Aktualisiert 23.01.2015 11:36

EZB-Entscheid

«Reiner Bauchentscheid von Draghi»

Der Basler Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen beurteilt den EZB-Entscheid kritisch. Es sei ein reiner Bauchentscheid von Mario Draghi.

Der Basler Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen kritisiert den Entscheid von EZB-Chef Mario Draghi.

Der Basler Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen kritisiert den Entscheid von EZB-Chef Mario Draghi.

Der Basler Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen beurteilt den Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag kritisch. «Was die EZB jetzt macht, ist, wie wenn die Schweizerische Nationalbank die Schulden des Kantons Appenzell-Innerrhoden aufkaufen würde.»

Die geringe Reaktion von Börse und Frankenkurs auf den EZB-Entscheid, durch den Kauf von Staats- und Privatanleihen die Geldschleusen zu öffnen, zeige, dass er von den Märkten antizipiert worden sei, stellte Berentsen in einem Interview mit der «Basler Zeitung» vom Freitag fest.

Die Ankündigung habe deshalb keine Auswirkungen auf die Beurteilung des Entscheides der SNB, den Euro-Mindestkurs aufzugeben. Bei Entscheiden wie demjenigen der SNB gebe es nicht «das Richtige», sondern immer Gewinner und Verlierer. Für eine exportorientierte Unternehmen etwa habe der Entscheid andere Auswirkungen als für einen Haushalt, der gerne Ferien im Ausland mache.

Schweiz als Gegenbeispiel

EZB-Chef Mario Draghi begründete seinen Entscheid am Donnerstag mit der Angst vor dem Abrutschen in die Deflation und der mittelfristig angestrebten Inflationsrate von knapp zwei Prozent.

Für Berentsen gibt es für diese Zwei-Prozent-Marke keine wissenschaftliche Evidenz. «Das ist ein reiner Bauchentscheid», so Berentsen. Die Schweiz sei ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man auch mit sehr tiefen Inflationsraten selbst über einen längeren Zeitraum sehr erfolgreich sein könne.

Wie bei praktisch allen Massnahmen der EZB seit 2010 gehe es auch jetzt darum, dem maroden Bankensektor Luft zu verschaffen. Man wolle erneut die Bilanzen von Staaten und Finanzinstituten sanieren.

Berentsen sprach sich dagegen aus, dass die Schulden einzelner Länder vergemeinschaftet würden. «Jeder Staat sollte für seine eigenen Schulden selber geradestehen», so der Basler Ökonom.

Nicht wirksam ohne Reformen

Die EZB versuche einmal mehr, dem Bankensektor und der Politik Zeit für Reformen zu verschaffen. «Diese Zeit wird wahrscheinlich ungenutzt verstreichen. Ohne Reformen ist die Wirksamkeit null. Geld drucken kann eine verfehlte Wirtschaftspolitik nicht kompensieren», so Berentsen.

Er verwies auf die Unterschiede zwischen Europa und den USA. Die US-Wirtschaft habe die Zeit, die ihr die amerikanische Notenbank FED verschafft habe, genutzt, sich neu aufzustellen. Die amerikanische Wirtschaft sei aber einfach viel flexibler als die europäische.

Berentsen sprach sich ausserdem für einen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone aus. Danach werde es der Euro-Zone und Griechenland besser gehen. Eine Währungsunion könne nämlich nur funktionieren, wenn die beteiligten Länder über eine vergleichbare Wirtschaftsleistung und vergleichbar leistungsfähige politische Strukturen verfügten.

In der Schweiz habe niemand ein Interesse daran, dass die Euro-Zone auseinanderbreche. Dies würde laut Berentsen zu unabsehbaren Verwerfungen führen. (sda)

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