube, es geht nichts verloren. Das hab ich als grösste Erleichterung.» (sda/dapd)

«Einer der innovativsten Künstler»

Der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat den verstorbenen Christoph Schlingensief als einen der vielseitigsten und innovativsten Künstler der Kulturszene gewürdigt. Schlingensief habe die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusst, erklärte Neumann am Samstag. «Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte.» Schlingensiefs Schaffen und seiner Kreativität habe der Respekt vieler Kritiker gegolten. (ap)

Deine Meinung