«Time-out» mit Klaus Zaugg: Reif für eine Medaille?
Aktualisiert

«Time-out» mit Klaus ZauggReif für eine Medaille?

Reicht es an dieser WM für eine Medaille? Das ist die grosse Frage nach den grandiosen Gruppenspielen. Ein Blick in die Vergangenheit sagt, dass wir spätestens 2012 eine Medaille holen sollten.

von
Klaus Zaugg
Mannheim

Die letzte WM-Medaille (Bronze) haben die Schweizer an der WM 1953. Weil die Amerikaner und Kanadier die WM boykottieren und die Tschechoslowaken wegen des Todes ihres Staatspräsidenten heimreisen müssen, beenden nur drei Teams das Turnier. Ein Medaillengewinn 2010 in Deutschland hätte also einen höheren Stellenwert als jener von 1953.

Durch ein weltweit anerkanntes Ausbildungsprogramm ist in der Schweiz eine neue Spielergeneration herangewachsen, die gegen die Besten der Welt immer mehr in jeder Beziehung auf Augenhöhe mitspielen kann. Aber sportliche Entwicklungen brauchen Zeit.

Auf den Spuren von Finnland

Nehmen wir als Beispiel Finnland, das neben der Schweiz als einzige Hockeynation nach dem 2. Weltkrieg den Aufstieg aus der Bedeutungslosigkeit in die Weltklasse geschafft hat.

Finnland gewinnt 1974 an der damals noch inoffiziellen U20-WM zum ersten Mal eine Medaille. Es dauert 14 Jahre bis zur ersten «richtigen» Medaille (Olympia-Silber 1988 in Calgary).

Die Schweizer haben 1998 an der U20-WM ihre erste Medaille der Neuzeit geholt. Das war vor zwölf Jahren. Wenn wir uns die Finnen zum Vorbild nehmen, so ist spätestens 2012 eine WM-Medaille fällig.

Zwei Gründe für Edelmetall

Inzwischen sind die Schweizer reif für Edelmetall. Erstens wegen der Resultate: Drei Siege in den Gruppenspielen (3:1 Lettland, 3:0 Italien, 4:1 Kanada). Zweitens wegen des Stils: Die Schweizer haben die Letten, die Italiener und die Kanadier auf die gleiche Art und Weise dominiert, sie haben gegen Kanada erstmals einem Grossen das Spiel aufgezwungen. Berater Andy Murray erklärt gegenüber 20 Minuten Online den Stilwechsel der Schweizer am Beispiel der beiden letzten Spiele gegen Kanada (2:3 n.P. in Vancouver, 4:1 in Deutschland). «In Vancouver brauchte es eine aussergewöhnliche Leistung von Torhüter Jonas Hiller. Beim 4:1 genügte ein guter Torhüter. Ich will damit nicht die Leistung von Tobias Stephan schmälern. Sondern damit sagen, dass wir viel mehr Spielanteile als in Vancouver hatten.»

Murray war mit Kanada dreimal Weltmeister, coachte schon über 600 NHL-Spiele und er hat jahrelang in der Schweiz gearbeitet. Er hat also einen guten Überblick. Die Fortschritte der Schweizer führt er auch auf die Qualität der Liga zurück. «Ich habe mehrere Spiele der Finalserie zwischen Bern und Servette im Stadion gesehen. Ich muss sagen: Das war vom Tempo und von der Intensität her NHL-Playoffhockey.»

Steigerungspotential vorhanden

Er sieht nach dem 4:1 gegen Kanada weiteres Steigerungspotenzial: «Nicht alle vier Linien haben gegen Kanada optimal gespielt. Wir können noch viel besser werden.»

Die Chancen, in der Zwischenrunde Platz 1 oder 2 zu halten und dadurch im Viertelfinale auf einen vermeintlich «kleinen» Gegner zu treffen (Deutschland oder Dänemark) sind also intakt. Es ist die gleiche Ausgangslage wie nach der Vorrunde an der WM 2008 in Quebec. Dort gewannen die Schweizer unter Ralph Krueger zum ersten Mal alle drei Gruppenspiele (gegen Frankreich, Weissrussland und Schweden). Aber in der Zwischenrunde gelang nur noch ein Sieg (gegen Dänemark) und im Viertelfinale war gegen den späteren Weltmeister Russland Lichterlöschen (0:6).

Wechsel zu Simpson im richtigen Zeitpunkt

Krueger wagte 2008 erstmals eine offensive Öffnung und scheiterte. Für eine erfolgreiche Öffnung, für ein neues Denken und Handeln braucht es einen Wechsel an der Bande. Um in die Weltklasse zurückzukehren, brauchte es den taktischen Dogmatiker Krueger. Aber er brachte den defensiven Schwefelgeruch nicht mehr aus den Kleidern. Unter Krueger war im Zweifel immer noch jeder Entscheid defensiv und das Aufgebot enthielt zu viele destruktive Spieler.

Der Wechsel zum Pragmatiker Sean Simpson ist genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Um es salopp zu sagen: Simpson lässt Eishockey vorwärts spielen. Und nicht, wie Krueger, in der Defensive arbeiten. Die Schweizer haben an dieser WM in allen drei Gruppenpartien Eishockey gespielt. Und nicht mehr gearbeitet.

Das ist gut so. Schliesslich ist ja Eishockey auch auf höchstem Niveau ein Spiel und Hockeyprofi sind Männer, die das Privileg haben, bezahlt werden, um zu spielen. Nicht um zu arbeiten.

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