Trans Schwimmerin Lia Thomas befeuert Debatte über Chancengleichheit
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Lia Thomas«Rein sexistische Behauptung» – trans Erfolgs-Schwimmerin befeuert Debatte

Die trans Frau Lia Thomas bricht in den USA mehrere Schwimmrekorde und rollt damit die Diskussion um die Teilnahme von trans Athletinnen neu auf. 20 Minuten hat mit Schweizer Verbänden über die Thematik gesprochen.

von
Florian Gnägi
Nils Hänggi
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Lia Thomas erhitzt die Gemüter.

Lia Thomas erhitzt die Gemüter.

AFP
Die US-Schwimmerin wurde bei der Geburt als Junge eingeordnet und schwimmt jetzt bei den Frauen Rekorde.

Die US-Schwimmerin wurde bei der Geburt als Junge eingeordnet und schwimmt jetzt bei den Frauen Rekorde.

imago images/Icon SMI
 Swiss Olympic sorgt sich um die Inklusion von trans Menschen in den Spitzensport.

 Swiss Olympic sorgt sich um die Inklusion von trans Menschen in den Spitzensport.

Urs Lindt/freshfocus

Darum gehts

Dürfen Personen, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, aber als Frauen leben, an Frauenwettkämpfen teilnehmen? Diese Frage ist in der Sportwelt latent aktuell, wird durch den Fall Lia Thomas jedoch wieder neu aufgerollt. 

Die US-amerikanische College-Schwimmerin erzählte während des ersten Studienjahres ihrer Familie, wie sie sich fühlt und startete in der Folge eine Hormontherapie, die das Testosteron in ihrem Körper unterdrückt. Ein Jahr danach wechselte sie in das Frauenteam der Pennsylvania-Universität. Die Regeln erlauben das.

Nach ihrem Wechsel bricht sie prompt einen Rekord, in dem sie sogar Olympia-Silbergewinnerin Emma Weyant über 500 Meter Freistil um 1,75 Sekunden hinter sich lässt. Im Dezember distanziert sie ihre Konkurrentinnen an Wettkämpfen in Ohio über 1500 Meter Crawl sogar um 38 Sekunden und mehr. Aber Thomas gewinnt nicht immer. So ist die 22-Jährige noch immer mehr als 9 Sekunden langsamer als beispielsweise Katie Ledecky bei ihrem College-Rekord. 

Debatte um körperliche Vorteile

Und trotzdem: Die Kritik an ihr ist riesig. Besonders rechtskonservative Kreise sind stinksauer. So nennen rechte Plattformen Thomas mit Absicht einen Mann und auch mit dem Namen, den sie hatte, als sie noch als Mann lebte. Dieses Vorgehen wird «Deadnaming» genannt und kommt einem Fremd-Outing gleich. Die 22-Jährige versteht derweil die Kritik nicht. Sie selbst sagt gegenüber der «Sports Illustrated»: «Die sehr einfache Antwort ist: Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau, also gehöre ich ins Frauenteam. Trans Menschen verdienen den gleichen Respekt, den jede andere Athletin bekommt.» Ob ihre Worte die Kritik verstummen lässt? Wohl kaum. Thomas ist kein Einzelfall. 

Das IOC sagt: Jeder Verband muss den Umgang mit trans Athletinnen und Athleten selber definieren. Das führt zu einem weltweiten Wirrwarr. Der Welt-Rugby-Verband verbietet beispielsweise trans Menschen die Teilnahme. Trans Frauen könnten cis Frauen verletzen, trans Männer könnten von cis Männern verletzt werden – so die Meinung des Verbands. UK Sports – britisches Pendant zu Swiss Olympics – vertritt offiziell die Meinung: «Transgender Frauen behalten im Schnitt meist ihren körperlichen Vorteil in Bezug auf Körperbau, Kraft und Ausdauer bei.»

«Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau, also gehöre ich ins Frauenteam», so die Schwimmerin. 

«Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau, also gehöre ich ins Frauenteam», so die Schwimmerin. 

IMAGO/Icon SMI

Niemand will eine klare Meinung abgeben

In der Schweiz gibt es noch keine trans Person, die im Spitzensport vertreten ist. Dennoch gehen auch hier Verbände und Organisationen der Frage nach, inwiefern trans Personen im Spitzensport unfaire Vorteile haben. 20 Minuten hat sich umgehört.

Eine klare Meinung will niemand abgeben. Der Schweizerische Schwimmverband (SSCHV) lässt verlauten, dass man sich schon seit Anfangs Jahres intensiv mit dem Thema beschäftige und dass der Weltschwimmverband Fina aufgrund des Falles Lia Thomas sogar eigens eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen habe. Der SSCHV bestätigt, dass es auf globaler Ebene Überlegungen gebe, im Beckenschwimmen eine eigene Kategorie für trans Athletinnen zu schaffen. Die Schwimmvereinigung betont, dass es sich um eine zu komplexe Angelegenheit handle, um eine allgemein gültige Empfehlung für alle Alterskategorien auszusprechen.

Swiss Olympic vertritt die Meinung, dass es grundsätzlich darum gehe, die grösstmögliche Inklusion zu ermöglichen und gleichzeitig die sportliche Fairness bestmöglich zu wahren. «Trans Athleten dürfen nicht a priori diskriminiert werden und an der Teilnahme gehindert werden», sagt der Dachverband, meint aber, dass Verbände Zulassungskriterien festlegen dürfen, die «wissenschaftlich erarbeitet und sportartenspezifisch sind». So soll allen Personen eine Teilnahme ermöglicht und gleichzeitig die sportliche Fairness gewahrt werden.

«Es ist eine unhaltbare Diskrimierung»

Neben den Sportverbänden befragte 20 Minuten auch das Transgender Network Switzerland zu der Debatte um trans Athleten im Spitzensport. «Aufgrund vom Geschlecht Zugang zu Hobby- oder Profisport zu verwehren, ist eine unhaltbare Diskriminierung», hält die Vereinigung fest und verneint, dass das Thema problematisch sei. 

«Es gibt absolut keinen Anhaltspunkt dafür zu glauben, dass trans Frauen den cis Frauen biologisch oder sportlich überlegen wären», sagt das Transgender Network und verkündet: «Das ist eine rein sexistische Behauptung beruhend auf der Idee, dass Testosteron ein Wundermittel sei, was schlicht nicht der Fall ist.» Die Organisation argumentiert weiter, dass auch andere Ausnahme-Athleten und Athletinnen besondere körperliche Vorteile haben und nicht ausgeschlossen werden, «wie etwa Michael Phelps mit seinen besonderen Gelenken, der dennoch nicht vom Spitzensport ausgeschlossen oder in eine eigene Kategorie verbannt wird.»

LGBTIQ: Hast du Fragen oder Probleme?

Hier findest du Hilfe:

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Du-bist-du.ch, Beratung und Information

InterAction, Beratung und Information für intergeschlechtliche Menschen, Tel. 079 104 81 69

Lilli.ch, Information und Verzeichnis von Beratungsstellen

Milchjugend, Übersicht von Jugendgruppen

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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