Aktualisiert 15.02.2006 22:55

Reiche Rapper

Fette Turnschuhe, Trainingsanzüge, Baggy-Jeans – die Hip-Hop-Mode, die aus einer Subkultur entstanden
ist, dient heute dazu, Stars wie P.Diddy oder Russell Simmons ein dickes Konto zu verschaffen.

«Hip-Hop ist die Musik, die den Schwarzen in den Ghettos und mit Eminem auch den Weissen in den heruntergekommenen Wohnsiedlungen eine Stimme gegeben hat. Und Phat Farm drückt die Überzeugung all jener aus, die mit den USA, wie sie sich heute darstellen, nicht einverstanden sind.»

Wenn Hip-Hop-Ikone Russell Simmons in Interviews über sein Modelabel Phat Farm spricht, hört es sich an, als wolle er die Welt verbessern. Wer jedoch die Umsatzzahlen seines Rap-Imperiums kennt, nimmt ihm das kaum ab. Phat Farm hat Russell Simmons reich gemacht: Allein im letzten Jahr verdiente er mit dem Label 140 Millionen Dollar – nachdem er die Modelinie an einen anderen Konzern verkauft hatte.

Hip-Hop und Klamotten, das weiss Russell Simmons nur allzu gut, ist ein profitables Geschäft, an dem sich immer mehr Promis aus der Szene beteiligen. So strich Sean Combs alias P.Diddy mit seinem Label Sean John im letzten Jahr rund 450 Millionen Dollar ein. Ähnlich viel verdiente Jay-Z mit seinem Label Rocawear. Jennifer Lopez' Marke J.Lo hat 375 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Da muss Beyoncé Knowles natürlich mit einer eigenen Linie – House of Dereon – nachziehen, die sie noch dieses Jahr auf den Markt bringen will.

Den modeinteressierten Rapstars geht es richtig gut. Sie können in Maybachs herumfahren, teure Pelze tragen, Diamanten im Ohr funkeln lassen und viel Champagner trinken. Doch je mehr Geld sie scheffeln und je mehr sie sich nach aussen hin als saubere Geschäftsmänner geben, desto mehr entfernen sie sich von ihren Wurzeln und schwächen ihr Image. Denn in der Hip-Hop-Welt ist nur glaubwürdig, wer ab und zu mal in Schiessereien verwickelt ist oder zumindest mit Drogen gedealt hat.

Streetwear, mit der die Rapper nun absahnen, galt ursprünglich als Mode von der Strasse für die Strasse. Niemand konnte sich teure Labels leisten, also machte man das Beste aus dem, was man hatte. Marc Ecko etwa, Gründer des erfolgreichen Labels Ecko Unlimited, begann in den Neunzigerjahren damit, T-Shirts mit Graffiti zu besprühen. Was damals noch Klamotten für eine kleine Gruppe waren, gibts heute in fast jedem amerikanischen Warenhaus. Aus einer ehemaligen Subkultur ist eine Massenkultur gewachsen, an der die prominenten Rapper kräftig mitverdienen. Für die Leute auf der Strasse wird es zunehmend schwieriger, zu glauben, dass ihre Vorbilder «echte Homeboys» geblieben sind.

In die Ghettos wollen die Stars nicht zurück, also arbeiten sie kräftig daran, ihr Image auf andere Weise wieder aufzupolieren: Sie geben sich als Wohltäter. Sean Combs läuft den New-York-Marathon, um für die ärmsten Schulen der Stadt Geld zu sammeln. Russell Simmons investiert in eine Stiftung zur Förderung schwarzer Künstler, und der Erlös aus der Respect- Me-Kollektion von Missy Elliott für Adidas Originals fliesst zum Teil in eine Organisation gegen Jugendgewalt.

Sollte auf der Strasse dennoch nichts mehr zu holen sein, haben die Hip-Hopper schon eine neue Zielgruppe im Visier: P.Diddy präsentierte im vergangenen Herbst seine erste Prêt-à-porter-Kollektion für Frauen, für deren Werbekampagne er Penélope Cruz gewinnen konnte. Und Jennifer Lopez zeigte während der Fashion Week in New York ihr neues Label Sweet Face. Die Kaschmirjäckchen und Abendkleider werden bis zu 800 Franken kosten – für Ghetto-Kids unerschwinglich, zumindest auf legalem Weg.

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